2020 - Die Zeitungsdebatte

Zeitungsdebatte Die Wahrheit ist döpfnerig

Fast nichts spricht für den Erhalt der gedruckten Zeitung, sagt der freie Journalist Christian Jakubetz, man könne also getrost aufhören, sie zu verteidigen. Für die kommenden Generationen sei die Debatte, ob man Zeitung lesen soll, schon keine mehr: Sie lesen einfach nicht.

Die Geschichte der Argumente zur Verteidigung der gedruckten Zeitung liest sich manchmal wie eine satirische Rechtfertigung dafür, dass sie überhaupt noch da sind: Zu Beginn der Onlinezeiten hieß es, das Lesen an Bildschirmen sei fürchterlich unbequem, das werde niemand gegen gutes, gedrucktes Papier einlösen wollen. Kurz darauf ging man dazu über, dass das gedruckte Wort schlichtweg mehr Gewicht besitze als das irgendwie digital-virtuelle. Man landete dann bei der hübschen Argumentation, die Haptik sei der entscheidende Vorteil der Zeitung gegenüber dem in des Wortes Sinne nicht greifbaren Netz, bis man schließlich zur gegenwärtig beliebtesten Argumentation kam, es handle sich sicher um schwierige Zeiten für die Printbranche. Dennoch aber sei sie aufgrund ihrer hohen Kompetenz für (hier dürfen Sie beliebig viele Schlagworte einsetzen) unverzichtbar und auch weiterhin ein (hier dürfen Sie beliebig viele tolle Attribute einsetzen).

Die Wahrheit ist anders, man könnte sagen: döpfneriger. Das, was seitens der Branche in den letzten Jahren an guten Gründen zum dauerhaften Fortbestand der Tageszeitung vorgebracht wurde, liest sich ein wenig wie das, was Juristen gerne als "hilfsweise Argumentation" bezeichnen, wenn ihnen in der eigentlichen Sache die eigenen Argumente ein wenig schwachbrüstig vorkommen. Und tatsächlich haben sich die gerne verwendeten Gründe für das unbedingte Fortbestehen der gedruckten Tageszeitungen - siehe oben - in schöner Regelmäßigkeit als ziemlicher Unfug erwiesen. Vermutlich empfinden heutige Schüler- und Studentengerationen eher das Blättern in Papier als anstrengend. Die Sache mit der Haptik hat sich in Luft aufgelöst, als das erste Tablet auf den Markt kam. Und dass gedruckte Worte bleibenderen Wert hätten als digitale, das kann man zwar einfach mal so behaupten, es spricht aber ungefähr nichts dafür, dass das auch richtig ist.

Endstadium eines Produktzyklus

Tatsächlich ist die Sache sehr viel einfacher, als es die Debatten um den de-facto-Ausstieg Springers aus der Printwelt vermuten lassen: Für den Erhalt der gedruckten Tageszeitung spricht nicht mehr sehr viel. Die Auflagen befinden sich seit über 20 Jahren in einem stetigen Sinkflug. Seit 1992 hat es kein Jahr mehr gegeben, in dem die Branche auch nur wenigstens eine Stabilisierung auf Vorjahresniveau vermelden konnte. Man muss schon von einer erstaunlichen Naivität sein, wenn man einem Produkt, dessen Akzeptanz seit zwei Jahrzehnten stetig sinkt, noch eine große Zukunft zubilligen will. Alle anderen Indikatoren zeigen ebenfalls nach unten: Umsätze, Erlöse und Reichweite. Das Kerngeschäft der Anzeigen liegt im Bereich der Rubrikenanzeigen in Trümmern, bei den Kleinanzeigen geht es ebenfalls weiter nach unten. Alleine im Jahr 2012 verloren die Tageszeitungen neun Prozent ihrer Werbeumsätze, die Gesamtumsätze gingen um über drei Prozent zurück. Man muss über keine prophetischen Gaben verfügen und auch nicht das letztes Jahr häufig gesehene Gespenst des Zeitungssterbens an die Wand malen, um sagen zu können: Auch 2013 wird das nicht besser aussehen. Und 2014 und 2015 auch nicht. Das Produkt "Tageszeitung" erreicht mit wachsender Schnelligkeit das Endstadium seines Produktzyklus - ein Vorgang, der im Übrigen in einer freien Wirtschaft nicht ungewöhnlich ist (für Rückfragen können Sie sich gerne beispielsweise an die Musikindustrie wenden).

In den Verlagen haben sie das schon lange erkannt, nur öffentlich sagen mag man es noch nicht. Aber wenn man Zeitungshäusern dabei zuhört, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen, dann ist fast nur noch die Rede von diesem Internet, von Apps, Smartphones, sozialen Netzwerken. Ein Verleger, der von sich behaupten würde, die Zukunft seines Verlags sehe er auch weiterhin ausschließlich in der gedruckten Tageszeitung, würde wahrscheinlich sogar in einem eigenen Berufsverband mit schiefen Blicken angesehen. Und dass Mathias Döpfner sich tatsächlich "schweren Herzens" von seiner "Morgenpost" und all den anderen getrennt hat, kann man glauben, muss man aber nicht.

