Von Konrad Lischka und Ole Reißmann
Berlin - Als bestes deutsches Spiel wurde beim Deutschen Computerspielpreis der Ego-Shooter "Crysis 2" ausgezeichnet. 50.000 Euro Preisgeld, eine vom Bundestag mitgetragene Ehrung für ein Spiel, das in Deutschland wegen der drastischen Gewaltdarstellungen nur Erwachsene spielen dürfen? Diese Entscheidung der unabhängigen Jury sorgt für Ärger in der Politik. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU), Mitausrichter des Preises, bewertet die Entscheidung kritisch. Sie gäbe Anlass, über die Kriterien nachzudenken.
Neumann stellt in Frage, ob weiterhin auch Spiele prämiert werden können, die "nur für Erwachsene zugelassen" sind. Der Kulturstaatsminister distanziert sich damit von der Auszeichnung für "Crysis 2": "Ein Spiel, das aufgrund von Gewaltdarstellungen nicht für Jugendliche geeignet und deshalb nur für Erwachsene zugelassen ist, kann schwerlich kulturell und pädagogisch wertvoll sein." Das stand in Neumanns Redemanuskript, bei der Preisverleihung aber sprach der Kulturstaatsminister dann frei und ging mit der Spielebranche wesentlich sanfter um. Auch die Jury, deren Absetzung der medienpolitische Sprecher der Unionsfraktion Wolfgang Börnsen noch mehr oder minder unverhohlen gefordert hatte, nahm Neumann in Schutz: "Wir haben eine unabhängige Jury, und das ist gut so", sagte er und bekam dafür anhaltenden Applaus.
In einer Pressemitteilung des Staatsministers jedoch heißt es, den Vergabekriterien des Deutschen Bundestages für den Preis sei zu entnehmen, ein ausgezeichneter Titel müsse sowohl kulturell als auch pädagogisch wertvoll sein. Der genaue Wortlaut des damaligen Antrags ist allerdings etwas schwammiger: Ein "Preis für qualitativ hochwertige sowie kulturell und pädagogisch wertvolle Computerspiele" solle geschaffen werden. Der Preis solle zudem den "Produktionsstandort Deutschland" stärken.
Nun ist aber nicht jedes gute Spiel aus Deutschland zwingend ein jugendfreies. Da die Mehrheit der Computerspieler volljährig ist, gibt es viele Spiele für Erwachsene. So argumentieren auch die vier Bundestagsabgeordneten, die in der Jury des Computerspielpreises sitzen, die mit breiter Mehrheit den Ego-Shooter zum besten Spiel des Jahres gewählt hat.
"Wir haben ein Erwachsenenspiel ausgezeichnet"
Auf die Kritik des Kulturstaatsministers an der Auszeichnung für "Crysis 2" reagiert der FDP-Abgeordnete Jimmy Schulz gereizt, mit einer Abwandlung von Wolfgang Börnsens Kritik an der Jury: "In letzter Konsequenz stehe ich daher auch einer Neubesetzung des Staatsministerpostens offen gegenüber."
Der SPD-Abgeordnete Lars Klingbeil, ebenfalls in der Jury, steht zu der Entscheidung: "Wir haben in diesem Jahr ein Erwachsenenspiel ausgezeichnet. Da kann man sicher fragen, ob das nun pädagogisch wertvoll ist, aber wir haben eine ganze Reihe Kriterien wie zum Beispiel Spielspaß, und die Jury war sich überwiegend einig, dass 'Crysis 2' das Spiel des Jahres ist."
Die Union ist in der Ego-Shooter-Frage zerstritten. Der CDU-Kulturstaatsminister distanziert sich vorsichtig, die beiden Unionsabgeordneten in der Jury sind stolz auf die Auszeichnung für "Crysis 2". Peter Tauber (CDU) sagt: "Man könnte sich auch darüber streiten, ob ein Freizeitspiel für Erwachsene einen pädagogischen Anspruch braucht. Wenn ich in meiner knapp bemessenen Freizeit am Computer spiele, dann möchte ich vielleicht gar keinen pädagogischen Anspruch."
"Einfach auch mal nichts sagen"
Tauber ärgert sich über Kritik aus seiner eigenen Fraktion. Sein Kollege Börnsen hatte schon die Nominierung von "Crysis 2" unvertretbar genannt und von einem "Killerspiel" gesprochen. Tauber sagt zu solchen Vorwürfen: "Bei einigen Kollegen würde ich mir manchmal wünschen, dass sie, wenn sie nichts Qualifiziertes sagen können, dann einfach auch mal nichts sagen."
Der andere Unionsabgeordnete in der Jury, Thomas Jarzombek sieht den Grund für den jetzt zu Tage tretenden Konflikt in der Anlage des Preis,es. Es sollten ja künstlerisch anspruchsvolle, aus Deutschland stammende und pädagogisch wertvolle Spiele ausgezeichnet werden. Diese Kriterien widersprächen einander eben manchmal. Jarzombek: "Nun ist Kunst nicht immer pädagogisch. 'Crysis 2' ist sicher kein pädagogisch wertvoller Titel, aber es setzt neue Maßstäbe in der Kunst. Der Soundtrack von Hans Zimmer, die Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut bei der Grafik - so etwas hat man bisher nicht gesehen." Laut dem CDU-Abgeordneten würde "es niemand verstehen, wenn wir dieses Spiel nicht auszeichnen".
Jarzombek hat eine Idee, wie man das Problem lösen könnte: "Wenn man mit dem Deutschen Computerspielpreis nur pädagogisch wertvolle Spiele auszeichnen will, muss es einen zweiten Preis geben, vergleichbar mit dem Deutschen Filmpreis. Diesen sollte man an erfolgreiche Werke aus Deutschland vergeben."
Alles Preisträger im Überblick:
Anmerkung der Redaktion: Der Jury des Deutschen Computerspielpreises gehört auch SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Christian Stöcker an.
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