Skandal um Datensammlung Was treibt eigentlich Cambridge Analytica?

50 Millionen Facebook-Profile soll die Datenanalysefirma Cambridge Analytica ausgewertet haben - ohne Wissen der Nutzer. Wie mächtig ist die Firma, die auch für Trump im Wahlkampf arbeitete?

Sitz von Cambridge Analytica in London
REUTERS

Sitz von Cambridge Analytica in London

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Die Firma Cambridge Analytica soll Informationen aus Millionen Facebook-Profilen, die sie nicht hätte bekommen dürfen, illegal ausgewertet und für ihre Zwecke genutzt haben. Der Fall wächst sich zum Skandal für Facebook aus. Während das Netzwerk weltbekannt ist, ist wenig über Cambridge Analytica bekannt. Lesen Sie hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

1. Was macht Cambridge Analytica?

Die 2013 als Tochter der SCL Group gegründete Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica (CA) betreibt Verbraucherforschung: Mithilfe von Datensätzen erstellt sie Persönlichkeitsprofile, die es möglich machen sollen, Werbung sehr genau auf die Menschen zuzuschneiden und eine personalisierte, passende Ansprache zu finden.

Das Angebot richtet sich sowohl an Firmenkunden, als auch an Politiker im Wahlkampf. "Wir finden Ihre Wähler und mobilisieren sie", heißt es etwa auf der Firmen-Webseite. Man kombiniere Datenanalyse mit Verhaltensforschung, um "jede Einzelperson in Ihrer Zielgruppe zu verstehen" und sie persönlich erreichen zu können. Für ihre Tätigkeit erstellt die Firma Psychogramme nach dem sogenannten Fünf-Faktoren-Modell (Englisch auch OCEAN-Modell) aus der Psychologie - und ist dadurch angeblich in der Lage, den jeweils richtigen Ton zu treffen.

Bekannt wurde die Firma durch ihre Rolle im US-Wahlkampf. Ihre Tätigkeit soll dazu beigetragen haben, Donald Trump ins Amt zu hieven. Zuvor war sie für den texanischen Senator Ted Cruz tätig und bei dessen Kandidatur behilflich.

Firmenchef Alexander Nix hattevor zwei Jahren behauptet, seine Firma habe auch die letztlich erfolgreiche Brexit-Kampagne leave.eu befeuert ("supercharged"). In einer Anhörung vor dem britischen Parlament behauptete er nun allerdings das Gegenteil: "Wir haben nicht mit ihnen gearbeitet".

2. Womit schmückt sich die Firma?

CA hat sich in der Vergangenheit mit ihrem Wissen und ihren ausgefeilten Methoden gebrüstet. Dabei sind Psychogramme nur ein Teil des Geschäftsmodells - wenn auch der am offensivsten vermarktete.

Firmenchef Nix sprach einmal von einer "secret sauce", also einer Art Geheimrezept, mit dem die Firma erfolgreich arbeite. Ohne allzu konkret zu werden, deutete er einst an, diese geheime Soße auch in der Kampagne von Donald Trump verwendet zu haben.

Kritiker allerdings halten die Darstellung der eigenen Erfolge für übertrieben. Wie gut das sogenannte Mikrotargeting und die Auswertung von Psychogrammen funktionieren und wie viel Einfluss die Datenanalysefirma wirklich hatte und hat, ist unklar. Wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge haben diese Methoden zwar nachweisbare, letztlich aber eher unbedeutende Effekte auf das Zielpublikum, also zum Beispiel Wähler. Ihre angeblich außergewöhnlichen Fähigkeiten und Erfolge stützen sich vor allem auf die Aussagen ihrer Manager.

3. Hat die Firma mit ihrer Datenauswertung Trump wirklich ins Amt geholfen?

Berichte über den Einfluss von CA auf die Präsidentschaftswahl sorgten weltweit für Aufsehen und es hieß zunächst, die Firma habe mithilfe von Psychogrammen der amerikanischen Wähler Donald Trump zum überraschenden Wahlsieg verhelfen können. Ob das stimmt, ist aber höchst fraglich.

Ein CA-Mitarbeiter verneinte etwa später, dass für den Wahlkampf überhaupt Psychogramme erstellt worden seien. Man habe dafür schlicht nicht genug Zeit gehabt und sei vielmehr damit beschäftigt gewesen, verschiedene Datenbanken zusammenzuführen.