Deutsche Verlage hätten früher und anders reagieren müssen

Für den Niedergang der Zeitungen gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Ein paar, die man den Verlagen beim besten Willen nicht anlasten kann. Und ein paar, die man als hausgemacht bezeichnen darf. Dass das Netz in seiner ganzen geballten Wucht auch den Journalismus auf den Kopf stellt, dass Zeitungen plötzlich in ihrer Langsamkeit und Eindimensionalität wie liebenswürdige Saurier wirken - geschenkt, dafür kann nun wirklich niemand was, das ist in den USA genauso wie, sagen wir, in der Schweiz. Aber genau auf diese Veränderung hätten die deutschen Verlage und Redaktionen früher und vor allem anders reagieren müssen. Stattdessen klagt man gegen Google und die Tagesschau und manchmal auch über den undankbaren Leser. Das ist ein bisschen schade, weil man auch als Tageszeitung den Sprung ins digitale Zeitalter ganz gut schaffen kann, wie man an Beispielen wie der "New York Times" oder dem "Guardian" sieht.

Bleibt schließlich noch eine Zahl: Nicht einmal mehr jeder zweite Jugendliche in Deutschland greift noch zur Tageszeitung. Für die Generation derer, die demnächst die Schulen Deutschlands verlassen werden, ist die Debatte, ob man nun noch Zeitung lesen sollte, keine mehr: Sie tun es einfach nicht.

