Geheimdienste Vodafone und die Spione ihrer Majestät

Seit August 2013 ist bekannt, dass Vodafone mit dem britischen Geheimdienst kooperiert. Ein Papier, das dem SPIEGEL vorliegt, zeigt nun: Das Bundesamt für IT-Sicherheit warnte das Innenministerium explizit vor der Firma.

Bundesinnenministerium: "Selbstauskunft lässt keinen eindeutigen Schluss zu"
DPA

Bundesinnenministerium: "Selbstauskunft lässt keinen eindeutigen Schluss zu"


Hamburg/Berlin - Das Schreiben, das dem SPIEGEL vorliegt, stammt von Anfang November 2013 - also der Zeit kurz nach der Enthüllung, dass der US-Geheimdienst NSA ein Handy von Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört hatte. Ein Fachmann vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, der wichtigsten Beratungsbehörde für Fragen der IT-Sicherheit, erklärt darin Beamten des Innenministeriums die Gefahren durch "Abhöraktivitäten der USA und UK".

Das Dokument enthält viele interessante Details, etwa die Tatsache, dass man beim BSI von der Überwachung des unverschlüsselten Kanzlerinnen-Handys wenig überrascht war: Das Abfangen von Handy-Telefonaten mit spezieller Hardware werde als "sehr wahrscheinlich angesehen", heißt es da.

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Später geht es im gleichen Papier um die Frage, auf welchen anderen Wegen sich ausländische Geheimdienste noch Zugriff auf deutsche Handys und Computer verschaffen könnten. Explizit erwähnt wird das NSA-Programm Genie, in dessen Rahmen die NSA Hintertüren in Zehntausende Rechner überall auf der Welt eingeschleust hat. Wie solche Hintertüren konkret aussehen und dass die NSA tatsächlich Implantate auch für Router und Switches für Mobilfunkanbieter herstellt, dokumentierten der SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE im Dezember 2013.

"Nummer, Dauer, manchmal sogar den Aufenthaltsort"

Weiter unten in dem Schreiben berichtet das BSI, man habe bei den Mobilfunkbetreibern mit Rahmenverträgen für die Bundesverwaltung nachgefragt. Mit den Antworten eines Betreibers war man offenbar nicht zufrieden: "Die Selbstauskunft von Vodafone Deutschland lässt für mobile Kommunikation innerhalb des deutschen Rechtsraums bislang keinen eindeutigen Schluss zu, ob der Zugriff auf bzw. die Ausleitung von Metadaten (bspw. 'Billing Informationen') oder SMS in ausländische Rechtsräume unterbleibt."

"Billing Information" kann für Geheimdienste von großem Interesse sein - zeigt sie doch unter Umständen, wer wann mit wem telefoniert hat. Sogenannte Call Detail Records (CDR) enthielten zwar "nicht den Inhalt eines Gesprächs, aber die Nummer, Dauer, manchmal sogar den Aufenthaltsort des Anrufers und so weiter", sagte der Mobilfunkexperte Philippe Langlois SPIEGEL ONLINE im November 2011.

Vodafone hat nach ersten Berichten über das BSI-Papier erklärt, es sei unverständlich, wie die Behörde zu dieser Einschätzung komme, die Vorwürfe seien nicht nachvollziehbar. Daten deutscher Kunden gebe Vodafone ausschließlich auf der Grundlage deutschen Rechts weiter.

Die "Süddeutsche Zeitung" hatte bereits im August 2013 berichtet, dass Vodafone einer von mehreren Providern sei, die dem britischen Geheimdienst GCHQ und wohl auch der NSA beim Anzapfen von Telekommunikationsverbindungen helfen. Vodafone Cable laufe dort unter dem Codenamen Gerontic. Die weiteren Kooperationspartner laut einem Dokument aus dem Snowden-Fundus, datiert von 2009: Verizon Business, Codename Dacron, British Telecommunications (Remedy), Global Crossing (Pinnage), Level 3 (Little), Viatel (Vitreous) und Interoute (Streetcar).

"The Intercept" und die "Süddeutsche Zeitung" berichten nun übereinstimmend unter Berufung auf Snowden-Dokumente, das 2012 von Vodafone aufgekaufte Unternehmen Cable & Wireless habe von der britischen Regierung mehr als fünf Millionen Pfund (6,25 Millionen Euro) für den Zugriff auf Internetkabel bekommen. Vodafone habe auf Anfrage erklärt, man habe in einer Aufarbeitung der Firmengeschichte von C&W "keinerlei Hinweise" auf Verstöße gegen Gesetze in Deutschland, Großbritannien und der EU entdecken können.

cis



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