Chat mit Edward Snowden "Nicht jede Spionage ist böse"

Edward Snowden will zurück in die USA. Das wäre für alle die beste Lösung, sagte er am Donnerstagabend in einem Live-Chat. Doch dazu müssten zuerst Gesetze geändert werden. Erstaunlich viel Lob verteilte der Whistleblower an die Geheimdienste.

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Edward Snowden (Archivbild): "Das Richtige zu tun, bedeutet, nichts zu bereuen"
AP/ WikiLeaks

Edward Snowden (Archivbild): "Das Richtige zu tun, bedeutet, nichts zu bereuen"


Eine Weile hätte man denken können, Whistleblower Edward Snowden habe sich wegen des öffentlichen Interesses an seiner Person Popstar-Allüren zugelegt. Fast eine Viertelstunde ließ er sein Publikum warten, bevor seine erste Antwort auf eine der per Twitter eingereichten Fragen erschien, auf einer von Unterstützern eingerichteten Website.

Als er dann loslegt und die Fragen beantwortet, die schon den ganzen Tag mit dem Hashtag #AskSnowden verschickt werden, findet er klare Worte und gibt sich als guter Patriot. Er will seinem Land keinen Schaden zufügen, sondern es auf den rechten Weg zurückführen. "Nicht jede Spionage ist böse", beginnt er seine Antwort auf die Frage, welchen Umfang der US-Geheimdienstapparat seiner Meinung nach denn haben sollte.

Das eigentliche Problem sei, dass die Geheimdienste nicht das tun, was nötig, sondern was technisch möglich ist. Eine Methodik, die er als massive Einschränkung der Privatsphäre und der persönlichen Freiheit betrachtet. Problematisch seien vor allem die riesigen Datenbanken, in denen über jeden noch so unbescholtenen Bürger schädliche und peinliche Informationen gespeichert würden.

"Verbindungsdaten von Großmüttern in Missouri"

Und dann bricht Snowden eine Lanze für die Geheimdienste, die hervorragend dazu in der Lage seien, "unsere Spionagebedürfnisse durch gezielte Überwachung zu erfüllen", ganz ohne die derzeitige "Überwachung ganzer Bevölkerungen". Snowden schreibt:

"Wenn wir gut genug sind, um in jedes Gerät auf dem Planeten einzubrechen, in das wir wollen (und dazu gehört das Handy von Angela Merkel, wenn man den Berichten glauben kann), dann gibt es keine Entschuldigung dafür, dass wir unsere Zeit damit verschwenden, die Verbindungsdaten von Großmüttern in Missouri zu sammeln."

Nationale Gesetze könnten das Problem der wahllosen Überwachung nicht lösen. "Ein Verbot in Burundi stoppt nicht die Spione in Grönland", schreibt Snowden. Die allgegenwärtige Überwachung sei ein globales Problem, und Amerika - da gibt sich Snowden wieder patriotisch - müsse die Führung bei der Problemlösung übernehmen. Wenn die US-Regierung aus Effizienzgründen entscheide, Bürgerrechte außer Acht zu lassen, würde man damit jedem zweitklassigen Diktator einen Freibrief für dieselben Methoden der Massenüberwachung ausstellen.

"Ich habe nie Passwörter gestohlen"

Ausführlich antwortet Snowden auf Fragen, warum er seine Kritik am US-Überwachungsapparat publik machen musste - und sich nicht intern Vorgesetzten anvertraut habe. Er habe mehrfach Kollegen und Vorgesetzte über das Ausmaß der Verfassungsbrüche informiert, die von der NSA begangen worden seien, schreibt Snowden. Aber niemand habe den Mumm aufgebracht, deswegen etwas zu unternehmen.

Das Gesetze zum Schutz von Whistleblowern kritisierte er als zu lasch, auf ihn als Auftragnehmer würde es ohnehin nicht zutreffen. "Hätte ich mein Wissen über diese verfassungsfeindlichen Geheimprogramme dem Kongress mitgeteilt, hätten die mich wegen Verrats anklagen können."

Auf die Methoden angesprochen, mit denen er sich die geheimen Daten der NSA beschafft hat, widerspricht Snowden Berichten, er habe sich dazu der Zugangsdaten seiner Kollegen bedient: "Ich habe nie Passwörter gestohlen."

