Copyright-Debatte: Die Feinde der "Contentmafia" sind Heuchler

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Das Urheberrecht hat im Internet viele Feinde, oft schlagen sie in Debatten hysterische Töne an. Tatsächlich ist das Urheberrecht eine gute, nützliche Sache - es gibt Künstlern Macht gegenüber Konzernen und gehört gestärkt, nicht geschwächt.

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Transmediale-Kunstwerk: Raubkopie-Festplatte mit Software im Wert von fünf Millionen Dollar

Das Urheberrecht ist das eigentliche Übel, ein vormodernes Überbleibsel aus analogen Zeiten, das heute die Freiheit fast aller Menschen einschränkt, aber nur einer winzigen Minderheit nützt. So lässt sich, grob vereinfacht, die Position vieler Urheberrechts-Verächter zu aktuellen Streitfällen wie Megaupload oder Sopa zusammenfassen. Das Urheberrecht hat viele Feinde im Netz. Manche Kritiker argumentieren sogar, es müsse ganz abgeschafft werden, weil es nur der "Contentmafia" nütze und "Zensur" im Dienste des Copyright" drohe.

Diese Sicht ist bemerkenswert einseitig. Von allen technischen, juristischen und ökonomischen Unzulänglichkeiten der heutigen Umsetzung einmal abgesehen: Das Urheberrecht ist ein großartiges Konzept. Es gibt Schöpfern die Freiheit, in einer kapitalistischen Marktwirtschaft mitzuspielen. Erst das Urheberecht verleiht Geschichten, Bildern, Liedern eine Warenform, die Schöpfer auf den Märkten handeln können. Urheber können zum Beispiel entscheiden, einige Rechte Verwertern zu verkaufen, um sich aufs Schreiben, Komponieren, Gestalten zu konzentrieren statt selbst zu vermarkten.

Urheberrecht schafft Freiheit im Kapitalismus

Das Urheberrecht ermöglicht diese Arbeitsteilung, und das ist eine gute Sache: Wenn jeder sich auf eine Tätigkeit spezialisieren kann, die er gut und gerne macht, profitieren in der Regel alle davon. Dass ein Künstler auch ein guter Vermarkter, Programmierer und Vertriebler ist, kann vorkommen. Solche Multitalente sind aber eher die Ausnahme. Ein beliebtes Argument gegen das Urheberrecht an sich ist der Vorwurf, die Verwerter (gerne als "Contentmafia" beschimpft) seien allesamt zu mächtig, deshalb gehöre das Urheberrecht abgeschafft oder zumindest "liberalisiert".

Es stimmt, dass gerade unbekannte Künstler oft kaum Wahlfreiheit haben - entweder sie akzeptieren die Forderungen mächtiger Verwerter oder sie verzichten, viel verhandelt wird da nicht, wenn sich Verlage zum Beispiel alle erdenklichen Rechte an einem Buch übertragen lassen. Allerdings sprechen solche Fälle gar nicht gegen das Urheberrecht an sich. Statt es zu schwächen, müsste man es stärken. Und zwar so, dass Urheber ihre Rechte tatsächlich wahrnehmen können - gegenüber den alten und den neuen Verwertern.

Neue Verwerter sind gut, alte Verwerter Ausbeuter

Denn Apple, Facebook, Google, Megaupload, Spotify und all die anderen Makler verwerten in der einen oder anderen Form die Werke von Urhebern. Viele alte Verwerter aus der Unterhaltungsbranche bezahlen die meisten Urheber schlecht und wenige sehr gut. Dieses Verhalten gilt bei Kritikern der "Contentmafia" als Ausbeutung. Allerdings bezahlen viele neue Verwerter im Web - etwa Megaupload - Urhebern gar nichts. Bei ihnen sehen die Kritiker der "Contentmafia" dann aber über die Ausbeutung hinweg und loben die Innovationen, die nur leider mit dem überholten Urheberrecht kollidieren.

Böse alte gegen gute neue Verwerter: In diesem Feindbild kommt die Freiheit der Urheber überhaupt nicht vor. Die Freiheit, die Nutzung eines Werks in einem bestimmten Kontext zu untersagen, zum Beispiel das Posten des Pseudo-Nazirocks aus dem Film "Kriegerin" in Neonazi-Foren. Und die Freiheit, zwischen verschiedenen Verwertern und Geschäftmodellen zu wählen.

