FDP-Cryptoparty im Bundestag Abgeordnete wollen sich vor Spionen schützen

Der FDP-Abgeordnete Jimmy Schulz will seinen Kollegen im Bundestag das Verschlüsseln von Daten beibringen. Das Interesse an der Cryptoparty ist groß - und zeigt die Ohnmacht deutscher Politiker in der NSA-Affäre.

Abgeordnete im Bundestag (Archivbild): Outlook für alle
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Abgeordnete im Bundestag (Archivbild): Outlook für alle

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Auf einer Cryptoparty lässt sich lernen, wie man seine E-Mails verschlüsselt und Daten gegen unbefugten Zugriff sichern kann. Seit den Enthüllungen des ehemaligen Geheimdienst-Mitarbeiters Edward Snowden werden solche Treffen überrannt. Denn nun ist klar, dass Geheimdienste wichtige Internetverbindungen überwachen - und selbst vor EU- und Uno-Vertretungen nicht haltmachen.

Die Bundesregierung ist weitgehend machtlos - und probiert, die hässliche Affäre vor der Bundestagswahl kleinzureden. "Viel Lärm um falsche Behauptungen", sagt zum Beispiel Innenminister Hans-Peter Friedrich. Doch selbst Abgeordnete der Regierungskoalition ahnen offenbar, dass die Affäre keineswegs ausgestanden ist.

An der Cryptoparty, die der FDP-Abgeordnete Jimmy Schulz am 3. September im Saal der Bundestagsfraktion abhalten will, gibt es zumindest reges Interesse. Die Politiker wollen wissen, wie sie ihre Daten verschlüsseln können.

Hat die Politik vor der Überwachung kapituliert?

"Genauso, wie ich mein Auto abschließe, müssen auch Daten vor dem Zugriff von Unbefugten grundsätzlich geschützt werden, unabhängig davon, ob es Geheimdienste oder Kriminelle sind", sagt Schulz.

Der FDP-Abgeordnete will seine Cryptoparty trotzdem nicht als Eingeständnis dafür verstanden wissen, dass die schwarz-gelbe Koalition der Internetüberwachung durch befreundete Länder wenig entgegenzusetzen hat. Der FDP-Abgeordnete will eine politische Lösung, eine internationale Debatte anstoßen, auf dem Internet Governance Forum im Herbst diskutieren und sich mit Parlamentskollegen in den USA austauschen.

Eigentlich werden Cryptopartys ehrenamtlich organisiert. Dass auch Politiker Cryptopartys anbieten, ist aber nicht neu: Vorneweg organisiert die Piratenpartei bundesweit solche Lerntreffen und veröffentlicht entsprechende Anleitungen. Hier und da haben auch Politiker von der SPD oder den Grünen zu solchen Verschlüsselungskursen geladen.

Kein Crypto-Trittbrett für Unternehmen

Weil Cryptopartys sich gerade so großer Beliebtheit erfreuen, müssen Interessierte schon jetzt genauer hinsehen, wer ihnen da etwas über Verschlüsselung erzählen will. Firmen könnten die Bewegung als Trittbrett nutzen, um ihre Produkte an den Mann zu bringen. "Wichtig ist zu prüfen, ob die Personen vertrauenswürdig sind. Das bedeutet, dass sie neutrale und vor allem ausgewiesene Experten sind", sagt Jimmy Schulz.

Unabhängige Organisatoren raten auch dazu, sich im Inhaltsverzeichnis des Cryptoparty-Handbuchs (PDF) vorab die Werkzeuge anzusehen, die auf einer solchen Veranstaltungen in der Regel vorgestellt werden, normalerweise handelt es sich um kostenlose, freie Software.

Doch ausgerechnet ein Programm zur E-Mail-Verschlüsselung, das im Internet frei verfügbar und einigermaßen leicht zu bedienen ist, gehört nicht zur Standardausstattung im Parlament: PGP, das Programm, das im Mittelpunkt der meisten Cryptopartys steht. Auch auf der Liste mit zusätzlicher Software, die Abgeordnete von der Verwaltung anfordern können, fehlt ein PGP-Programm bisher.

Kein Thunderbird im Bundestag

Stattdessen bietet der Bundestag seit 2003 die E-Mail-Verschlüsselung mit S/MIME an - eine Möglichkeit, von der Abgeordnete allerdings kaum Gebrauch machen, wie die "FAZ" aus einer Umfrage weiß. Von 126 Abgeordneten, die über ihren Umgang mit Verschlüsselung Auskunft gaben, setzen 71 Prozent diese Technik bei ihrer täglichen Arbeit überhaupt nicht ein.

Um Abgeordneten eine verschlüsselte E-Mail zu schicken, benötigt der Absender ein Zertifikat einer Zertifizierungsstelle, was meist mit Kosten verbunden ist, und muss das Zertifikat des jeweiligen Abgeordneten herunterladen, überprüfen und installieren. Auf der Bundestags-Website gibt es dazu technische Erläuterungen, zu deren Verständnis der aufmerksame Besuch einer Cryptoparty durchaus hilfreich ist.

Darüber, welche Software auf den Computern im Bundestag eingesetzt wird, entscheidet die IuK-Kommission des Ältestenrats. Netzpolitiker wie Jimmy Schulz sind dort nicht vertreten. Gerade hat die Kommission beschlossen, das Open-Source-Mailprogramm Thunderbird abzuschaffen - übrigens auch eine freie Software, die auf vielen Cryptopartys installiert und erklärt wird. Der Bundestag setzt stattdessen auf Microsoft Outlook für alle.

insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
SasX 26.08.2013
1.
Zitat von sysopDPADer FDP-Abgeordnete Jimmy Schulz will seinen Kollegen im Bundestag das Verschlüsseln von Daten beibringen. Das Interesse an der Cryptoparty ist groß - und zeigt die Ohnmacht deutscher Politiker in der NSA-Affäre. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/cryptoparty-mit-jimmy-schulz-die-ohnmacht-der-politiker-a-917803.html
Wo wird im Strafrecht eigentlich zwischen diesen beiden Gruppen bei unberechtigen Zugriffen unterschieden?
urdemokrat 26.08.2013
2. Og Guido
Wo bleibt da der Cryptofachmann Guido, der gerade seine eigene Version verkündet hat ?
animalblack 26.08.2013
3. Ms Outlook?
Na wunderbar, wenn die MS Outlook benutzen, dann geht das doch über die amerikanischen Server und damit steht der gesamte Emailverkehr des Bundestages der NSA zur Verfügung. Schade, dass die Berichterstattung an unseren Geliebten Politikern vorbeigeht und der gesunde Menschenverstand anscheinend gleich mit...
copperfish 26.08.2013
4. Verdächtig!
Haben die was zu verbergen? Wenigstens hat die IuK-Kommission des Ältestenrats wirklich nichts zu verbergen,und nimmt das auch vom Rest des "Bundestags an. Oder ist sie vielleicht doch nur das ausführende Organ der NSA?!
copperfish 26.08.2013
5. neuland
Zitat von SasXWo wird im Strafrecht eigentlich zwischen diesen beiden Gruppen bei unberechtigen Zugriffen unterschieden?
Offensichtlich gibt es im "Neuland" kein funktionierendes Strafrecht mehr.
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