EU-Urheberrechtsreform YouTube im Panikmodus

Mehrere bekannte YouTuber sprechen von einer drohenden "Löschung" ihrer Kanäle oder gleich der ganzen Plattform. Schuld sei die geplante Copyright-Reform. Doch daran glaubt selbst eine der schärfsten Kritikerinnen nicht.

YouTube-Logo auf einem Smartphone
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YouTube-Logo auf einem Smartphone

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Die Schlussphase der Verhandlungen zwischen EU-Parlament und Mitgliedstaaten über die geplante EU-Urheberrechtsreform nähert sich. Doch für manche scheint bereits alles beschlossen und vorbei zu sein.

Vor zwei Wochen hatte YouTube-Chefin Susan Wojcicki die Kreativen ihrer Plattform aufgerufen, "der Welt" zu erzählen, wie die Reform sie betreffen würde. Manche sind ihr gefolgt. Aus Wojcickis Aussage, Artikel 13 der geplanten Reform - der umstrittene Uploadfilter-Artikel - könnte YouTube "zwingen", nur noch Inhalte "einer kleinen Anzahl großer Unternehmen zu erlauben", wurde zum Beispiel

  • "Mein Kanal wird gelöscht! Das Ende von YouTube" (952.000 Aufrufe)
  • "Warum es YouTube nächstes Jahr nicht mehr gibt" (3,3 Millionen Aufrufe)
  • "YouTube wird gelöscht" (25.000 Aufrufe).

Die so betitelten Videos stehen - Stand Mittwoch morgen - allesamt in den deutschen YouTube-Trends. Die Kampagnenplattform Change.org verschickt derweil Pressemitteilungen mit der Überschrift "Aufruhr im Netz: Droht die Löschung von YouTube? Ist das freie Internet in Gefahr?"

Die EU-Kommission, die in den Verhandlungen zwischen Parlament und Mitgliedstaaten vermitteln soll, spricht von "Panik" und versucht zu beruhigen: "YouTube muss 2019 NICHT schließen. YouTuber beziehungsweise Nutzer von Onlineplattformen werden auch in Zukunft weiterhin das tun dürfen, was sie heute tun".

Noch steht nichts fest

EU-Abgeordnete verweisen darauf, dass noch gar nicht feststehe, wie Artikel 13 genau lauten wird. Der Sozialdemokrat Tiemo Wölken etwa findet einerseits, YouTube habe die Nutzer "einseitig informiert und in Panik versetzt". Andererseits, sagte er im Gespräch mit dem SPIEGEL, sei es "unsachlich, wenn die Kommission behauptet, es werde sich nichts ändern. Wir können das jetzt noch nicht sagen."

Selbst die schärfste Kritikerin der geplanten Reform, die EU-Parlamentarierin Julia Reda von den Piraten, sagt: "Nichts von dem, was YouTube sagt, ist falsch. Aber es ist nur die halbe Wahrheit."

Die Ratsposition ist YouTube-freundlicher als die des Parlaments

Was die Google-Tochter auslasse, sagt Reda, sei die Position der Ratspräsidentschaft zu Artikel 13, die sich in einem zentralen Punkt von der Fassung unterscheidet, die das EU-Parlament im September zu seiner Verhandlungsbasis gemacht hatte.

Beide Fassungen würden Plattformen wie YouTube direkt haftbar für Urheberrechtsverletzungen ihrer Nutzer machen. Sie müssten also Lizenzen von Rechteinhabern erwerben, damit deren geschützte Werke auf der Plattform verfügbar sein können - oder den Upload dieser Werke von vornherein verhindern.

Der wichtigste Unterschied ist, vereinfacht gesagt, folgender: Dem Vorschlag der Ratspräsidentschaft zufolge wäre YouTube von einer Haftung ausgenommen, wenn es sein bisheriges Filtermodell namens Content ID auf dem Stand der Technik hält und geschützte Inhalte, die durchrutschen, nach einer Beschwerde der Rechteinhaber schnell entfernt. Sprich: wenn das Unternehmen genauso weitermacht wie bisher. YouTuber müssten in diesem Fall keineswegs die "Löschung" ihrer Kanäle fürchten.

Reda: Verhandlungen zu Artikel 13 haben noch gar nicht richtig angefangen

Die Parlamentsfassung hingegen sieht für große Plattformen wie YouTube keine Ausnahmen von der Haftung vor. Das Unternehmen müsste also, wenn es nicht direkt für Urheberrechtsverletzungen seiner Nutzer haftbar gemacht werden will, passende Lizenzvereinbarungen mit allen Rechteinhabern der Welt abschließen. Oder einen Uploadfilter erfinden, der - anders als Content ID - beim Erkennen geschützter Inhalte niemals Fehler macht und sauber zwischen erlaubter Nutzung, etwa für Parodien, und unerlaubter Nutzung unterscheidet. Das gilt derzeit als technisch unmöglich. "Der jetzige Parlamentstext sorgt für große Rechtsunsicherheit", sagt Wölken.