Gerne erzählen die Feinde des Urheberrechts, Musiker sollten allein von Gagen bei Auftritten leben, Autoren allein von den Einnahmen bei Lesungen. Man solle nur noch Zugang zu Einmaligen verkaufen, zu Live-Erfahrungen, nicht den Zugang zum Werk, das solle man gefälligst verschenken. Das ist sicher für einige Künstler ein gutes Modell. Doch mit Freiheit und Marktwirtschaft hat es wenig zu tun, Urhebern ein einziges Geschäftsmodell vorzuschreiben. Zudem: Wer gut schreibt und komponiert, ist nicht immer ein begnadeter Live-Performer - oder einfach schüchtern und öffentlichkeitsscheu. Legendäre literarische Einsiedler wie Patrick Süßkind oder J.D. Salinger hätten nach dieser Logik keinen Cent verdienen dürfen.

Marktwirtschaft gerne, aber nicht für Urheber

Oft fällt bei Pauschalkritik am Urheberrecht auch der grundsätzliche Einwand: Der Markt für Texte, Musik, Bilder, Ideen sollte gar nicht marktwirtschaftlich organisiert sein - Werke dürften nicht Ware sein. Das ist auch das Problem bei Ideen wie der Kulturflatrate: Da würden Urheber zwar vergütet, vielleicht abhängig von der Nutzung ihrer Werke im Web. Aber dieses Modell würde die Freiheit der Urheber einschränken, marktwirtschaftlich zu handeln. Ein Musiker könnte ja vermessen genug sein, einen Song in besonderer Qualität 1000-mal für zehn Euro zu verkaufen - einen Monat vor der Veröffentlichung der Normalversion. Oder aber ein Musiker verkauft die Verwertungsrechte an einem Album pauschal an ein Label gegen einen fixen Vorschuss, weil er jetzt schnell viel Geld für eine Operation, neue Instrumente oder einen Transporter braucht.

Solche Experimente sieht eine wie auch immer geartete Kulturflatrate nicht vor. Urheber sollen nicht wie andere Unternehmer handeln.

Das ist insofern befremdlich, als die Kritiker niemals die kapitalistische Marktwirtschaft an sich in Frage stellen. Wenn man aber eine kapitalistische Marktwirtschaft für Kultur anzweifelt, kann man nicht gleichzeitig befürworten, dass neue Verwerter wie Apple, Google und Facebook Öffentlichkeit im Netz privatwirtschaftlich strukturieren.

Wer die Marktwirtschaft akzeptiert, aber Urhebern das Recht aufs Wirtschaften abspricht, ist ein Heuchler.

