Copyright-Debatte: Mein Euter gehört mir

Ein Debattenbeitrag von Autor und Filmemacher Volker Strübing  

Natürlich müssen Urheber ihre Geschäftsmodelle der Zeit anpassen, da haben die Piraten schon recht. Doch die Forderung, alle Instanzen zwischen Urheber und Konsument zu kappen, ist Irrsinn. Arbeitsteilung hilft Künstlern. Wer als Urheberkuh existieren will, braucht Bauern und Milchmänner.

Kloß (blauer Pulli) und Spinne (r.): Volker Strübing schreibt die Geschichten der Barhocker Zur Großansicht
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Kloß (blauer Pulli) und Spinne (r.): Volker Strübing schreibt die Geschichten der Barhocker

Es wird vielleicht als erste große Schlacht der Urheberrechtskriege in die Geschichte eingehen: 160 bunt zusammengewürfelte Leute, die Eigentumsrechte an ihren Köpfen anmelden, gegen 102 Piraten, die diese Köpfe kostenlos im Internet verteilen wollen. Oder so. Die Auszählung, wer den meisten Unsinn verzapft hat, läuft noch, da jeder Juror zu einem anderen Ergebnis kommt.

Und jetzt auch noch ich. Ich bin Kopfbesitzer, freischaffender Autor und selbstverständlich der Meinung, dass ich viel weniger Geld verdiene, als ich verdiene. Je nachdem, ob bei mir gerade Größenwahn oder Selbstzweifel überwiegen, interpretiere ich den Satz mal so, mal so.

Urheberrecht? Find' ich gut. Die Piraten finden Urheberrecht auch gut, wollen es aber dem Internetzeitalter anpassen. Darüber hinaus versichern sie, für eine faire Bezahlung kreativer Leistungen einzutreten, und deshalb gibt es von mir ein "Gefällt mir" und ein "<3". Für ein Kreuzchen auf dem Wahlzettel reicht es aber nicht.

Die Piraten verstehen sich als basisdemokratisches Politiklabor. Darum kann ich mich nicht mit ihren Grundsatzpositionen zufrieden geben, sondern muss mich mit der Basis befassen. Und dort lese ich einiges, was himmelschreiend naiv oder einfach gruselig ist.

Geld ist eine Fiktion, deren Urheber die Banken sind

Gelegentlich begegnet man zum Beispiel der Auffassung, die Resultate kreativer Tätigkeit hätten keinen materiellen Gegenwert, seien nur Nullen und Einsen; sie durch Kopierbeschränkungen künstlich zu verknappen, sei absurd. Mag sein. Aber ich möchte ja gar keinen materiellen Gegenwert, ich möchte Geld. Das sind auch nur Nullen und Einsen auf einem Konto, eine Fiktion, deren Urheber die Banken sind. Klingt für mich nach einem fairen Tausch. Vielleicht sollten wir auch hier die "künstliche Verknappung" aufheben und Kontostände frei kopierbar machen, Grinsezeichen.

Außerdem wird fast jeder für seine Arbeit entlohnt, nicht für den "materiellen Gegenwert". Fragt mal Ärzte, Friseure oder die frisch gewählten Abgeordneten der Piratenpartei. Eventuelle Materialkosten, die zum Teil die Arbeitskosten von Zulieferern sind, kommen nur oben drauf.

Dann ist da die Sache mit den "Verwertern". Geifernde Monster, die sowohl Urheber als auch Konsumenten ausbeuten. "Ich will, dass mein Geld dem Künstler direkt zugutekommt!", lautet daher die Forderung. Schön, schön. Und das Milchgeld soll der Kuh direkt zugutekommen.

Ich als Urheberkuh teile lieber mit Milchmann

Prügelt mich für diesen Vergleich, aber ich als Urheberkuh teile lieber mit dem Bauer und dem Milchmann, als durch die Cafés im Prenzlauer Berg zu latschen, den Leuten mein Euter ins Gesicht zu halten und zu hoffen, dass sie mir ein bisschen Latte für den Kaffee abkaufen.

Ich kann nichts zur Musikindustrie sagen. Als Autor habe ich aber sehr gute Erfahrungen mit Agenten, Verlegern und Buchhändlern gemacht. Meine Verleger haben mir mit viel Engagement geholfen, finanzielle Risiken auf sich genommen und vor allem: Sie haben gearbeitet, und das soll verdammt noch mal auch bezahlt werden. Sie wischen sich sogar brav den Geifer aus dem Gesicht, wenn wir uns treffen.

Dass sich Geschäftsmodelle der Zeit anpassen, dass Rechte, Anteile und Preise in einem veränderten Markt neu verhandelt werden müssen, ist klar, aber die pauschale Forderung, alle Instanzen zwischen Urheber und Konsument zu kappen, ist Irrsinn. Wer will, soll sein Buch selbst setzen, lektorieren, verlegen und vermarkten, niemand hält ihn davon ab, aber er soll nicht das Ende der Arbeitsteilung ausrufen!