Dass diese Version unverändert übernommen wird, kann sich wiederum Reda nicht vorstellen. Allerdings habe sich "in den Verhandlungen zu Artikel 13 noch überhaupt nichts bewegt", man habe streng genommen noch nicht einmal damit angefangen. Im Ministerrat gebe es mittlerweile sogar "recht massiven Widerstand" gegen die Richtlinie als Ganzes.

Ein YouTube-Sprecher teilte mit, Wojcickis Brief habe die YouTuber auf "unbeabsichtigte Konsequenzen" aufmerksam machen sollen. Es sei wichtig für sie, "die potenziellen Auswirkungen dieser Richtlinie zu verstehen". Man freue sich darauf, zusammen mit Politik, Rechteinhabern und Plattformbetreibern "einen Kompromiss zu finden, der funktioniert".

Der nächste, offiziell bereits vorletzte, Verhandlungstermin, ist der 26. November. Sollte es, wie geplant, bis zum Jahresende eine Einigung geben, muss das EU-Parlament diese Anfang 2019 noch einmal mehrheitlich bestätigen.

insgesamt 13 Beiträge
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three-horses 07.11.2018
1. Vergammelt.
"YouTube im Panikmodus"...die Warnung ist berechtigt. Egal was kommt, es wird nur schlimmer. Es war doch das Internet Radio, so in etwa der Anfang. Gutenberg. Dann auch einige die nicht so mächtig sind wie YoTube. Also immer ein paar weniger. So stirbt die Vielfallt. Wie nervig sind Installationen von Programmen wo sich immer wieder auch Andere anbieten. Und genauso nervig ist das Kommerzielle Angebot von Internet. Wenn die unter sich bleiben wollen, dann ist das der richtige Weg. Der Weg des Fernsehens.
oxy 07.11.2018
2. Lobbyismus trifft auf digitale Unmündigkeit
Bei uns sind ganze Schulklassen völlig aus dem Häuschen, weil "ihre YouTuber" sich vor den Karren des Portals spannen lassen und die Kids natürlich glauben, dass ihr Lieblings-Kanal oder ganz Youtube/Instagram/Snapchat & Co demnächst abgestellt würden. Mieser gehts nicht mehr. Dies wirft ein Licht auf vieles, u.a. auf Elternhäuser die ihre Kids in den Plattformen-Filterblasen rumtoben lassen, ohne sich um deren kritische Recherchefähigkeit zu kümmern. Und auf Schulen, die bis dato ebenfalls zu digitaler Mündigkeit keinerlei Beiträge leisten, außer das Smartphone vom Pausenhof zu verbannen.
m82arcel 07.11.2018
3.
Selbst wenn er keinen Einfluss auf YouTube und Co. in der heutigen Form hätte, verhindert der Artikel (wie auch die DSGVO) die Entwicklung ähnlicher oder neuartiger Dienste in Europa. Man sollte nicht vergessen, dass auch YouTube, Google, Facebook und Co. mal klein angefangen haben. Solche Unternehmen gibt es ohnehin schon kaum aus Europa (und schon gar nicht aus Deutschland) - wie sollte man unter diesen Bedingungen ähnliche Innovationen in Europa schaffen? Da bringt es auch nichts, staatliche Gelder in Quantencomputing zu investieren, wenn man mit den Systemen am Ende nichts anfangen kann, weil jede Datenverarbeitung hierzulande grundsätzlich als Böse gilt. Kommt nun noch hinzu, dass man für sämtliche nutzergenerierte Inhalte haftbar gemacht wird, kann man sich sämtliche Angebote aus Europa gleich ganz sparen.
three-horses 07.11.2018
4. Es fehlt uns sonst nichts.
Zitat von oxyBei uns sind ganze Schulklassen völlig aus dem Häuschen, weil "ihre YouTuber" sich vor den Karren des Portals spannen lassen und die Kids natürlich glauben, dass ihr Lieblings-Kanal oder ganz Youtube/Instagram/Snapchat & Co demnächst abgestellt würden. Mieser gehts nicht mehr. Dies wirft ein Licht auf vieles, u.a. auf Elternhäuser die ihre Kids in den Plattformen-Filterblasen rumtoben lassen, ohne sich um deren kritische Recherchefähigkeit zu kümmern. Und auf Schulen, die bis dato ebenfalls zu digitaler Mündigkeit keinerlei Beiträge leisten, außer das Smartphone vom Pausenhof zu verbannen.
YoTube bedeutet nicht nur Müll. Von Anwendungen bis...und es geht nicht nur um YT. Die wollen überwachen, zensieren. Dann bleibt nur die Bild Zeitung. Die ist auch etwas daneben, aber immerhin Regierungstreu. Also der rechts von Mitte.
keinblattvormmund 07.11.2018
5. Ich vermute doch ganz stark...
Ich vermute doch ganz stark, dass Youtube die Anzahl der "Aufrufe" aus eigenem Interesse deutlich nach oben gepushed hat. Lobbyismus in Reinkultur und die dummen User lassen sich "vor den Karren spannen"!
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