Drogen- und Waffenhandel Ermittler zerschlagen zwei der größten Darknet-Marktplätze

In einer großen Operation haben FBI, DEA und Europol zwei populäre Drogenumschlagplätze im Darknet zerschlagen. Die Daten Tausender Nutzer von AlphaBay und Hansa werden nun ausgewertet.

Fingerzeig auf Laptop
DPA

Fingerzeig auf Laptop


Zwei der größten Darknet-Umschlagplätze sind dicht. Europol berichtet, dass es den Ermittlern aus verschiedenen Ländern gemeinsam gelungen sei, sowohl AlphaBay als auch Hansa zu zerschlagen. Der Aktion sei monatelang vorbereitet und koordiniert worden, heißt es in einer Pressemitteilung. An der Aktion waren demnach unter anderem das FBI, die US-Antidrogenbehörde DEA und die niederländische Dutch National Police beteiligt.

AlphaBay war nach Europol-Angaben der größte kriminelle Marktplatz im Darknet. Aufrufen ließ er sich nicht über das klassische World Wide Web, sondern über das Tor-Netzwerk (siehe Erklärkasten).

Was ist das Darknet?
Was ist mit Darknet gemeint?
Wer im Internet surft, öffnet seinen Browser und kann dann Webseiten wie www.spiegel.de besuchen - oder er googelt Inhalte. Das Darknet, das "dunkle Netz", kann man sich demgegenüber als virtuellen Hinterraum vorstellen, der schwerer zu erreichen und anders gebaut ist als das offene Internet.

Dort gibt es keine zentralen Server. Stattdessen verbinden sich viele einzelne Computer zu Netzwerken. So entstehen exklusive Kreise, die Nutzer nicht einfach per Google-Suche finden. Es gibt also nicht nur ein Darknet, sondern viele solcher Netzwerke. Sie arbeiten unterschiedlich, aber das Ziel ist immer: Die Nutzer sollen anonym bleiben können. Die Daten in den Darknets werden in der Regel verschlüsselt übertragen, deshalb ist das Darknet schwer zu überwachen.

Doch auch dort gibt es Dinge, die Nutzer des World Wide Web (WWW) kennen dürften: Chaträume, soziale Netzwerke und Online-Shops voll illegaler Angebote, die zum schlechten Ruf beitragen.

Wie komme ich ins Darknet?
Wer in ein Darknet gelangen möchte, kann das nicht mit einem herkömmlichen Browser. Der dunkle Teil des Netzes ist nur über spezielle Software zu erreichen. Je nach Darknet ist der Zugang unterschiedlich kompliziert.

Das wohl bekannteste Darknet ist über den sogenannten Tor-Browser erreichbar. Viele nutzen ihn, um auch beim Surfen im WWW anonym zu bleiben. Tor nutzt dafür eine Technik namens "Onion Routing".

Anfragen werden dabei auf wechselnden Routen über verschiedene Server umgeleitet, die jeweils nicht das eigentliche Ziel kennen. Nach dem Passieren verschiedener Stationen gelangt die Kommunikation über einen Exit-Knoten wieder ins Netz. Sender und Empfänger sollen so anonym bleiben. In der Vergangenheit sind dennoch immer wieder Tor-Nutzer enttarnt worden.

Vom WWW abgesehen, kann man mit den Tor-Browser Seiten aufrufen, auf die man mit normalen Browsern keinen Zugriff hat. Im Darknet existieren nämlich sogenannte Hidden Services. Das sind in der Regel anonym betriebene Webseiten und Server, die nicht über die IP-Adresse oder eine klassische Adresse wie google.de oder spiegel.de angesteuert werden. Hidden-Service-Adressen enden auf .onion und bestehen aus langen Zahlen- und Buchstabenkombinationen. Derzeit gibt es über 50.000 .onion-Adressen. Um sich zurechtzufinden, gibt es für Interessenten an den Seiten unter anderem eine Art Wikipedia zur Übersicht.

Wer benutzt das Darknet?
Das per Tor erreichbare Darknet hat einen ziemlich schlechten Ruf als Ort für Kriminelle. Dabei ist der vermeintlich dunkle Teil des Netzes nicht illegal - zumindest solange nicht, bis man dort etwas Illegales tut.