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Forum - 2020 - Die Zeitungsdebatte
insgesamt 156 Beiträge
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1. Oh Pardon...
W. Robert 02.08.2013
Nun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
2. 2020?....
espressoli 02.08.2013
2020 wird es nur noch eine einzige Zeitung geben... angepasst an die immer dümmer werdene Bevölkerung, eine Art "Leselektüre für den deutschen Bildungsstand"... Ein Witzchen zur Einleitung... ein echter Mord - für Krimifans... ein Verkehrsunglück in der Sahara - für alle "Ach-Gott-Sager-und-Gaffer"... fünzig Seiten Fussball - und natürlich ein Bildchen von der - inzwischen auf Lebenszeit in Berlin festgetackerten Kanzlerin - gut retuschiert versteht sich - dazu der Text ihrer Neujahrsansprache von 2011... auf der letzten Seite dann noch das Wort zum Sonntag von der Kanzlerin: "Alles wird gut, ich bin und bleibe bei Euch"... Könnte es je eine grössere - ausgesprochene - Drohung für die Bürger geben?.. Wie die Zeitung heissen wird?... Da gibt es kein Entrinnen... so wie Kanzlerin, wird auch sie ewig unser sein.... "BILD" wird sie heissen... das "Generationenblatt", das in Kindergärten und als Lehrmittel in den Hörsälen der Universitäten benutzt werden wird und deren Herstellungs-Kosten vom Bildungsministerium voll übernommen werden... Und wer nach "alten Büchern" sucht, wird im Jahre 2020 dann sicherlich noch alte Bild-Exemplare bei eBay finden, die doch tatsächlich noch "die Nackerte" auf der Titelseite hatten... und zwischenzeitlich auch von weiblichen u. männlichen Emanzen gelesen wird - mangels "Alternativen"... Irgendwie keine schönen Aussichten für das Jahr 2020... Könnte man das "Vierbuchstabenblatt" nicht einmotten ehe wir das Jahr Zweitausendundzwanzig schreiben? - und bitte die Propaganda-Kanzlerin dabei nicht vergessen - beim einmotten meine ich...
3. @ W. Robert: Nein im Gegenteil
Amadeus Mannheim 04.08.2013
Zitat von W. RobertNun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
Stimmt nicht! Was wir brauchen, ist Strukturierung der Information und Erklärung, Analyse. Die Meinungsgetriebenheit der Foren und Kolumnen ist natürlich interessant, macht es aber unmöglich, eine strukturierte Debatte über komplexe Themen zu führen oder zu verfolgen. Das ist der journalistische Job der Zukunft. Eben nicht mehr freie Themenwahl und eben nicht mehr das rigorose Beharren auf der Redaktionsfreiheit, sei darunter jetzt einmal die Freiheit zur politischen Meinung bzw. der Meinung in einer konkreten Sachfrage verstanden, die vom Verleger oder Herausgeber nicht beeinflusst werden darf. Nein, die Journalisten müssen uns, den Lesern, helfen, durchzublicken. Das ist auch der Grund, warum die TV-Talkshows gut laufen, so schlimm sie manchmal anzusehen und -zuhören sind. Sie lassen uns Testfahrten von Meinungen und Argumenten erleben, als wären es unsere. Und in guten Momenten sichern wir unsere Meinungen ab oder geben sie auf und verstehen, auf welcher argumentativen Basis wir dies vor uns selbst verantworten können. Dies ist in einer gut besetzten und gut moderierten Talkshow wirklich ein Gewinn, den ich bei Jauch und Will regelmäßig habe. Auch bei Illner. Wenn die Zeitungen es schaffen, diesen Gewinn zu bieten, werden sie leben. Egal ob digital oder gedruckt. Hierfür ist die eigene Meinung der Reakteure aber unwichtig. Sie ist einfach nicht mehr gefragt. Denn wir ertrinken in Meinungen. Die Journalisten müssen Moderatoren werden, Projektleiter des Projektes "Verständis", "Lösen von Komplexität" oder "Diskutieren alternativer Blickwinkel". Helfen lassen können Sie sich von Philosophen, etwa von Peter Sloterdijk, der in faszinierend einfachen Bildern komplexe Sacherverhalte darstelle, zB die politischen Parteien als Banken für Zorn- und Wutkapital darstellt, was einen sehr leicht verstehen lässt, was ein Grund für Politikverdrossenheit sein könnte. Hilfestellungen wie diese finden im Zeitungsjournalismus kaum noch statt. Die Branche muss komplett umdenken. Aktualität kann sie vergessen, dieses Rennen ist nicht mehr zu gewinnen. Meinung ist von gestern, s.o. Was zählt für die Zukunft ist Meinungskompetenz und echte Hilfe.
4. Mutig voran
wol54 04.08.2013
Zitat von sysopWie sieht die Zeitung von morgen aus? Was macht für Sie guten Journalismus auch in Zukunft aus? Diskutieren Sie hier auf SPIEGEL ONLINE. Wir sammeln die besten Vorschläge, werten sie aus – und entwickeln daraus das Konzept für eine digitale Tageszeitung.
Bei Zeitungen ist es ähnlich wie bei CDs: oft wollte ich nur einen Titel, musste aber früher die ganze CD kaufen. Heute kaufe ich mir nur noch diesen einen Titel bei Apple bzw. zahle ich monatlich 9,99 € bei Spotify und habe damit Zugriff auf fast alle CD´s. Was kann die Zeitungsbranche daraus lernen ? Einführung von Micropayment für einzelne Artikel, ich denke da an Beträge von 1-5 Cent. Mehrere Verlage (z.B. FAZ, Süddeutsche, Welt, Zürcher...) geben für 10 € im Monat ein Gemeinschaftsabo heraus. Der Abbonnent kann dann alle diese Zeitungen im Netz ohne weitere Mehrkosten lesen. Zeitungen wie die Stuttgarter Zeitung, Münchner Merkur... sollten Ihren Lokalteil deutlich ausbauen und dann z.B. für alle Nachrichten aus Ludwigburg 3 Cent pro Tag verlangen. Schlechte Nachricht: Es gibt kein Copyright auf News Gute Nachricht: seit ich mein Ipad habe sehe ich weniger fern, sondern lese auch mal den Lokalteil meiner heimatzeitung im Internet.
5. Tageszeitung vs. Online - 2020
koem 04.08.2013
Habe ich eine Tageszeitung in der Hand, umschleicht mich immer das unsichere Gefühl, nicht wirklich aktuelle Informationen geliefert zu bekommen. Das wird auch 2020 nicht anders sein! Aktuell ist eben nur online. Online wiederum habe ich keine Muße für längere Texte, für gut recherchierten Journalismus, für Hintergrundinformationen. Diese möchte ich aber nicht missen und sehe hier die Zukunft für das Printmodell. Erwähnt werden muss jedoch, dass dies wohl eher nicht auf eine Tageszeitung zutrifft, sondern auf ein Wochenmagazin. Für die Tageszeitung sehe ich schwarz. Beste Grüße aus Berlin Konstantin Thumm
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Zum Autor
  • Heike Rost
    Christian Jakubetz, freier Journalist und Berater. Frühere Stationen u.a. "Passauer Neue Presse", ZDF, N24, Kirch-Gruppe. Freiberufliche Tätigkeiten u.a. für den "BR", "Wired" und "Cicero". Herausgeber des Buchs "Universalcode - Journalismus im digitalen Zeitalter". Blog: www.jakblog.de, Twitter: @cjakubetz
2020 - Die Zeitungsdebatte
  • Illustration: Carsten Raffel/ USOTA.COM
    Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Dieser Frage gehen auf dieser Seite Leser, Journalisten, Fotografen und Grafiker nach. Seit Jahren verlieren die Tageszeitungen an Auflage. Dass sich der Springer-Verlag von seinen Regionalzeitungen getrennt hat, war für viele ein gefährliches Signal.
  • Übersicht: 2020 - Die Zeitungsdebatte

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