Chelsea Manning Längst kein Happy End

Die US-Whistleblowerin Chelsea Manning ist frei. Darüber kann man sich freuen - aber nur kurz. Ihre Freilassung ist eine Ausnahme, die Missstände bestehen fort.

Ein Kommentar von und


Chelsea Manning ist seit heute frei. Endlich.

Um zwei Uhr nachts Ortszeit hat die Whistleblowerin laut einem Militärsprecher das Gefängnis in Kansas verlassen. Viele freuen sich nun, dass sie nicht noch die nächsten Jahrzehnte im Gefängnis bleiben muss. Nach sieben Jahren Gefängnis ist sie vorzeitig wieder in die Freiheit, wenn auch in einer ganz anderen als noch vor 2010.

Schon sieben Jahre sind mehr, als je ein US-Whistleblower hat im Gefängnis absitzen müssen. 28 Jahre mehr hätten es noch werden sollen, hätte Barack Obama nicht kurz vor dem Ende seiner Amtszeit die Haftstrafe in einer großen Geste drastisch verkürzt.

Mit der Strafe wurde an Manning ein Exempel statuiert - das wohl alle zukünftigen Whistleblower abschrecken sollte. Aber vorher hat Manning selbst ein Exempel statuiert. Sie hat die USA blamiert, und sie hat Kriegspraktiken der USA öffentlich gemacht, die hätten geheim bleiben sollen.

Natürlich kann man ihren Geheimnisverrat verurteilen, auch die Art und Weise der Veröffentlichung ist zu Recht umstritten. Das ändert aber nichts daran, dass die Öffentlichkeit ein Recht hat, über Missstände aufgeklärt zu werden. Diese Aufklärung gäbe es nicht ohne mutige Menschen, die als Insider von Fehlentwicklungen wissen und sich entschließen, nicht mehr schweigend zuzusehen. Ihr Mut darf nicht mit einer Haftstrafe von 35 Jahren geahndet werden.

Ein hoffnungsloser Fall mit glücklicher Wende

Deshalb ist es gut, dass Manning jetzt frei ist - wider Erwarten. Doch auch wenn dieser Fall, der so lange hoffnungslos wirkte, überraschend eine glückliche Wende genommen hat, darf man sich nicht täuschen lassen: Das ist kein Happy End.

Erstens ist da die Sorge, wie gut Manning sich in dieser neuen Freiheit zurechtfinden wird. Kurz nach ihrer Freilassung meldete sie sich auf Instagram und Twitter und postete ein Foto ihrer Füße, die in dunklen Converse-Schuhen stecken. "Erste Schritte in Freiheit", schrieb Manning euphorisch. Wie leicht ihr alle weiteren Schritte fallen, muss sich erst noch zeigen.

Denn die Whistleblowerin hat ein Martyrium hinter sich. Zweimal hatte sie während ihrer Haft versucht, Suizid zu begehen. Nach dem ersten Versuch wurde sie zur Strafe in Isolationshaft gesteckt, woraufhin der zweite Versuch erfolgte. 2016 trat sie für kurze Zeit sogar in einen Hungerstreik. Kaum jemand kann ermessen, was die Haft mit ihr gemacht hat. Dass Manning jetzt wieder einmal als Heldin gefeiert wird, ist voreilig. Manning ist Whistleblowerin, keine Heilige.

Zweitens hat sich durch ihre Enthüllungen zwar eine politische Debatte über die Art der amerikanischen Kriegsführung entsponnen. Mannings Enthüllungen haben vermutlich auch dazu beigetragen, dass der damalige Präsident Barack Obama einen eiligen Rückzug eines Großteils der amerikanischen Truppen aus Afghanistan und Irak angeordnet hat.

Andererseits hat sich die Kriegsführung der USA seitdem kaum verändert. Seit Donald Trump Präsident ist, steigt die Zahl ziviler Opfer bei amerikanischen Luftangriffen in Syrien wieder drastisch an. Auch eine missglückte Kommandoaktion im Jemen, die im Februar Schlagzeilen machte, forderte viele zivile Opfer, darunter Kinder.

Drittens ist für Whistleblower und Aktivisten durch die Freilassung noch nicht viel gewonnen. Manning ist ein Einzelfall - in jeder Hinsicht. Das ist leider meist das Los der Whistleblower, die sich eines Tages dazu entschließen, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen und sich in große persönliche Gefahr zu begeben. Weil sie von einem Unrecht wissen, das der Öffentlichkeit aber komplett verborgen bleibt, solange sich nicht irgendjemand traut, etwas zu sagen. Die Konsequenzen dafür tragen sie dann oft allein.

Whistleblowerschutz per Gesetz

Es liegt nun an uns als Gesellschaft, dafür zu sorgen, dass Menschen, die mutig Missstände aufdecken, unseren Schutz genießen und keine derart harten Strafen fürchten müssen. Sonst gibt es nämlich eines Tages keine Whistleblower mehr. Im Fall Manning, die Angehörige des US-Militärs ist, hätte es zwar nichts geholfen, aber: Wir brauchen ein anständiges Gesetz für den Schutz von Whistleblowern in Deutschland. Denn auch hierzulande gibt es viele Skandale, die sich niemand traut aufzudecken - weil er oder sie die Konsequenzen fürchten muss.

Die Freilassung von Chelsea Manning ist ein Grund zur Freude. Aber auch sie ist ein Einzelfall - und hilft leider nicht all den anderen Whistleblowern auf dieser Welt, ob sie nun noch im Büro oder schon im Gefängnis sitzen. Das muss sich ändern.

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