Auf großen Darknet-Markplätzen werden allerdings viele illegale Geschäfte abgewickelt. Die 2013 geschlossene Silk Road war so ein Ort. Waffen- und Drogenhändler und auch Pädophile nutzen die technischen Möglichkeiten durchaus für ihre Zwecke.

In den Online-Shops können Kunden und Händler nur schwer belangt werden, bezahlt wird auf Darknet-Marktplätzen oft mit der Krypto-Währung Bitcoin. Um Bitcoin zu bekommen, gibt es gesonderte Onlinebörsen, wo man sein Geld in die Krypto-Währung umtauschen kann.

Doch die Anonymität, die ein Darknet bietet, ist auch ein Segen für Menschen in autoritär regierten Ländern, die sich vor Überwachung durch das Regime schützen wollen. Chinesische Dissidenten benutzen Darknet-Netzwerke genauso wie Journalisten oder Whistleblower. Auch viele ganz normale Webseiten haben Tor-Adressen, Facebook zum Beispiel ist unter https://facebookcorewwwi.onion/ zu erreichen.

Ist das Darknet das Gleiche wie das Deep Web?
Die Begriffe Darknet und Deep Web werden häufig synonym verwendet. Streng genommen gibt es zwischen Dark- und Deep Web aber einen Unterschied: den Zugangsweg. Deep-Web-Seiten lassen sich über einen normalen Browser aufrufen, Darknet-Seiten nicht.

Wenn man sich einen Eisberg vorstellt, ist das WWW die sichtbare Spitze über Wasser. Unter Wasser gibt es aber noch einen großen anderen Bereich: das Deep Web. Man findet es, wenn man weiß, wie man hinkommt.

Auch das Deep Web wird nicht nur für illegale Sachen genutzt: Große Teile des Deep Webs sind sogar unspektakulär und bestehen zum Beispiel aus riesigen Informationsdatenbanken, passwortgeschützten Seiten und solchen, die nicht für Suchmaschinen gelistet sind und die bei einer Suche folglich nicht angezeigt werden.

Kann man eine Seite also mit einem normalen Browser und ohne Zusatzsoftware öffnen, liegt sie vielleicht im Deep Web, aber nicht im Darknet.

2014 gegründet, soll AlphaBay mehr als 200.000 Nutzer erreicht haben und von 40.000 Händlern genutzt worden sein. Es habe dort über 250.000 Angebote für illegale Drogen und giftige Chemikalien gegeben, schreibt Europol. Außerdem sei dort zum Beispiel mit Malware, gefälschten Ausweisdokumenten und Waffen gehandelt worden.

Gezahlt wurde auf AlphaBay mit Bitcoin und anderen Kryptowährungen. Europol zitiert eine angeblich konservative Schätzung, derzufolge auf der Plattform bislang umgerechnet mindestens eine Milliarde Dollar umgesetzt worden sei.

Auch Hansa ist offline

Die andere Plattform, Hansa, ist der Europol-Mitteilung zufolge der drittgrößte Untergrund-Marktplatz. Drogenhandel soll darüber in ähnlicher Größenordnung betrieben worden sein wie bei AlphaBay. Die zwei Hansa-Administratoren seien in Deutschland festgenommen worden, heißt es. Darüber hinaus wurden Server in Deutschland, den Niederlanden und Litauen beschlagnahmt.

Hansa sei am Donnerstag offline gegangen, nachdem die niederländische Polizei zuvor bereits "wertvolle Informationen" über "hochrangige Ziele" und Lieferadressen für eine größere Zahl von Bestellungen gesammelt habe. 10.000 Adressen ausländischer Hansa-Kunden seien an Europol weitergegeben worden.

Die niederländische Polizei hat auf der ehemaligen Hansa-Seite einen Hinweis geschaltet, laut dem die Seite schon seit dem 20. Juni von der Polizei kontrolliert wurde. Man habe seitdem den Code verändert, so dass man etwa Passwörter mitschneiden konnte, die den Strafverfolgern helfen könnten, Nutzer des Marktplatzes zu identifizieren. Das Vorgehen sei Teil der sogenannten Operation Bayonet, zu der auch das Zerschlagen von AlphaBay gehöre. Der Hinweisseite zufolge arbeitete in Deutschland unter anderem das Bundeskriminalamt mit den Niederländern zusammen.

