Spähangriff auf deutsche Politiker Die Spur führt nach Russland

Die Mails sahen aus, als kämen sie von der Nato - doch sie sollten die Computer deutscher Politiker ausspähen. Hinter dem Angriff steckt wohl die Gruppe APT 28, ihr werden Verbindungen zum Kreml nachgesagt.

Bundestag in Berlin
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Bundestag in Berlin

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Die verdächtigen E-Mails trudelten am 15. und 24. August ein: Deutsche Politiker und Mitarbeiter mehrerer Parteien sind Ziel eines Hackerangriffs geworden. Die E-Mails sollten dazu verleiten, auf einen Link zu klicken, der Spähsoftware auf den Rechnern installiert, berichtet der Rechercheverbund von "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR. Der Fall deute auf russische Hacker hin.

Konkret im Verdacht steht eine Hackergruppe namens "APT 28", auch "Sofacy" genannt. Das bestätigte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), das den Angriff analysiert hat, auf Anfrage. Die Vermutung stützt sich auf die Vorgehensweise der Angreifer: "Die dem BSI bekannten technischen Parameter und Vorgehensweisen decken sich mit denen der Sofacy-Gruppe", sagte ein Sprecher.

"Tolldreistes Vorgehen, fast schon eine Provokation"

Der Absender der E-Mails benutzte eine Adresse, die hinter dem @-Zeichen auf "hq.nato.int" endete. Die Empfänger sollten offenbar glauben, dass sie eine Nachricht aus dem Hauptquartier der Nato erhalten haben. Weitergehende technische Verschleierungsversuche gab es offenbar nicht. Die Attacke sei von Russland ausgegangen, das sei klar zu erkennen, heißt es aus Regierungskreisen. Dort ärgert man sich über ein "tolldreistes Vorgehen, fast schon eine Provokation". Viele CDU-Politiker im Saarland haben die E-Mails bekommen, genauso wie Fraktionen des Bundestags.

Auch bei der Nato echauffiert man sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE über das Verhalten der Hacker, Nato-Adressen zu nutzen, und verortet die Angreifer ebenfalls in Russland.

"APT 28" fischt seit Jahren nach Regierungsdaten

Die beschuldigte Hackergruppe wird seit Jahren immer wieder mit Angriffen auf Regierungen in Verbindung gebracht. So soll sie unter anderem hinter der Cyberattacke auf den Bundestag 2015 stecken - und für den Hack der US-Demokraten verantwortlich sein, der diesen Sommer den Nominierungsparteitag in den USA erschütterte.

Die Sicherheitsfirma Kaspersky beobachtet die Aktivitäten der Gruppe, die in IT-Kreisen auch unter Namen wie "Fancy Bear", "Sednit" oder "Strontium" geführt wird, schon seit Jahren. Dort geht man davon aus, dass "APT 28" mindestens seit 2008 Daten von Regierungen, Nato-Ländern und Militärunternehmen abfischt - und immer aggressiver vorgeht: "2015 hat sich die Aktivität der Gruppe um das Zehnfache gesteigert", heißt es bei Kaspersky. Sie sei "einer der erfolgreichsten und agilsten Akteure", wenn es um weltweite IT-Bedrohungen gehe.

Die Abkürzung "APT" steht für "Advanced Persistent Threat", also eine langfristige und ausgefeilte Bedrohung. Der zweite Name, "Sofacy", geht auf den Namen eines Angriffsprogramms der Gruppe zurück.

"Anhaltspunkte für eine russische staatliche Steuerung"

Dafür, dass die Gruppe aus Russland kommt, sprechen Hinweise, die Sicherheitsexperten bei der Analyse von Attacken gefunden haben. "APT 28" verwendet zum Beispiel Schadsoftware, die auf Rechnern programmiert wurde, die russische Spracheinstellungen haben, sagt Christopher Porter, Analyst bei den IT-Experten von FireEye. Eindeutig ist das alles aber nicht, die entsprechenden Hinweise könnten auch bewusst platziert worden sein, sagt auch Porter.

Und selbst wenn "APT 28" aus Russland kommt: Beziehungen zum Kreml nachzuweisen, wird deutlich schwerer. Bislang verfolgt "APT 28" keine finanziellen Interessen mit den Hacks, was Indiz für einen staatlichen Auftrag sein könnte.

Die IT-Experten von FireEye konstatieren in einem 50-Seiten-Bericht über die Gruppe zudem ein extrem professionelles Vorgehen, das auf eine gute und langfristig gesicherte Finanzierung der Aktivitäten hindeute - vermutlich durch eine Regierung. "Wer so schnell wie diese Gruppe neue Angriffswerkzeuge entwickelt, muss riesige Ressourcen im Hintergrund haben", sagt Porter von FireEye.

