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Computerkriminalität: Cybergangster so aktiv wie nie

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So viel Geld haben US-Bürger noch nie im Netz verloren: Opfer von Online-Betrügereien meldeten dem FBI 2009 einen Gesamtschaden von 560 Millionen Dollar. Das ist gut doppelt so viel wie 2008. Die höchsten Beträge verlieren Männer .

FBI-Statistik: So funktioniert das Geschäft der Cyberbetrüger Fotos
REUTERS

650 US-Dollar - so viel Geld haben 2009 männliche Betrugsopfer im Durchschnitt an Online-Gangster verloren. Frauen, die solche Delikte der US-Bundespolizei meldeten waren vorsichtiger: Ihr Durchschnittsverlust lag bei gerade mal 500 Dollar.

Diese Zahlen stehen im aktuellen Jahresbericht des Internet Crime Complaint Center (IC3), der US-Meldestelle für Online-Verbrechen von FBI und der staatlich finanzierten Cybercrime-Präventionsagentur NW3C.

Die Statistik skizziert eine beunruhigende Entwicklung: Die Menge der Schadensmeldungen ist um gut 22 Prozent gestiegen, die Gesamtschadenssumme bei den an Ermittlungsbehörden weitergeleiteten Fällen hat sich verdoppelt. NW3C-Chef Donald Brackman kommentiert die Zahlen in einer FBI-Mitteilung so: "Kriminelle entwickeln immer raffiniertere Maschen, um arglose Benutzer zu betrügen. Online-Verbrechen entwickelt sich in einem Tempo, das wir uns vor fünf Jahre nicht hätten vorstellen können."

Auf 26 Seiten beschreibt der Jahresbericht ( PDF-Dokument) Schadenssummen und Tricks bei den von Opfern gemeldeten Online-Betrügereien. Als Trendanalyse sind die seit 2005 veröffentlichten IC3-Statistiken sehr wertvoll - sie beruhen nicht auf Hochrechnungen, sondern auf tatsächlich gemeldeten Fällen, allein in diesem Jahr fast 340.000. Allerdings schränkt diese Art der Datenerhebung die Allgemeingültigkeit ein: Die Dunkelziffer vor allem an kleinen Betrugsfällen dürfte erheblich sein. Der Antrieb ein langes Meldeformular auszufüllen ist ja umso höher, je mehr Geld man verloren hat.

Junge Frauen verlieren am wenigsten

Bei aller Vorsicht angesichts dieser Selbstselektion ist ein Trend klar auszumachen: So stark wie in 2009 sind Verluste durch Online-Betrügereien noch nie gestiegen: Um gut 110 Prozent auf 559 Millionen US-Dollar. Die Schadenssumme wird nur für die an Ermittlungsbehörden weitergeleiteten Fälle (gut 146.000) berechnet.

Auf dieser Basis stellt die FBI-Statistik eine Rangliste der Verluste für bestimmte demografische Gruppen auf. Der Durchschnittsverlust bei allen gemeldeten Fällen liegt bei 575 Dollar. Die höchsten Verluste melden Menschen im Alter von 40 bis 49 Jahren - 700 US-Dollar. Platz zwei in der Rangliste: Männer (650 US-Dollar). Dabei ist das Verhältnis von Männern und Frauen bei den Schadensmeldungen recht ausgewogen (54 zu 46 Prozent).

Online-Betrug: Durchschnittsverluste bestimmter demografischer Gruppen
demografische Gruppe Durchschnittsverlust je Fall (in US-Dollar)
40-49 Jahre 700
50-59 Jahre 550
Männer 650
30-39 Jahre 600
alle gemeldeten Fälle 575
20-29 Jahre 550
älter als 60 500
Frauen 500
unter 20 400
Basis: Alle an Ermittlungsbehörden weitergeleitete Fälle (gut 146.000). Quelle: Jahresbericht des Internet Crime Complaint Center (IC3) 2009

Den enormen Anstieg des Gesamtschadens führen die Ermittler auf die steigende Zahl von Delikten mit hohen Umsätzen zurück. Fälle von Identitätsdiebstahl sind mit 14,1 Prozent das am zweithäufigsten an Ermittler weitergeleitete Delikt. Hier sind die durchschnittlichen Schadenssummen höher als beim Auktionsbetrug (Ware wird bezahlt, aber nicht verschickt), der in den vergangenen Jahren die am häufigsten gemeldete Form des Online-Betrugs war, 2009 aber nur abgeschlagen auf Platz vier liegt.