Geh unter, deinen Mist will eh niemand

An diesem Punkt kommt oft eine unangenehme Selbst-Schuld-Mentalität ins Spiel: Du bist zu blöd, Spenden einzutreiben? Zu introvertiert, dich im Netz gehörig aufzuplustern? Zu hochnäsig, dein Werk mit Werbung zuzupflastern? Dann geh unter, deinen Mist will eh niemand.

Eine unschöne Mischung aus Neoliberalismus und Honeckers "Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs nach Esel auf". Nur eben ohne Sozialismus und mit dem Unterschied, dass diese Leute vielleicht recht behalten.

Klar: Die oben angeführten Meinungen sind nicht die Position der Piraten, es sind einzelne, extreme Positionen in einer laufenden Diskussion. Ich möchte aber keine laufende Diskussion mit völlig unklarem Ausgang wählen.

Niemand, der auch nur noch ein Espressotässchen im Schrank hat, bestreitet, dass das Internet den Zugang zu und den Umgang mit Wissen und Kultur sowie deren Stellenwert verändert. Und den Status quo zu erhalten, indem man Persönlichkeitsrechte einschränkt, Menschen mit bizarren Schadensersatzforderungen und Abmahnkosten ruiniert oder legal erstandene Werke in ihrer Nutzbarkeit drastisch einschränkt, ist weder wünschenswert noch auf Dauer praktikabel.

Danke, Piraten, dass ihr eine nötige Debatte in Schwung gebracht habt, dass viele von euch ernsthaft nach Lösungen suchen, und danke auch für viele dusslige Bemerkungen: Ich rege mich so gerne auf! Vielleicht ist es Zeit, dass Metaphern-Ping-Pong zu beenden und statt über Radikalpositionen und Trollereien ein bisschen konkreter über interessante Ansätze wie die Kulturflatrate zu reden. Gerne beim Kaffee. Für mich bitte ohne Milch.

Dieser Gastbeitrag ist Teil einer Reihe zur Debatte über die Zukunft des Urheberrechts in Zeiten der Digitalisierung. Weitere Beiträge finden Sie hier.

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insgesamt 138 Beiträge
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1. ich
raven_wolf 24.04.2012
denke mir die treibende kraft ist die große Verwertungsindustrie die dahinter steht. Wenn man die abschaffen könnten, dann könnte auch jeder Künstler wieder selber bestimmen.
2.
franko_potente 24.04.2012
Lieber Autor, beschäftigen Sie sich mal mit dem Thema Geld, dessen Enstehung, Urspung, Sinn und Zweck, dessen Vermehrung usw. Dann kommen Sie vielleicht von selber drauf, warum die Frau an der Supermarktkasse Ihre Ergüsse partout nciht gegen 250g Hack tauschen möchte. Herrje.
3.
roflem 24.04.2012
Endlich mal ein guter Beitrag zu dem totgetretenen Thema! Ich will meinen Euter auch nicht jedem ins Gesicht hängen und lebe von meinem Urheberrecht, mal besser mal schlechter. Den Vergleich mit dem Bankkonto, finde ich gelungen, sind ja auch alles 1en und 0en :-) köstlich!
4.
joergimausi 24.04.2012
Ist ja klar, dass die Kuh so argumentiert. Ich als Milchtrinker interessiere mich aber gar nicht für Zoologie, mir ist ehrlich egal, wo die Milch herkommt, wenn sie unbedenklich und kalt ist. Ich will sie trinken, wo ich will, wann ich will und sie soll billig sein. Für die Kuh interessiere ich mich nur am Rande und nur wenn diese für die Farbe der Milch wichtig ist.
5. ...
chlorid 24.04.2012
Zitat von sysopYoutube Natürlich müssen Urheber ihre Geschäftsmodelle der Zeit anpassen, da haben die Piraten schon recht. Doch die Forderung, alle Instanzen zwischen Urheber und Konsument zu kappen, ist Irrsinn. Arbeitsteilung hilft Künstlern. Wer als Urheberkuh existieren will, braucht Bauern und Milchmänner. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,829121,00.html
Bravo! Genau so ist es. Ein wichtiger Kommentar!
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Zum Autor
  • Stefanie Lamm
    Volker Strübing, geboren 1971 in Thüringen, lebt und arbeitet in Berlin. Er ist Autor, Vorleser, Filmemacher, Erfinder der Zeichentrickserie "Kloß und Spinne" und zuletzt in seiner Paraderolle als Kofferradio in der zdf.kultur-Serie "Die Nonne & Herr Jilg" zu sehen.



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