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insgesamt 469 Beiträge
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1. ....
Dubman 10.02.2012
Der Artikel wirkt für mich wie ein verzweifelter Versuch ACTA, PIPA, etc irgendwie schönzureden...
2. Thema verfehlt = 6!
puqio 10.02.2012
Es geht bei den Gesetzen und der Diskussion im Internet um die massive Einschränkung der Nutzerrechte und den Verlust von Freiheit. Dabei stellt niemand die Rechte eines Künstlers in Frage, wohl aber die Hochpreis- bzw. Monopolpolitik der Medienwirtschaft. Da sollen total überzogene Preise aus reiner Profitgier aufrecht erhalten werden. Und das dürfen wir nicht zulassen!
3. Der Text ist ja schön und gut,
borisHB 10.02.2012
... aber das problem ist, dass die meisten Gegner des Urheberrechts überhaupt anerkennen, dass etwas Immaterielles einen Wert haben kann. Ideen und Einfälle seien ja gar nicht schützbar, liest man oft. Das ist für mich das fatalste Defizit, das man intellektuell in dieser neuen digitalen Welt haben kann. Denn hier ist letztlich alles ohne Aufwand teilbar. Wer den Inhalten hier also keinen Wert zumisst, wird dann irgendwann nur noch Content auf Amateur-Niveau haben. Wer meint, geistige Güter seien nicht als solche ernstzunehmen und letztlich ohne Wert, kann sich seine Musik ja einfah selber komponieren oder sich seine Filme selber drehen.
4. ...
asdf01 10.02.2012
Zitat von sysopDPADas Urheberrecht hat im Internet viele Feinde, oft schlagen sie in Debatten hysterische Töne an. Tatsächlich ist das Urheberrecht eine gute, nützliche Sache - es gibt Künstlern Macht gegenüber Konzernen und gehört gestärkt, nicht geschwächt. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,814276,00.html
Das ist eine bemerkenswert, um nicht zu sagen, katastrophal naive Sicht der Dinge. Diese Darstellung ist die Theorie, die Idealform, die nicht im Ansatz den Realitäten entspricht. Die Realität ist, dass die Schöpfer zum Großteil, bis auf wenige medienwirksam transportierte Ausnahmen, von der heutigen Auslegung des Urheberrechts herzlich wenig haben, dieses aber von der Contentindustrie massivst missbraucht wird. Da scheinen an jemandem, ich möchte mal keine bewusste Täuschung des Lesers im Dienste interessierter Parteien unterstellen, die Diskussionen und Skandale der letzten Jahre ziemlich vorbeigangen zu sein (die minimalen kritischen Anmerkungen, um nicht zu agendagetrieben zu erscheinen wurden registriert, keine Angst). In der jetzige Form ist das Urheberrecht so massiv und hoffnungslos pervertiert, die Strukturen so verfestigt, dass eine komplette Abschaffung und anschließende Entwicklung einer zeitgemäßen Alternative mit Sicherheit besser wäre als der jetzige Zustand.
5.
Nania 10.02.2012
Ich zahle gerne Geld für die Künstler. Aber am liebsten zahle ich es, wenn es auch direkt an die Künstler geht und nicht über Sony, BMG und Co. Ich gehe gerne direkt zu Konzerten hin, um den Künstlern in die Augen sehen zu können und nicht das Firmenlable auf dem Plattencover. Was immer noch nicht verstanden wird: Das Urheberrecht soll nicht abgeschafft werden! Es sollte jedoch eine Reform erfahren. Niemand würde abstreiten, dass es illegal ist, Lieder aus dem Internet herunterzuladen, ohne dafür zu bezahlen. Aber man darf sehr wohl bemeckern, dass es unrecht ist, dass Songs und Bücher noch 70 Jahre nach dem Tod (!) des Autors geschützt sind. Wer hat den dafür was geleistet? Thomas Mann hat mit "Die Buddenbrooks" 1901 ein Buch geschrieben, was den Nobelpreis bekam. Das Buch wird dieses Jahr 111 Jahre alt. Frei wird es aber erst in 13 Jahren, da Thomas Mann 1955 verstarb. Also gilt noch ein Urheberrecht auf ein Buch, dass vor 111 Jahren geschrieben wurde, und dessen Autor bereits seit 57 Jahren Tod ist. Für andere Menschen ist das ein ganzes Leben und für viele zumindest fast. HIER darf man dran meckern, ohne sich dabei die Moralkeule geben lassen zu müssen. Das überhaupt so viele Filme runter geladen werden, liegt auch wohl eher daran, dass es keine vernünftige legale Methode zu geben scheint, die auch nur ein halbwegs vernünftiges Preis-Leistungs-Verhältnis zeigt. 10 Euro für einen 15 Jahre alten Film ist einfach zu viel. Für die Älteren unter uns: Das sind 20 Mark! Ich wette, dass die Rechte- und Verwertungsrechteinhaber sich eine goldene Nase verdienen könnten, würden sie endlich die Infrastruktur schaffen, auch mal für drei bis fünf Euro einen Film zum Download anzubieten. Man betrachte Audible von Amazon (Hörbücher und Hörspiele). Dort bekommt man jedes Hörbuch/Hörspiel zum Download deutlich preisgünstiger, als im Handel mit Hülle, man kann es einmal brennen und wenn man ein Abo hat (für 10 Euro im Monat) bekommt man ein Hörspiel/Hörbuch "gratis" und kann jedes (!) Hörbuch/Hörspiel dort für maximal 10 Euro kaufen. Das ist ein Geschäftsmodell, bedenkt man, dass viele Hörbücher im Handel echt teuer sind. So zahlt man dort gerne 10 Euro für ein Hörbuch, was im Handel 56,00 Euro kostet. Und das Geschäftsmodell scheint zu funktionieren. Der Artikel als solcher erscheint mir auch massiv pro Acta, Pipa und Sopa. Das man damit Leute überwacht, Provider in die Haftung nimmt und die Unschuldsvermutung aussetzt (was das eigentliche Problem ist), wird übersehen. Die Rechtslage derzeit ist vollkommen ausreichend! Wir müssen uns nicht zusätzlich - weil man ja nichts zu verbergen hat - überwachen lassen, nur damit gerade die Verwertergesellschaften (z.B. im Falle Thomas Manns) das Geld bekommen. Oder Künstler, die nur einen Bruchteil des Geldes sehen. Nee, danke. Wäre ich Künstler, ich würde meine CDs selbst pressen.
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