AlphaBay war bereits seit Anfang Juli nicht mehr zu erreichen gewesen - im Web wurde daher schon ausführlich darüber spekuliert, was es mit dem Verschwinden auf sich hat. Angeblich sollen auf der Suche nach einem neuen Umschlagplatz diverse AlphaBay-Nutzer zu Hansa gewechselt sein. Vergangenen Donnerstag berichtete dann unter anderem das "Wall Street Journal", dass das Ende von AlphaBay in Zusammenhang mit internationalen Ermittlungen steht.

Suizid in Haft

Aus den USA hieß es nun offiziell, dass Behörden aus Thailand, Litauen, Kanada, Großbritannien und Frankreich an einer Operation beteiligt waren, bei der die AlphaBay-Server beschlagnahmt werden sollten. Der mutmaßliche AlphaBay-Gründer sei am 5. Juli in Thailand im Auftrag der Amerikaner festgenommen worden. Eine Woche später habe der Kanadier in der thailändischen Haft dem Anschein nach Suizid begangen. Ihm war unter anderem der Handel mit Betäubungsmitteln, Identitätsdiebstahl und Geldwäsche vorgeworfen worden.

Von US-Justizminister Jeff Sessions hieß es am Donnerstag, das Vorgehen der Behörden sei ein klares Signal an die Betreiber und Interessenten, dass sie "entdeckt werden, ihre Organisationen und Netzwerke zerschlagen werden und wir sie strafverfolgen". Zur Dimension des Fahndungserfolgs merkte er an, dies sei "wahrscheinlich die wichtigste Kriminalermittlung des Jahres, durch die der größte Darknet-Marktplatz der Geschichte abgeschaltet werden konnte".

Andrew McCabe, der derzeit amtierende FBI-Chef, sagte, AlphaBay sei zehnmal so groß wie Silk Road gewesen, jene berühmt-berüchtigte Darknet-Plattform, die 2013 im Zuge von Ermittlungen vom Netz gegangen war.

mbö/AFP

Mehr zum Thema


insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dipsy_ 20.07.2017
1.
ein kopf wird abgetrennt und zwei andere wachsen dafür nach
jujo 20.07.2017
2. ...
Zitat von dipsy_ein kopf wird abgetrennt und zwei andere wachsen dafür nach
wohl wahr, aber die Nutzer können jetzt indentifiert werden, das macht die Runde, mal abwarten wie das die Justiz wertet. Auf jeden Fall werden sich jetzt die Leute zurückhalten. Da wird die Aussage bestätigt, daß das Netz nichts vergißt. Schon möglich das jetzt jemand der vor Jahren im darknet unterwegs war jetzt unangenehmen Besuch oder unangenehme Post bekommt.
moorkind 20.07.2017
3. Legalize it
endlich. Seit Menschengedenken werden Drogen konsumiert. Trinke selber gerade ein Glas Rotwein. Dafür gibt es Peitschenhiebe in anderen Ländern. Mein Sohn ist Gelegenheitskiffer (hat ihm auch sein Psychodoc empfohlen, weil er die verschriebenen Medikamente nicht verträgt) und die schon genehmigte Umschulung ist im letzten Moment gestrichen worden weil ein anderer Psychodoc, der für die BG arbeitet, diesen Konsum verteufelt. Hoffe, er ist nicht verloren für "unsere" Gesellschaft. Weiche Drogen : legalize it. Bei harten Drogen helfen. Nicht diskriminieren, sondern integrieren. Waffen braucht kein Mensch.
taglöhner 20.07.2017
4. ftp
Zitat von jujowohl wahr, aber die Nutzer können jetzt indentifiert werden, das macht die Runde, mal abwarten wie das die Justiz wertet. Auf jeden Fall werden sich jetzt die Leute zurückhalten. Da wird die Aussage bestätigt, daß das Netz nichts vergißt. Schon möglich das jetzt jemand der vor Jahren im darknet unterwegs war jetzt unangenehmen Besuch oder unangenehme Post bekommt.
Im Darknet "unterwegs" sein ist keineswegs illegal. Man kann dort (bislang) nur mit geringerem Risiko Illegales tun.
LDaniel 20.07.2017
5. Wichtig
Wichtiger Schlag gegen die Kriminellen, die immernoch glauben das Internet sei ein rechtsfreier Raum
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.