"APT 28" werde vom russischen Geheimdienst FSB gesteuert, heißt es auch in einem Berichtder Sicherheitsfirma CrowdStrike, die nach dem Hack auf ihre Partei von den US-Demokraten eingeschaltet worden war.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) bekräftigte im Mai dieses Jahres ebenso, man sehe bei der Gruppe "Anhaltspunkte für eine russische staatliche Steuerung". Laut BfV steckt sie auch hinter dem weit schwerwiegenderen Cyberangriff auf den Bundestag im Jahr 2015. Damals waren die Hacker in 14 Server, darunter auch den Hauptserver mit sämtlichen Zugangsdaten zum deutschen Parlament, eingedrungen. 16 Gigabyte Daten aus dem Bundestagsnetz "Parlakom" sind abgeflossen.

Keine infizierten Rechner bekannt

Anders als 2015 war die Attacke dieses Mal wohl weniger ausgefeilt - und das Netzwerk des Bundestags war besser gerüstet. Dem BSI sind Stand Mittwochmittag keine infizierten Dienstrechner bekannt. Bei E-Mails an den Bundestag etwa sei der Link auf die Spähsoftware schon durch eine Sperrliste des Bundestagsnetzwerks geblockt worden.

"In der Vergangenheit hätte die Gruppe versucht, ihre Spuren besser zu verwischen", sagt Porter von FireEye. "Wir beobachten aber seit rund einem Jahr, dass sie sich nicht mehr so stark darum kümmert, obwohl sie technisch dazu in der Lage wäre. Es scheint fast, als wollten sie entdeckt werden, um die Botschaft zu senden: Russland fürchtet keine Vergeltung."

Auch Vincente Diaz, Sicherheitsexperte bei Kaspersky, hat bei "APT 28" eine zunehmende Fokussierung auf die öffentliche Wirkung ihrer Hacks festgestellt: "Wird so eine Gruppe entdeckt, verschwindet sie normalerweise gleich von der Bildfläche. Nicht so 'APT 28'. Sie fahren regelrecht öffentliche Kampagnen", sagt Diaz. "Vielleicht haben sie in Deutschland einfach nochmal ihr Glück mit einem alten Tool versucht und sind gescheitert. Oder der ganze Angriff war dafür da, entdeckt zu werden."

Unabhängig davon, wie erfolgreich der Angriff war, zeigt der Fall dem BSI und Regierungskreisen zufolge aber: Wem es gelingt, übers Internet Geheimnisse anderer Regierungen, fremder Parteien oder Organisationen abzugreifen, hat nicht nur einen Informationsvorsprung, der sich im Geheimen nutzen lässt. Sondern auch eine Waffe, um zum Beispiel in den Wahlkampf eines Landes einzugreifen. Eventuell, so wird auch hier gemutmaßt, habe Russland die Deutschen vor dem Wahlkampfbeginn verunsichern wollen. Vielleicht war dieser Hack nicht viel mehr als ein warnender Schuss vor den Bug.

Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potenziell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.


insgesamt 35 Beiträge
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ulf.bade 21.09.2016
1. Wenn unser Datenschutz
so gut ist, wie unsere Regierung, na dann gute Nacht.
Sonia 21.09.2016
2. NSA-Konkurrenz oder wer ist das?
Auch Bürgern geht es nicht anders und, wer hat noch keine Mails bekommen, wo die eigene Bank als Absender erscheint oder Behõrden? Ich würde sagen: Nehmt es mit Vorsicht und Humor. Was China kann, die Franzosen, die Engländer, die USA kõnnen, sollten auch die Russen packen. Mit dem Computer muss der Nutzer auch sein Hirn einschalten, umnicht jemand aufden Leim zu gehen.
90-grad 21.09.2016
3. Seit Snowden
wissen wir, das ist schon lange nicht mehr die Frage wer weltweit herum"hackt". Die Frage heute stellt sich anders. Wer ist so dumm sich noch hacken zu lassen?
forumgehts? 21.09.2016
4. Ok,
russische Wirtschaftsspionage, das wäre plausibel. Aber russische Politspionage gegen Schland? Als Russe würde ich dies als eine beleidigende Unterstellung gegenüber den russischen Geheimdiensten werten.
FilmCity 21.09.2016
5. Und Putin weiß von nichts?
Und Putin soll wahrscheinlich von nichts wissen? in einem Staat, der wieder vom Geheimdienst regiert wird, kann etwas wie dies eigentlich nicht unentdeckt sein. Wenn schon jeder "Unbequeme" gleich verhaftet oder überwacht wird, wie sollten dann solche "Bösewichte" unentdeckt bleiben können, schließlich könnten sie auch dem russischen Staat gefählich werden. Menschen, die dazu befähigt sind, laufen nicht auf der Strasse rum wie Arbeitslose, auch wenn es um das Equipment geht. Dann kann man also durchaus berechtigt annehmen, dass diese Angriffe mit Segen Putins, dem alten KGB Mann, durchgeführt werden.
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