Cyberwar USA und Russland wollen virtuellen Rüstungswettlauf verhindern

Die Achillesferse moderner Gesellschaften ist die Vernetzung ihrer kritischen Infrastrukturen. Kein Wunder, dass immer mehr Länder Geld und Ressourcen investieren, die Netze auch militärisch zu nutzen. Jetzt gaben die USA dem Drängen Russlands nach, hier endlich über Grenzen zu reden.

Cyberwar: Die Vision von der potentiell tödlichen Waffe Computer ist längst Realität
Corbis

Cyberwar: Die Vision von der potentiell tödlichen Waffe Computer ist längst Realität


Vertreter der Vereinigten Staaten sprechen mit Abgesandten Russlands und einem Rüstungskontrollgremium der UNO über Möglichkeiten, die Internetsicherheit zu verbessern und seine Verwendung für militärische Zwecke einzuschränken, berichtet die "New York Times". Zwar interpretierten Russland und die USA den Fokus der Gespräche unterschiedlich, doch bedeute allein schon die Teilnahme der Amerikaner einen erheblichen Schritt: Russland hatte seit längerem vergeblich auf solche Gespräche gedrängt.

Die Obama-Administration, der man erhebliche Sensibilität in Bezug auf ITK-Themen zutraut, erkenne im Gegensatz zur letzten US-Regierung an, dass immer mehr Länder Ressourcen investierten, um sogenannte Cyberwaffen zu entwickeln. Ihr gehe es nun darum, schreibt die "Times", einem denkbaren Rüstungswettlauf im Internet die Spitze zu nehmen.

Die Vertreter Russlands sehen das alles noch viel konkreter: Es gehe darum, Verhandlungen darüber zu eröffnen, zu einer Art Abrüstungsvertrag für das Internet zu kommen. Dem hätten sich die USA bisher hartnäckig verweigert.

Cyberwar ist eine konkrete Möglichkeit

Im Gegensatz zu vielen anderen Nationen machen die USA kein Hehl daraus, an diversen Stellen Kompetenzen aufzubauen, die sowohl der Verteidigung kritischer Infrastrukturen dienen und die Informationsnetze im Krisenfall schützen sollen, als auch gegen virtuelle Angreifer genutzt werden könnten. Spionierend und die weltweite Kommunikation überwachend gelten die USA mit der National Security Agency NSA, deren Hauptaufgabe genau darin besteht, als Vorreiter einer geheimdienstlichen und militärischen Nutzung der Netze.

Was natürlich nicht aggressiv gedacht ist, sondern der Verteidigung dienen soll, denn Cyberwar ist immer das, was die anderen planen: Was Regierungen in die IT-Technologien ihrer Armeen und Geheimdienste investieren, fällt dagegen unter Computersicherheit und Verteidigung. Das ist heute nicht anders als zu Zeiten des nuklearen Wettrüstens. Selbst investierte man in sogenannte Abschreckung (die Fähigkeit, Länder- und Welt-zerstörende Vergeltungsschläge auszuführen), während Drohungen stets von der Gegenseite ausgingen.

Mit Ende des Kalten Krieges sind der Welt die schlimmsten dieser Bedrohungsszenarien abhanden gekommen. Schon von 1969 bis 1979 verhandelten die USA und die Sowjetunion in den Salt-Verträgen erste Begrenzungen des Rüstungswahnsinns. Die Idiotie des Ich-droh-Dir-Du-drohst-mir führte vor allem die Sowjetunion an den Rand ihrer wirtschaftlichen Kapazitäten und darüber hinaus: Der Kollaps des Sowjet-Systems war auch ein ökonomischer, der durch Überrüstung mit verursacht war. Insofern sind die Russen hier gebrannte Kinder.