"Die beste Lösung"

Nicht lange vor dem Ende der gut eineinhalbstündigen Fragerunde widmet er sich einer Frage, die ihm am Herzen zu liegen scheint: Unter welchen Bedingungen er in die USA zurückkehren würde, wollen Twitter-Nutzer wissen. Snowden nennt das Ende der Telefonüberwachung, wie sie die Datenschutzkommission fordert, als Bedingung, außerdem eine Reform des Whistleblower-Schutzes. Denn eine Rückkehr sei "die beste Lösung für die Regierung, die Öffentlichkeit und mich selbst".

Justizminister Eric Holder hatte am Donnerstag dem Fernsehsender MSNBC gesagt, dass die US-Regierung mit Snowden ins Gespräch kommen wolle. Eine Begnadigung lehnte Holder jedoch ab, die "würde zu weit gehen".

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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
mfetzer 24.01.2014
1. fetzersen@web.de
Snowdon ist für mich ein nichtsagender Geheimnisverräter. Nichts mehr und nichts weniger.
otto1939 24.01.2014
2. Haltung
Snowden sollte sich damit abfinden, dass er ein Welle ausgelöst hat. Es gibt kein zurück. Er muss sich arrangieren und einen Ort finden, an dem er leben kann.
sporty.hk 24.01.2014
3. Danke Spiegel für den Beitrag zum Thema in Heft Nr.04
Mir war immer unverständlich, warum unser Präsident zu dem ganzen Thema beharrlich schweigt. Nachdem ich den Spiegelartikel Der Schatz vom Teufelsberg gelesen habe wird mir einiges klar. Herr Gauck mußte bereits zu Beginn der Neunziger Jahre über die intensiven Spähaktivitäten der NSA ausführliche Kenntnisse haben ebenso der damalige Minister des Inneren (Schäuble). Von der Politik dürften die Bürger zum Thema Datenschutz also keine Unterstützung erwarten. Die Empörung Frau Merkels über ihr bespitzeltes Mobiltelefon entlarvt sie ein weiteres mal als begnadete Schauspielerin.
daten.waesche@gmail.com 24.01.2014
4. Wir brauchen die NSA
Bei dem was wir vor haben, brauchen wir die Überwachung. Das Internet kann so viel Kapital zusammenziehen und generieren weil globale Märkte aufgemacht werden. Sie nutzen den Schwarm und seine Wünsche. Die gleiche Kraft des Schwarmes, kann alles in Gefahr bringen, wir müssen überwacht werden. 67 Jahre CIA heißt, 1000 geimpfte Aufstände. Der CIA ist wie Silberchlorit zum Regenmachen. Die Geheimdienste wissen um die Latenz im Denken von Gruppen. Sie kauften 100te von Rebellengruppen. Die Metadaten sind wie ein Erdbeben-Seismograph. Sobald sich auf dem Planeten etwas zusammenzieht, kann die „Regierung“ mit ihren Geheimdiensten sofort zugreifen. Der Terrorkrieg ist eine Art Metadaten Krieg. Wenn der CIA Terroristen animiert aktiv zu werden, beginnen die sich zu bewegen, und wenn sie sich bewegen kommunizieren sie auch. Sie treffen sich oder rufen an und man weiß, wo sie sind. Der nächste Schritt ist die Drohne die auch weiß wo.
Wolffpack 24.01.2014
5.
Zitat von sysopAPEdward Snowden will zurück in die USA. Das wäre für alle die beste Lösung, sagte er am Donnerstagabend in einem Live-Chat. Doch dazu müssten zuerst Gesetze geändert werden. Erstaunlich viel Lob verteilte der Whistleblower an die Geheimdienste. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/chat-mit-edward-snowden-nicht-jede-spionage-ist-boese-a-945266.html
Recht hat er, in allem was SPON hier zitierte. Ausschlaggebend, warum die (speziell amerikanischen) Geheimdienste dort sind, wo sie heute sind, ist eigentlich dieser Satz: "Hätte ich mein Wissen über diese verfassungsfeindlichen Geheimprogramme dem Kongress mitgeteilt, hätten die mich wegen Verrats anklagen können." Es fehlt einfach jegliche Rückkopplung. Das was man immer so schön als "Regelkreis" bezeichnet, ist dort einfach komplett unterbrochen.
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