Trumps Helfer sagten später, die Firma habe nur eine vergleichsweise bescheidene Rolle in der Kampagne gespielt. In erster Linie habe sie Personal abgestellt, das an der Seite anderer Analysefirmen arbeitete - mit eher konventionellen Methoden.

Das Team von Ted Cruz, für das CA vor Trumps Wahlkampf tätig wurde, war nach Angaben der "New York Times" so unzufrieden mit den Ergebnissen, dass es erst auf die Psychogramme verzichtete - und dann ganz auf die Dienste der Firma.

Datenskandal bei Facebook: Mehr als 50 Millionen Profile betroffen

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4. Welche Rolle spielen Daten von Facebook für die Analysen von CA?

Zu diesem Thema widersprechen sich die Verantwortlichen selbst. Firmenchef Nix hat 2016 im Gespräch mit Journalisten gesagt, Cambridge Analytica verwende zur Erstellung seiner Psychogramme unter anderem auch Facebook-Likes. Bei einem seiner Vorträge war im Hintergrund auch das Facebook-Logo zu sehen - neben dem von Datenhändlern wie Acxiom. Sein Firmensprecher behauptete auf Anfrage von "Wired" kurz darauf allerdings das Gegenteil. Nix selbst kurz darauf auch.

CA-Chef Alexander Nix
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CA-Chef Alexander Nix

Ähnlich lief es im aktuellen Fall: Der Darstellung des "Guardian" zufolge beruht Cambridge Analyticas Profilbildung auf der Korrelation von Persönlichkeitstests mit Facebook-Likes. Dass die Firma Daten von Facebook besaß und nutzte, geht aus - allerdings älteren - Rechnungen, Quittungen, E-Mails und Anwaltspost hervor, die der ehemalige Cambridge-Analytica-Mitarbeiter Christopher Wylie den Journalisten vorlegte.

Doch noch im Februar hatte Nix in einer Anhörung vor dem britischen Parlament gesagt: "Wir arbeiten nicht mit Facebook-Daten und wir haben keine Facebook-Daten". Ob Nix absichtlich nur das Präsens gewählt hatte, ist unklar.

5. Warum ist die Firma so umstritten?

Die Einflussnahme auf demokratische Wahlen und womöglich auch auf Entscheidungen wie den Brexit sind hochbrisant. Zumal die Firma politisch dem rechten Spektrum zugeordnet wird: Finanziert wird sie vom rechtskonservativen Milliardär und Trump-Unterstützer Robert Mercer, im Aufsichtsrat der Firma saß zeitweilig Trumps ehemaliger Chefstratege Steve Bannon.

Bei ihrer Arbeit schrecken die Verantwortlichen augenscheinlich auch vor heiklen Methoden nicht zurück: Ein Undercover-Reporter des Senders Channel 4 hat sich mehrfach mit Nix getroffen und sich als potenzieller Kunde aus Sri Lanka ausgegeben. Auf die Frage, ob Nix belastendes Material eines konkurrierenden Politikers beschaffen könnte, antwortete der mit dem Vorschlag "ein paar Mädchen zum Haus des Kandidaten" zu schicken. Außerdem könne man versuchen, den Konkurrenten mit einem heimlich gefilmten Bestechungsversuch auszuschalten. Versuchte Bestechung ist allerdings illegal, jedenfalls in den USA und Großbritannien, wo Cambridge Analytica agiert und registriert ist.

In den Gesprächen sagte Nix auch, dass Cambridge Analytica mit Tarnfirmen, gefälschten Online-Identitäten und gefälschten Websites arbeite, damit die Klienten nicht mit der Datenanalysefirma in Verbindung gebracht würden.

Als Reaktion auf die Channel-4-Enthüllungen teilte die Firma mit, sie führe routinemäßig Gespräche mit potenziellen Kunden, um bei ihnen mögliche unethische oder illegale Absichten aufzudecken.

Außerdem bestreitet Cambridge Analytica vehement, gewusst zu haben, dass es die Facebook-Daten der 50 Millionen Nutzer nicht hätte verwenden dürfen. Als es das bemerkt habe, seien - anders als von den Medien dargestellt - alle Daten gelöscht worden. "Diese Facebook-Daten" seien auch nicht für die Trump-Kampagne verwendet worden.

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