Code Week in Berlin Wäscheklammer-Roboter und Voodoopuppen

Mit der Code Week will die Europäische Kommission Jugendliche für den Umgang mit Hard- und Software begeistern. Ein Workshop in der Berliner Schrottküche zeigt, dass Informatikunterricht spannender sein kann als Mathestunden.

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Von Moritz Mihm, Berlin


Moctar sitzt in einer lichtdurchfluteten Werkstatt und ist ratlos. Er hat den Vibrationsmotor eines Handys ausgebaut und wieder zurück auf die Platine gelötet, dann die beiden Kontakte des Motors mit einer Batterie verbunden. Eigentlich sollte die Platine jetzt vibrieren, aber nichts passiert. "Wahrscheinlich ist er kaputt", sagt Moctar und löst den Motor mit einem Lötkolben vorsichtig wieder von der Platine. Aber ohne die schwere Platine vibriert der Motor. Moctar startet einen neuen Versuch.

Moctar ist ein Besucher der sogenannten Schrottküche und Teilnehmer eines Projekts, das im Rahmen der Code Week stattfindet. EU-Kommissarin Neelie Kroes hat die Code Week gestartet, um Jugendliche in ganz Europa spielerisch an die Arbeit mit Hard- und Software heranzuführen. Denn in vielen Schulen wird zwar mit Computern gearbeitet - wie diese überhaupt funktionieren, erfahren die Schüler jedoch nicht.

In der Schrottküche in Berlin-Kreuzberg bauen die Jugendlichen in einem zweitägigen Workshop alte Tastenhandys auseinander, um aus den einzelnen Bauteilen Roboter zu basteln. Vor allem Flüchtlinge nehmen an dem Workshop teil. Moctar zum Beispiel kommt aus Niger, 2011 ist er über Libyen und Italien nach Deutschland gekommen. Die Freude an der Bastelarbeit ist ihm anzusehen. "Vielleicht repariere ich später mal beruflich Handys", sagt er in gebrochenem Englisch.

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"Einfach mal in den Technikbereich reinschnuppern"

Solche Sätze hört Gesche Joost gern. Als Internetbotschafterin der Bundesregierung und in ihrer Rolle als "Digital Champion" der Europäischen Union hat sie die Code Week in Deutschland organisiert. Ziel der Veranstaltungen sei nicht "dass man hart codieren muss", sagt Joost, "sondern dass man einfach nur mal in den Technikbereich reinschnuppert."

Und das ist wichtig. Denn in der digitalen Bildung hinkt Deutschland immer noch weit hinterher. Unternehmen suchen händeringend nach ausgebildeten Informatikern - doch an den meisten Schulen werden Hard- und Software immer noch stiefmütterlich behandelt. Eine Entwicklung, die nicht zum Alltag passt. "Selbst meine Friseurtermin buche ich inzwischen online", sagt Gesche Joost. Weil andere Länder wie Großbritannien bei der Vermittlung digitaler Kompetenzen deutlich weiter seien, fordert die Internetbotschafterin nun, diese Kompetenzen in den Lehrplänen zu verankern. "Insofern hat die Code Week ein spielerisches Gesicht, aber einen ernsten Hintergrund", sagt sie.

Basteln in der Schrottküche: Tomcar versucht, den Vibrationsmotor des Handys wieder auf der Platine zu befestigen.
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Basteln in der Schrottküche: Tomcar versucht, den Vibrationsmotor des Handys wieder auf der Platine zu befestigen.

Dass Computerarbeit die Kreativität beeinträchtigt, ist immer noch ein weit verbreitetes Vorurteil. Mit Hilfe der Code Week soll es widerlegt werden. Sie soll auch zeigen, wie digitale Kompetenzen vermittelt werden sollten: eben nicht durch einen frontalen Informatik-Unterricht, der an höhere Mathematik erinnert, sondern durch eigenes Gestalten, wie zum Beispiel in der Schrottküche.

60 Veranstaltungen in Deutschland, 200 in Frankreich

Wie wenig sich die Bundesregierung für digitale Bildung interessiert, sieht man daran, dass sie zunächst niemanden nach Brüssel geschickt hatte. Deshalb fand die Code Week letztes Jahr in allen Ländern der EU statt - nur in Deutschland nicht.

Und auch in diesem Jahr war nur wenig Zeit: Trotzdem haben Joost und ihre Kollegin Steffi Hoffrichter 60 Veranstaltungen binnen zweier Monaten zusammenbekommen, darunter Workshops, in denen die Jugendlichen schreiende Voodoopuppen basteln oder mit Hilfe von Hardware, Code und Farbe Musik malen können. Zum Vergleich: In Frankreich finden mehr als 200 Veranstaltungen statt, in allen Ländern der EU sind es mehr als 2400.

Was für Projekte bei einem kreativen Umgang mit Technik entstehen können, sieht sieht man beim Design Research Lab an der Berliner Universität der Künste, das Professorin Joost leitet: Im Design Research Lab wird mit Hilfe leitender Fasern Kleidung entworfen, mit der Notfallnachrichten automatisiert verschickt werden können. Ebenso entsteht hier ein Handschuh mit Sensoren, der die Buchstaben des Gehörlosenalphabets in Schrift überträgt.

So kann ein fertiger Roboter aussehen: Auf einer Wäscheklammer ist ein kleiner Teil der Platine befestigt, darunter sitzt ein Vibrationsmotor.
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So kann ein fertiger Roboter aussehen: Auf einer Wäscheklammer ist ein kleiner Teil der Platine befestigt, darunter sitzt ein Vibrationsmotor.

So weit ist Moctar in der Schrottküche noch nicht. Am Ende des Workshops ist er etwas enttäuscht: Er kann noch kein Ergebnis vorstellen, weil sein Roboter zu groß geworden ist. Der Motor bewegt sich, aber das Gehäuse, in dem er eingebaut ist, liegt still. Am liebsten würde er direkt weiter an seinem Roboter tüfteln.



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Mindbender 15.10.2014
1. ....
"Internetbotschafterin"?! "hart codieren"?! Was soll denn da verschlüsselt werden? Oder meinte die Dame "coden"? Da redet die Kanzlerin vom "Neuland Internet" und setzt eine solche "Neuländerin" in so ein Amt? Davon abgesehen finde ich solche Aktionen gut, auch wenn der Name "Code Week" eher falsch ist, wenn man der Beschreibung des Artikels folgt.
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