Die treibende Kraft für Verhandlungen ist Russland

Viktor Sokolow, ein führender Ministerialer der russischen Regierung, schilderte die bisherigen Verhandlungen als fruchtbar. Die USA hätten zugestimmt, die Gespräche fortzuführen, dies seien "positive Bewegungen". Gegenüber der "Times" dementierte allerdings ein Mitarbeiter des US-Innenministeriums, der namentlich nicht genannt werden wollte jedoch, dass es in den Gesprächen überhaupt um virtuelle Rüstungsbegrenzungen gehe. Das Interesse der Amerikaner beschränke sich darauf, mit den Russen zu einer intensivierten Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Internetkriminalität zu kommen.

Was sich hier und da durchaus decken könnte: Eine Stärkung der Infrastrukturen gegen kriminelle Hacks würde auch gegen militärische Cyberangriffe wirken. Für die russische Darstellung spricht die Vorgeschichte der Verhandlungen. Demnach seien die zustande gekommen, nachdem ein führender Offizier des russischen Geheimdienstes sich in Washington mit Vertretern von NSA, Homeland Security und Verteidigungsministerium getroffen habe. Kurz darauf hätte ein US-Vertreter einem Mitglied des Un-Komitees für Abrüstung und internationale Sicherheit zugesichert, dass die USA an UN-moderierten Diskussionen in New York teilnehmen wollten. Bis zu diesem Zeitpunkt hätten die USA darauf beharrt, entsprechende Gespräche nur in einem Wirtschaftsausschuss führen zu wollen.

Die UNO unterstützt die Fortführung der Gespräche, die im Januar zunächst in New York wieder aufgenommen werden sollen. Im Verlauf des Jahres soll es dann zu weiteren Gesprächen am Rande einer Sicherheitskonferenz in Garmisch kommen.

Cyberwar? Ist längst da

Das Konzept des Cyberwar gewinnt zunehmend an Bedrohlichkeit, je stärker sich die industrialisierten Länder vernetzen. Im April 2008 drohte eine Qaida-Gruppe mit virtuellen Attacken gegen US-Atomkraftwerke und lieferte in einer Art offenen Brief gleich Belege des dafür nötigen Know-how. Der Angriff fand nie statt, die Echtheit der Drohung ist nicht verifiziert. Die technischen Möglichkeiten aber sind inzwischen unumstritten und werden auch genutzt: Sie reichen von DDoS-Attacken zur Behinderung der Kommunikation über die Schaffung von Botnetzen fremdkontrollierter Rechner bis hin zu gezielten Eingriffen in den Betrieb kritischer Infrastrukturen. Bereits mehrfach gerieten auch Staaten in den Verdacht, solche Methoden schon angewandt zu haben, der Nachweis steht bisher aus.

Cyberattacken sind nicht harmlos, sondern potentiell tödlich - sei es dadurch, dass direkte physische Schäden verursacht werden, sei es dadurch, dass die Versorgungslage beeinträchtigt wird oder das Funktionieren von militärischen Verteidigungseinrichtungen. Als besonders empfindlich gilt in den USA das Stromnetz, das schon durch punktuelle Eingriffe zu destabilisieren wäre - mit potentiell katastrophalen Folgen. Nach einem Risiko-Bericht der Nasa Anfang des Jahres hat die US-Administration damit begonnen, massiv in die Modernisierung der Netze zu investieren.

Etwa zur gleichen Zeit dokumentierte der Conficker-Wurm weltweit und eindrucksvoll, wie ein PC-Virus auch militärische Netze beeinträchtigen kann. Betroffen waren Teile der britischen, französischen und deutschen Streitkräfte, echte Schäden blieben allerdings aus. Das durch Conficker aufgebaute Botnetz ist bis heute aktiv, wird für kriminelle Zwecke eingesetzt und gilt als eines der größten seiner Art, obwohl IT-Sicherheitsfirmen über die technischen Möglichkeiten verfügen, dem Virus den Garaus zu machen. Nur anekdotisch und unbelegt sind dagegen hartnäckige Gerüchte, ausgerechnet die USA hätten Cyberwaffen bereits eingesetzt: Neben herkömmlichen Scrambling-Methoden zur Behinderung der Kommunikation hätten US-Militärhacker im Irak-Krieg erfolgreich die irakische Luftverteidigung behindert.

pat/AFP



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