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Zitieren im Web: Der Code der Kuratoren

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Zwei kleine Symbole für mehr Anerkennung: Eine Initiative schlägt vor, die Herkunft von Web-Fundstücken im eigenen Blog künftig mit Sonderzeichen offenzulegen. Die Idee löst heftige Reaktionen aus - findet aber auch Zustimmung.

Website des "Curator's Code": Verrate uns, wo Du Dich längsgeklickt hast Zur Großansicht

Website des "Curator's Code": Verrate uns, wo Du Dich längsgeklickt hast

Alles nur Wichtigtuerei? Das ist zumindest ein Vorwurf, dem sich die Web-Autorin Maria Popova ausgesetzt sieht. Die in New York lebende Autorin, die für ihr Blog "Brainpickings" Kuriositäten ausgräbt, hat sich Gedanken über die Art und Weise gemacht, wie Web-Fundstücke herumgereicht werden - und wie man den Jägern und Sammlern respektvoll begegnen kann. Von den Urhebern ganz zu schweigen.

Ihr Ergebnis ist der "Curator's Code". Der Kodex besagt, dass man seine Quellen im Web transparent macht, und zwar nicht nur die Originalquelle, sondern auch die Seiten und Autoren, über die man erst auf Fundstücke hingewiesen wurde. Popova will so helfen, die "intellektuellen Leistung" des Herumsuchens im Web und des Publizierens von ausgewählten Werken zu honorieren.

Sie schlägt vor, Originalquellen mit dem Hinweis "via" zu verlinken, wie es schon bisher unter Bloggern guter Brauch ist. Vermittelnde Seiten sollen mit einem "hat tip" bedacht werden, einem anerkennenden Gruß, wörtlich einem Tip an die Hutspitze. Für diese Art der Verlinkung schlägt sie in ihrem "Curator's Code" außerdem zwei Sonderzeichen vor, ein um 90 Grad gedrehtes S sowie einen Pfeil mit Schleife.

Die Reaktionen fielen zum Teil heftig aus. Matt Langer, mittlerweile Produktentwickler bei der "New York Times", verfasste eine regelrechte Brandrede. "Hört auf, es Kuratieren zu nennen", ist sein Blogeintrag überschrieben. Es ist eine Abrechnung mit Bloggern, die sich etwas auf ihren Geschmack einbilden und das bloße Kopieren und Verlinken von Texten, Bilder und Videos mit dem Wort "Kuratieren" adeln. Es sei aber keine besondere Leistung, im Web herumzusurfen und Dinge zu konsumieren. Kuratieren hingegen sei eine Tätigkeit von promovierten Kunsthistorikern.

Die selbsternannten Kuratoren, ärgert sich Langer, wollten für etwas Anerkennung bekommen, was nichts mehr ist als ein ganz normales menschliches Verhaltensmuster sei. Langer spricht sich ausdrücklich für die Verlinkung von Originalquellen aus, für Fußnoten und Bibliografien. Die Pflicht, jemanden als weitere Quelle zu verlinken, nur weil dieser jemand zufällig etwas im Web gefunden oder gelesen hat, weist er brüsk zurück.

Nur eitle Blogger oder besorgte Web-Wandelnde?

Doch geht es wirklich nur um die Eitelkeiten von Bloggern, die etwas als allererstes gefunden haben wollen, so wie es Langer darstellt? Für Flo Hauck, einem der drei Autoren des Blogs "We like that", gehört es zum guten Ton, Ursprung und Entdeckungsort anzugeben. "Die Links helfen mir, neue und auch gute Blogs zu entdecken. Wenn ich einen spannenden Artikel finde, der mich begeistert, verfolge ich oft den Ursprung dieser Meldung und stoße auf weitere Blogs oder Seiten, die ich dann im Auge behalte."

Gehören "via"-Links also zum guten Ton, erkennt man an ihnen gute Blogs? Philipp Jahner und Anne Wizorek, die Autoren von "nom nom nom": "Vielleicht nicht unbedingt 'gute' oder 'böse' Blogs, aber doch schon diejenigen, bei denen mehr dahinter steckt, als nur die Absicht, viele Klicks und Likes zu generieren." Das Schönste an einem "via" sei, dass man mit so einem Link immer auch was zurückgibe. Das Ganze habe dadurch viel mehr mit Netzwerken zu tun und zeige wieder die menschliche Seite hinter den Inhalten. Die beiden Blogger: "Im Grunde sind 'via'-Links die Truckergrüße der Blogosphäre."

Darum geht es auch Maria Popova, die das Internet mit dem Wunderland aus der Alice-Geschichte vergleicht. Die Links sind die verschlungenen Pfade, über die man sich durch das Netz klickt und wundersame Entdeckungen machen kann. Die Links führen von einem tollen virtuellen Ort zum nächsten. "Das darf und soll ruhig sichtbar sein", sagen Jahner und Wizorek. Blogger-Eitelkeiten stehen dabei erst an zweiter Stelle - wenn überhaupt. Der Ehrenkodex geht in Ordnung, dass sich dafür die vorgeschlagenen Sonderzeichen durchsetzen, glauben die beiden Blogger aber nicht.

David Carr, Medienkolumnist bei der "New York Times", lobt den "Curator's Code" sogar als eine Form von Medienerziehung. "Ich glaube, dass Menschen offenbar zunehmend weniger interessiert daran sind, woher ihre Informationen kommen", sprang er ihr bei, "und das in einer Zeit, in der sie es meiner Meinung nach umsomehr sein sollten." Er glaube, Popova habe eine wichtige Debatte angestoßen, die erst am Anfang stehe.

Ob man es nun "kuratieren" oder "zitieren" nennen will - tatsächlich gibt es noch einiges zu klären. So hat sich im Web ein ungeschriebenes Gesetz durchgesetzt, wonach die Übernahme von mehreren Absätzen Text oder mehreren Fotos in ein eigenes Blog in Ordnung geht, solange nur ein Link auf die Quelle daruntersteht. In klassischen Blogs erledigen das die Autoren von Hand, bei neueren Diensten wie Pinterest, Tumblr, dem aufgebohrtem Delicious oder Soup.io sind solche Funktionen fest eingebaut.

Streng nach Urheber- oder Zitatrecht bewegen sich viele dieser Angebote und Blogs in Deutschland in einer rechtlichen Grauzone. Oder sie sind schlicht illegal und können zu Rechnungen oder Abmahnungen führen. In den USA gibt es das Urheberrecht nicht in dieser Form, dort gilt "fair use" - und im Zweifelsfall müsste der Urheber vor Gericht ziehen, um eine unfaire Nutzung feststellen zu lassen. Was wiederum viele aus Bequemlichkeit oder Sorge vor Verfahrenskosten und negativen öffentlichen Folgen nicht machen.

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