FBI-Abzocke und Wahrsager-Betrug

Die Betrugsmaschen der Cybergangster folgen vertrauten Mustern: Gefälschte E-Mail von vertrauenswürdigen Institutionen fordern Nutzer zum Bezahlen von Gebühren oder Eintragen persönlicher Daten auf - mit 16,6 aller gemeldeten Fälle ist hier die FBI-Masche am effektivsten. Dabei geben sich die Gangster in eine E-Mail als Agenten aus und fordern die Nutzer zum Ausfüllen von Formularen auf. Die Daten nutzen Banden dann zum Identitätsdiebstahl.

Peter Trahon, FBI-Chefermittler für Computerkriminalität, gab bei der Vorstellung des Jahresberichts diese Daumenregel zum Schutz von Betrugsversuchen: "Computernutzer sollten immer die aktuellste Sicherheitssoftware auf ihren Geräten haben und alle E-Mail-Angebote mit gesunder Skepsis beurteilen - wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, ist es wahrscheinlich auch nicht wahr."

Wie erfinderisch Cybergangster sind, illustrieren die im IC3-Jahresbericht beispielhaft aufgeführten neuen Betrugsmaschen. Einige Beispiele:

  • Auftragskiller-Betrug: Eine Gang warnt per E-Mail die Opfer dieser Masche. Ihnen wird mitgeteilt, dass sie und Angehörige der Familie auf einer Abschussliste stehen. Ein Gang-Mitglied habe sich aber für eine Begnadigung stark gemacht, daher komme nun dieses großzügige Angebot: Wer binnen 72 Stunden 800 Dollar für einen guten Zweck an die Organisation spendet, wird verschont.
  • Wirtschaftsförderung: Die Regierung verschenkt Geld, verspricht diese Mischung aus E-Mail, Telefon- und Web-Betrug. Die Opfer werden mit Werbeanrufen und -nachrichten auf eine Seite im Netz gelockt, über die man Regierungsgelder beantragen könne. Nachdem man persönliche Daten eingetragen und 28 Dollar bezahlt hat, soll das Regierungsgeld kommen. Das passiert natürlich nie.
  • Jobangebote: Hier nutzen Betrüger die hohe Arbeitslosigkeit aus. Anzeigen auf Online-Stellenbörsen versprechen Jobs in Heimarbeit, als persönliche Assistenten oder Testkäufer. Einige Betrüger nutzen die Opfer für die kriminelle Drecksarbeit - sie lassen sie gefälschte Schecks einlösen oder Geldanweisungen anderer Betrugsopfer entgegennehmen. Den Großteil des Geldes müssen die Opfer dann weiterleiten.
  • Sicherheitssoftware: Die als Scareware bekannte Betrugsmasche beginnt mit Online-Werbung auf dubiosen Seiten. Aufpoppende Werbefenster warnen den Nutzer, dass sein Computer von einem Virus befallen ist. Die Werbung rät zur Installation eines angeblichen Schutzprogramms. Wer diese Anzeige anklickt, installiert meist Schadsoftware wie Trojaner oder Schnüffelprogramme. Etwas später fordert die installierte Schadsoftware die Nutzer dann zum Bezahlen auf - entweder es fließt Geld, oder die Schadprogramme machen den Rechner unbenutzbar.

Plumpe Betrüger lassen sich Schecks senden

Die IC3-Statistik zeigt, dass Cyberbetrüger nicht immer in unnahbaren international organisierten Netzwerken handeln, die mit geklaute Kreditkartendaten Geld verdienen. Bei immerhin 38 Prozent der 2009 gemeldeten Fälle konnten die Opfer angeben, an wen sie Geld überwiesen hatten - in gut 65 Prozent dieser Fälle saßen die Empfänger in den Vereinigten Staaten.

Bei Betrugsmaschen mit Offline-Komponente (Schecks, Zahlungsanweisungen) haben Polizisten zumindest einen Ansatzpunkt für die Ermittlungen. So kommt es, dass die weniger gerissenen Cybergangster verhaftet werden. Zum Beispiel jener Einwohner von Miami Beach, der unter Pseudonymen wie John Mills und Michael Seren Ferienhäuser beim Kleinanzeigenportal Craigslist inserierte, die Anzahlung kassierte und sich dann nie mehr bei den Feriengästen meldete. Die Ermittler nahmen den Betrüger bei einem Gerichtstermin fest - er war schon in ähnlichen Betrugsfällen verurteilt worden und nutzte die Einnahmen der neuen Masche der Polizei zufolge, um die vom Gericht festgesetzte Entschädigungen an seine alten Opfer zu zahlen.

Leider stellen die meisten Online-Betrüger sich erheblich schlauer an.

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Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potenziell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.


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