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Copyright-Kritik: Lange Schutzfrist lässt Bücher sterben

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Ein überaus restriktives Urheberrecht schadet der Verfügbarkeit von Büchern: US-Forscher kritisieren schädliche Folgen langer Schutzfristen, deutsche Bibliotheken beklagen, dass sie fast vergessene Werke kaum digitalisieren dürfen. So verschwinden Bücher, womöglich für immer.

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Uni-Bibliothek (Archivbild): Juristen und Bibliothekare kritisieren schrankenlosen Schutz

Hamburg - Hilft oder schadet ein starkes Urheberrecht dabei, Literatur in Buchform zugänglich zu machen? Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten - es kommt wohl darauf an, welchen Zeitraum man betrachtet. Der Jurist Paul Heald von der University of Illinois hat in einer bislang nicht veröffentlichten Studie untersucht, wann die in Amazons US-Literaturangebot verfügbaren Werke erschienen sind. Healds vorläufiges Fazit: "Die lange Schutzfrist des Urheberrechts verhindert die Publikation wertvoller Werke."

Heald ist bei der Untersuchung so vorgegangen: Sein Team hat einen Zufallsgenerator programmiert, der Bücher aus Amazons US-Katalog in der Kategorie Literatur aufrief. Dazu benutzten die Forscher die sogenannten Internationalen Standardbuchnummern (ISB-Nummern). Bei etwa zwei Prozent der zufällig generierten ISB-Nummern lieferte die Datenbank einen Treffer zu einem bei Amazon selbst (nicht von Drittanbietern) neu lieferbaren Werk. 2500 Titel kamen so zusammen. Im nächsten Schritt recherchierte Heald in der Datenbank der US-Kongressbibliothek das ursprüngliche Erscheinungsjahr jedes Titels.

Das Ergebnis ist erstaunlich: Gerade einmal 25 der 2500 zufällig ausgewählten, derzeit als neue Ausgaben verfügbaren Werke sind in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zuerst erschienen. 75 heute verfügbare Titel stammen hingegen aus den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Dass die im 19. Jahrhundert erschienenen Werke heute so zahlreich in Neuausgaben verfügbar sind, die im 20. Jahrhundert erstmals veröffentlichen hingegen vergleichsweise spärlich, lässt sich nicht mit der Publikationsmenge erklären. Heald führt aus, dass in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts mehr als viermal so viele Neuerscheinungen auf dem US-Buchmarkt publiziert worden sind wie in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts.

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Paul Heald

Heald erklärt die frappierend geringe Verfügbarkeit von Werken jüngeren Datums mit den langen Schutzfristen im Urheberrecht. In den Vereinigten Staaten wird, wie in Deutschland auch, ein Werk 70 Jahre nach dem Tod des Autors gemeinfrei, bis dahin gilt das Urheberrecht. Wer eine Neuausgabe publizieren will, aber die Rechteinhaber nicht finden kann, muss das Vorhaben aufgeben oder das Risiko eingehen, als Raubkopierer belangt zu werden. So sterben Bücher.

Heald schränkt ein, dass er das alles erst mit absoluter Gewissheit sagen könne, wenn die Studie in einem wissenschaftlichen Fachblatt mit Peer-Review-Verfahren veröffentlicht worden ist, doch bei aller Vorsicht: "Für mich ist klar, auch aufgrund anderer Forschung, dass die langen Schutzfristen des Urheberrechts die Zugänglichkeit wertvoller Werke einschränken."

Wenn der Copyright-Schutz endet, steigt die Verfügbarkeit

Wenn Healds Software tatsächlich zufällige Werte liefert, ist nicht erkennbar, wo die Ursache für eine systematische Verzerrung der Ergebnisse liegen könnte. Einschränkend muss man sagen, dass Healds Ergebnisse sich nur auf jene Werke beziehen, die Amazon in der Rubrik "Literature and Fiction" einordnet, darunter dürfte auch etwas Literaturkritik sein. Heald leitetet aus seinen Daten diese allgemeine Aussage ab: "Wenn Werke gemeinfrei werden, hat das einen positiven Effekt auf ihre Verfügbarkeit in Buchform."

Leider hat Healds Team nicht die Verfügbarkeit von E-Book-Ausgaben untersucht. Es ist aber zu vermuten, dass hier ein ähnlicher Effekt zu beobachten wäre: Nach Ablauf der Schutzfrist steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein älteres Werk als Digitalausgabe zugänglich wird. Heald hält es für wahrscheinlich, dass eine Untersuchung diesen Effekt zeigen wird.

Bibliotheksverband verlangt Freiheiten für Digitalisierung

Nun kann man einwenden: Es ist doch gar nicht so schlimm, wenn es von vielen Werken keine Neuausgaben gibt - in Bibliotheken werden doch sicher die alten Ausgaben herumstehen, es gibt das Antiquariat, und die Büchereien können doch digitalisieren, das ist doch ihr Auftrag.

So ganz stimmt das allerdings nicht: Aufgrund knapper Budgets und restriktiven Urheberrechts können Bibliotheken nicht einfach so Werke digitalisieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Der deutsche Bibliotheksverband fürchtet, dass all die verwaisten und vergriffenen Werke in einer digitalen Zukunft nicht mehr der breiten Öffentlichkeit zugänglich sein werden. Der Verband warnt in einer Stellungnahme zum Tag des Buchs:

"Es gibt in Bibliotheken Hunderttausende von Werken, die derzeit nicht digitalisiert werden können, weil einer der Rechteinhaber unbekannt ist (verwaiste Werke). Außerdem gibt es sehr viele Werke, bei denen kein Verwertungsinteresse mehr besteht (vergriffene Werke)."

