Campus Party: Berlins plötzliches Technik-Festival

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Auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof beginnt an diesem Abend die Campus Party, ein riesiges Fest für Computer-Fans. Erwartet werden Netzpionier Tim Berners-Lee und 10.000 Besucher. Dafür macht die deutsche Szene erstaunlich wenig Wirbel.

Technologie-Treffen: Die Campus Party in Berlin beginnt Fotos
DPA

Nach und nach füllt sich das Areal des stillgelegten Berliner Flughafens Tempelhof mit Leben, Hunderte Besucher sind schon angekommen, mit Rucksäcken, Schlafsäcken, Koffern - und Laptops.

Am Mittwochabend beginnt hier offiziell das Technologie-Festival Campus Party Europe. Dazu treffen sich junge Programmierer, Blogger, Bastler, Gamer und Netzaktivisten aus ganz Europa. Lauter Menschen eben, die sich für Computer- und Netzthemen interessieren. Insgesamt 10.000 davon erwarten die Veranstalter. Moment mal - zehntausend?

Sollte sich diese Erwartung erfüllen, wäre die Campus Party tatsächlich, wie angekündigt, das größte Technologie-Festival Europas, größer als die Blogger-Konferenz re:publica und der Kongress des Chaos Computer Clubs zusammen.

400 Stunden Programm

Entscheidend für das Ge- oder Misslingen des Festes wird aber nicht unbedingt die Zahl der Teilnehmer sein, sondern deren Stimmung und vor allem die inhaltliche Qualität der Vorträge und Workshops. Mehr als 400 Stunden Programm wird es geben, in insgesamt 24 Themenbereichen, von Astronomie über Apps, Biotechnik und freie Software bis zu Sicherheit, Social Media, Spielen und Robotertechnik.

Zu den Rednern gehören der Schriftsteller Paulo Coelho am Mittwoch sowie der Netzpionier Tim Berners-Lee, der am Samstag über Anfänge und Zukunft des World Wide Webs sprechen will. Auch EU-Kommissarin Neelie Kroes hat sich angekündigt. Zur Eröffnung der Veranstaltung auf dem ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof wurde am Abend Wirtschaftsminister Philipp Rösler erwartet.

"Das Betriebssystem Europas verändern"

Die Veranstalter der Campus Party haben sich viel vorgenommen: Vor Beginn des Festivals sagte der spanische Initiator Paco Ragageles, der Ausweg aus der Krise Europas führe nur über eine aktive Beteiligung an den demokratischen Prozessen. "Wir müssen das Betriebssystem Europas verändern", forderte er, und klingt damit fast wie ein Vertreter der Piratenpartei im Wahlkampf. Bei dem Internet-Festival soll es um nichts weniger gehen als "Europas Quellcode neu zu formulieren, um Europa zu einem besseren Ort zu machen".

Ein Viertel der erwarteten Besucher wurden von der EU-Kommission und dem Hauptsponsor eingeladen und mit Bussen aufs Berliner Camp geholt. Es sind Studenten, die ihre Ideen zur "Digitalen Agenda" von EU-Kommissarin Neelie Kroes beigetragen haben.

Dafür, dass diese Riesenveranstaltung zu Änderung des europäischen "Betriebssystems" in Berlin stattfindet, wurde bisher von den üblichen Verdächtigen der deutschen Internet-Community erstaunlich wenig Wind darum gemacht. Zu so einer Veranstaltung wäre eigentlich allein auf Twitter seit Wochen mehr Vorfreude aus Deutschland zu erwarten gewesen.

7000 Besucher bei der Campus Party in Mexiko

Stattdessen las man noch vor wenigen Tagen Tweets wie diesen von User @Phipz: "Sagt mal: Habt ihr von der Campus Party in Berlin gehört? Oder ist das nur an mir vollkommen vorbeigegangen?" Während andere Computer- und Netzkonferenzen in Deutschland langsam gewachsen, tief verwurzelt und Monate im voraus rot im Kalender angestrichen werden, kommt die Campus Party offenbar für viele überraschend - und fast plötzlich.

Dabei wurde sie nicht nur lange im Voraus angekündigt, sondern es gibt sie auch schon seit 16 Jahren - nur eben nicht in Deutschland. Vier befreundete Spanier haben sie 1997 als Geek-Party gegründet, ein Fest mit damals noch 250 Besuchern. Sie wurde mit jedem Jahr größer und internationaler, fand unter anderem in Brasilien, Ecuador und Kolumbien statt. Im vergangenen Jahr in Mexiko nahmen laut Veranstalter 7000 Besucher, sogenannte Campuseros, teil.

Zelte in Reih und Glied

Doch nicht nur die Tatsache, dass ein Fest aus dem Ausland einfach importiert wird, mag manchen Computerfan zunächst skeptisch an die Sache heran gehen lassen - sondern auch die Tatsache, dass es sich um eine kommerziell ausgerichtete Veranstaltung handelt, mit Telefonica/O2 als sehr präsenten Hauptsponsor. Der Chaos Computer Club verzichtet auf solche Art Sponsoring, auf der re:publica präsentieren sich die Geldgeber fast schon dezent.

So hat die Campus Party auf den ersten Blick einen anderen Charakter als beispielsweise ein selbstorganisiertes Szenetreffen. Das zeigt sich schon an der Zeltstadt, die in mehreren Hallen des ehemaligen Flughafens eingerichtet ist: Dicht an dicht reihen sich blaue Iglu-Zelte, die insgesamt 5000 Teilnehmer einen Schlafplatz bieten sollen. Auf jedem prangt das O2-Logo, schön einheitlich - von kreativem Festival-Chaos ist das noch weit entfernt.

Mit Material von dpa

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
derdriu 21.08.2012
Ich freue mich sehr- habe ein Ticket gewonnen (die regulären Tickets sind relativ teuer). Da der Netzgemeinde Unabhängigkeit und Individualität wichtig ist, wird sie selber nicht allzu viel Wirbel gemacht haben. ABER: Warum schreibt denn fast keine Zeitung darüber? Es ist doch schon ein großes Ereignis, aber man scheint nicht mit Skandalen zu rechnen... Ich halte solche Veranstaltungen doch für wesentlich wichtiger, als z.B. eine "Bread and Butter", auf der man weder etwas ändern noch wirklich diskutieren kann.
2. LinuxTag Berlin...
disi123 22.08.2012
die hatten 12.624 Besucher dieses Jahr mir 200 Vortraegen aus 17 verschiedenen Laendern. Gut, das ist eine Messe und keine 'Party' obwohl die Leute auch alle ziemlich relaxed sind. Also wie kann es das 'groesste' Technik-Festival Europas sein?
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