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05. Juni 2012, 10:52 Uhr

Digitaler Truppeneinsatz

Bundeswehr meldet sich bereit zum Cyberwar

Kommando Hack: Mit Angriffen auf gegnerische IT-Netze kann die Bundeswehr nun auch im Cyberwar mitmischen, heißt es in einem Bericht an den Bundestag. Doch wann die Informatiker-Truppe überhaupt zur Tastatur greifen darf, bleibt unklar.

Hamburg - Die neuen Cyberkrieger werden in trockenem Beamtendeutsch angekündigt: Die Streitkräfte hätten nach jahrelangen Vorbereitungen endlich eine "Anfangsbefähigung" für Attacken in "gegnerische Netze" erreicht, zitiert die "Financial Times Deutschland" aus Unterlagen des Verteidigungsministeriums für den Bundestag.

Demnach ist die neue Einheit für Computernetzwerkoperationen, die beim Kommando Strategische Aufklärung in Gelsdorf bei Bonn angesiedelt ist, seit Ende des vergangenen Jahres zumindest ein bisschen einsatzfähig. Der sechsseitige Bericht, der Mitte April verschickt wurde und SPIEGEL ONLINE vorliegt, befasst sich größtenteils mit der Sicherheit der IT-Systeme vor Hackerangriffen.

Der Cyberspace sei als "operative Domäne" vergleichbar mit dem Luft- oder Seeraum, in dem die Bundeswehr auch operiert. Bisher seien die Spezialisten aber noch nicht eingesetzt worden, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums der Zeitung.

Allerdings ist die Rechtslage bisher ungeklärt, ebenso die Frage, ob der Parlamentsvorbehalt auch für einen digitalen Angriff gilt. Die Strategen der Bundeswehr gehen laut "Financial Times Deutschland" davon aus, dass ein Angriff mit "digitalen Waffen" zusätzlich zu einem konventionellen Einsatz stattfinden könnte.

Die Hackertruppe der Bundeswehr befindet sich bereits seit 2006 im Aufbau. Ursprünglich sollte die Einheit bereits 2010 einsatzfähig sein. Der SPIEGEL hatte bereits 2009 über die "Abteilung Informations- und Computernetzwerkoperationen" berichtet, die in der Tomburg-Kaserne in Rheinbach nahe Bonn streng abgeschirmt arbeitet. Damals bestand die Einheit aus 76 Mitarbeitern unter dem Kommando von Brigadegeneral Friedrich Wilhelm Kriesel. Sie gehören dem Kommando Strategische Aufklärung an.

Auskundschaften, manipulieren, zerstören

Nach Informationen des SPIEGEL stammten die ersten Cybersoldaten vor allem aus den Fachbereichen für Informatik der Bundeswehr-Universitäten. Sie beschäftigen sich auch mit den neuesten Methoden, in fremde Netzwerke einzudringen, sie auszukundschaften, sie zu manipulieren oder zu zerstören - digitale Angriffe auf fremde Server und Netze inklusive.

Die digitale Aufrüstung stand 2009 im Eindruck der jüngsten Cyber-Angriffe auf die estnische Infrastruktur - die damals noch als zumindest halboffizieller Angriff aus Russland eingestuft wurden. Eine Ansicht, die heute allerdings kaum noch ein Experte teilt. Mittlerweile geht man von Hackergruppen aus, die ohne staatliche Aufsicht handelten.

Auch massive Angriffswellen mit Schadprogrammen auf Bundesministerien und das Kanzleramt im Frühjahr und Sommer 2007, die Ermittler auf Server in der chinesischen Provinz Lanzhou zurückführten, brachten eine Aufwertung des Bonner Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zu einer Cyber-Verteidigungsagentur für die Behörden.

Auch heute ist noch völlig unklar, wie ein angeblicher Cyber-Angriff auf Deutschland oder etwa einen Nato-Bündnispartner beantwortet werden sollte. Solche Attacken fallen meist zeitverzögert auf, oft lässt sich bis zuletzt keine eindeutige Spur zu einem Verursacher zurückverfolgen. Etwa zwischen einem staatlichen und einem staatlich legitimierten Angriff, einer übereifrigen Bürgerwehr, einer Aktivistengruppe oder dem Kollateralschaden einer kriminellen Schadcode-Attacke zu unterscheiden, gelingt erst Monate bis Jahre später - und in den wenigsten Fällen mit endgültiger Sicherheit.

Kurz: Ob überhaupt ein Cyber-Angriff vorliegt und welche Antwort angemessen wäre, kann derzeit nicht vernünftig entschieden werden. Und mit dieser Unklarheit haben auch angebliche Cybertruppen zu tun. Ihnen bleibt vor allem das Eindringen in Militärnetzwerke, Verteidigungsanlagen oder Rechnersysteme in Waffen und anderem Kriegsgerät, zum Beispiel zur Radarabwehr.

fko/ore/AFP

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