Der Verband fordert pragmatische Lösungen, die Bibliotheken die Digitalisierung dieser Werke erlauben.

Die Digitalisierung allein führt aber nicht dazu, dass verwaiste und vergriffene Werke wieder für die Allgemeinheit zugänglich werden. Bibliotheken dürfen in Deutschland jene Werke digitalisieren, die sie in analoger Form im Regal stehen haben. Aber diese E-Books dürfen dann Nutzern ausschließlich in den Räumlichkeiten der Bibliothek zugänglich gemacht werden - eine Absurdität angesichts der Möglichkeiten des Webs. Der Bibliotheksverband beklagt ein zu restriktives Urheberrecht, das es Bibliotheken im Rahmen der Schrankenregelungen (Sondergenehmigungen für bestimmte Nutzer, die der Allgemeinheit dienen) nicht einmal erlaube, E-Books über die Fernleihe anzubieten.

In Frankreich wurde im März ein Gesetz verabschiedet, das die Digitalisierung und Veröffentlichung von schätzungsweise einer halben Million im 20. Jahrhundert publizierter und heute verwaister oder vergriffener Werke erlaubt. Dem Gesetz zufolge soll eine Verwertungsgesellschaft die strittigen Rechte klären.

Dass in der deutschen Politik die Erhaltung, Digitalisierung und Zugänglichkeit von Büchern kein großes Thema sind, überrascht nicht weiter - es ist nicht einmal genug Geld für die Entsäuerung vergammelnder Bücher da.

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1. Freiheit des Wortes
Firewing6 26.04.2012
Zitat von sysopDPAEin überaus restriktives Urheberrecht schadet der Verfügbarkeit von Büchern: US-Forscher kritisieren schädliche Folgen langer Schutzfristen, deutsche Bibliotheken beklagen, dass sie fast vergessene Werke kaum digitalisieren dürfen. So verschwinden Bücher, womöglich für immer. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,829393,00.html
Das Land der Dichter und Denker... Von wegen! Nieder mit den archaischen Schutzfristen!
2.
MirFälltAuchKeinNameEin 26.04.2012
.. Patente kann man auch nur für 25 Jahre haben, und bezahlt dazu noch Antragsgebühren, usw. - auch noch für jedes Land. 25 Jahre müssten beim Urheberrecht ebenfalls genügen. Dann wäre auch die Akzeptanz höher. Alles andere ist Lobbypolitik.
3. Das derzeitige Recht ist Unsinn!
hansulrich47 26.04.2012
Es ist nicht nachvollziehbar warum geistiges Eigentum mit zweierlei Mass gemessen wird. Mache ich eine Erfindung, gilt der Patentschutz 16 Jahre, um ihn aufrecht zu halten, muss auch noch kräftig ans Patentamt gezahlt werden. Schreibe ich ein popeliges Gedicht, darf das selbst nach meinem Tod 70 Jahre keiner drucken. Was für ein unverständlicher Irrsinn. Ich bin für einen Schutz von geistigem Eigentum, aber mit klaren Grenzen. 16 Jahre sollten auch für Bücher gelten. Wer mehr will, muss auch für Patente längere Laufzeiten akzeptieren. Oder sind die wirtschaftlichen Interessen von Erfindern und Dichtern so verschieden?? Die Frage des Artikels nach der Verfügbarkeit von e-books ist einfach zu beantworten: Bei gutenberg.com sind die 'freien' Werke frei herunter zu laden. Was jünger ist und noch copyright-Schutz hat, lässt sich nur in einer Bibliothek oder eben nicht finden. Da verrottet einiges, was sonst gelesen würde.
4.
John.Moredread 26.04.2012
Es wäre schon mal ein Anfang gemacht, wenn sämtliche Rechte über Bücher Zentral in einer Datenbank liegen würden, an die Rechteinhaber sich anmelden müssten und wo sie die Rechte an bestimmten Werken für sich reklamieren müssten. Das würde die Recherche, wer eigentlich die Rechte an einem Buch hat, erheblich vereinfachen. Für Autoren sollte das nur ein geringes Problem darstellen. Sollte jemand nicht der eigentliche Urheber sein, aber die Rechte am Buch besitzen (weil er es bspw. geerbt hat) und erst im Nachhinein merken, das jemand ein Buch vertreibt, auf der er Rechte besitzt, könnten diese Rechte nachträglich eingereicht werden, in dem Falle sollte aber erst ab dem Zeitpunkt, an dem die Rechte geltend gemacht werden, eine entsprechende Entlohnung gefordert werden dürfen. Die finanziellen Risiken für einen Verlag während sonst m.E. zu groß.
5.
marthaimschnee 26.04.2012
Zitat von sysopDPAEin überaus restriktives Urheberrecht schadet der Verfügbarkeit von Büchern: US-Forscher kritisieren schädliche Folgen langer Schutzfristen, deutsche Bibliotheken beklagen, dass sie fast vergessene Werke kaum digitalisieren dürfen. So verschwinden Bücher, womöglich für immer. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,829393,00.html
Tja, das könnte man ganz einfach lösen, indem man den Urheber dazu verpflichtet, bis zum Auslaufen der Schutzfrist für eine Verfügbarkeit zu garantieren - zu marktüblichen Konditionen, versteht sich. Tut er das nicht, verfällt der Schutzanspruch augenblicklich! Das Leben in einer Gesellschaft besteht aus Rechten und Pflichten. Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum jemand ein derart weitgreifendes Recht wie das Urheberrecht ohne irgendwelche Pflichten erhalten sollte.
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