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Debatte um Wissensmonopol: "Google bestimmt unser Weltbild"

Ein US-Konzern sammelt das Wissen der Welt, Millionen Menschen vertrauen auf die geheimen Algorithmen von Google: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt Wolfgang Sander-Beuermann, warum eine europäische Suchmaschine die falsche Antwort wäre - und was stattdessen nötig ist.

Google-Homepage: Eine Firma sammelt das Wissen der Welt Zur Großansicht
AFP

Google-Homepage: Eine Firma sammelt das Wissen der Welt

Hamburg - Braucht Europa eine eigene Suchmaschine, als Gegengewicht zu Google? "Nach dem Stand der Dinge liegt das wirkliche Wissen heute in der Hand von einem, mit Apple und Facebook maximal drei Mega-Konzernen", schreibt Frank Schirrmacher, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", in einem vielbeachteten Essay über das digitale Gedächtnis. Suchmaschinen wie Google werden immer mächtiger und prägen die Gesellschaft - denn neue Studien deuten darauf hin, dass wir Menschen dazu neigen, uns Informationen nicht mehr langfristig zu merken, wenn es diese auch im Internet gibt. Um so wichtiger werden Wissenspeicher und Findemaschinen.

Das wichtigste technologische Projekt der Gegenwart, so Schirrmacher, sei deswegen der Aufbau einer europäischen Suchmaschine: nicht geleitet von den kommerziellen Interessen eines Konzerns, ohne politische oder ökonomische Kontrolle. Der Suchmaschinen-Experte Wolfgang Sander-Beuermann von der Universität Hannover teilt die Sorge über einen riesigen, kommerziell ausgerichteten Wissenspeicher. Statt einer europäischen Alternative fordert er im Interview allerdings viele kleine Suchmaschinen.

SPIEGEL ONLINE: Liegt das Wissen der Welt heute tatsächlich nur noch in der Hand von Google?

Wolfgang Sander-Beuermann: Es gibt mit Google und Bing von Microsoft gerade noch zwei große Suchmaschinen. Diese Entwicklung galt - außer Insidern - den meisten Menschen vor sieben Jahren als kaum vorstellbar. Damals gab es noch viel mehr kommerzielle Angebote, die dann nach und nach untergegangen sind - und es wurde verschlafen, eine Alternative aufzubauen.

SPIEGEL ONLINE: Warum braucht es zusätzliche Angebote?

Sander-Beuermann: Wenn ein Konzern wie Google das Wissen der Welt sammelt, bestimmt dieses Unternehmen unser Weltbild. Was von der Maschine erfasst wird, Texte, Bilder, Videos, was in den Trefferlisten oben erscheint: Das prägt unsere Sicht auf Dinge.

SPIEGEL ONLINE: Viel Verantwortung für wenige Firmen.

Sander-Beuermann: Gäbe es genügend konkurrierende Suchmaschinen, wäre das kein Problem. Aber für viele Unternehmen ist es doch heute überlebenswichtig, bei Google auf den ersten Trefferseiten aufzutauchen. Die geheimen Algorithmen bestimmen, die Welt schaut zu.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre die Lösung - eine Suchmaschinen-Aufsicht?

Sander-Beuermann: Nein, aber es wäre wünschenswert, dass unabhängig und demokratisch legitimierte Experten stichprobenartig überprüfen könnten, nach welchen Kriterien eine marktbeherrschende Suchmaschine Einträge nach oben sortiert - und ob da nicht vielleicht doch Firmeninteressen im Spiel sind. Das würde aber nichts an dem Grundproblem ändern.

SPIEGEL ONLINE: Also brauchen wir mehr Suchmaschinen?

Sander-Beuermann: So einfach ist das leider nicht. Der Zug ist vor Jahren abgefahren. Um jetzt noch eine Suchmaschine aufzubauen, die es mit Google aufnehmen könnte, brauchen Sie sehr, sehr viel Geld, mehrere Milliarden Euro. Außerdem wäre es wenig sinnvoll, Google nur nachzubauen. Stattdessen brauchen wir eine Suchmaschinen-Landschaft. Wir müssen den Pluralismus unserer Gesellschaft auch auf technischen Strukturen abbilden.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland und Frankreich haben es vor fünf Jahren mit Quaero probiert, einer staatlich geförderten, europäischen Suchmaschine. Die ist aber schnell gescheitert.

Sander-Beuermann: Mit den herkömmlichen Fördermitteln von Staaten und der Europäischen Union funktioniert so etwas auch nicht. Da muss man dann Meilensteine definieren und einen Plan für drei Jahre aufstellen - aber es ist unmöglich, vorherzusagen, was dann im Internet möglich ist. Das beißt sich mit zu viel Förderbürokratie. Schon deshalb müssen wir weg von großen, teuren, universellen Ansätzen.

SPIEGEL ONLINE: Spezial-Suchmaschinen gibt es bereits, sie fordern noch viel mehr. Wer soll die neuen Suchmaschinchen bauen?

Sander-Beuermann: Jeder soll mitmachen und für kleine Nischen spezielle Suchmaschinen bauen können, die dann viel besser sind als große, vermeintlich alles wissende Angebote. Diese Spezialsuchen, von denen wir tausende für alle Wissensgebiete brauchen, sollen als demokratisch organisierte Struktur vernetzt werden - sowohl im technischen Sinne vernetzt, als auch organisatorisch.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es für die Sammlung und die Vernetzung von Wissen nicht längst die Wikipedia?

Sander-Beuermann: Aber dort wird nur eine bestimmte Form von Wissen gesammelt, das sind Lexikoneinträge. Viele kulturell wertvolle Artefakte werden Sie dort niemals finden, zum Beispiel Debattenbeiträge. Trotz aller Kriterien ist es immer noch recht willkürlich, was dort einen Eintrag bekommt und was nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn neue Suchmaschinen so wichtig für das Wissen sind, warum preschen Universitäten nicht vor?

Sander-Beuermann: Auch Universitäten und ihre Förderinstitutionen sind dem Zeitgeist unterworfen und haben nicht kommen sehen, wie mächtig Google werden würde. Viele haben es ja immer noch nicht verstanden. Jetzt müssen wir erstmal dafür sorgen, dass es gut funktionierende, frei verfügbare Suchmaschinen-Software gibt.

Das Interview führte Ole Reißmann

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Zur Person
Wolfgang Sander-Beuermann, geboren 1947, arbeitet am Regionalen Rechenzentrum für Niedersachsen an der Leibniz Universität Hannover. Dort leitet er seit 1995 das Suchmaschinen-Labor, in dem die Metasuchmaschine MetaGer entwickelt wurde. Im Jahr 2004 hat er den SuMa-eV - Verein für freien Wissenzugang initiiert.

Marktanteile der Suchmaschinen
Google 90 Prozent
Yahoo 2,4 Prozent
Bing 2,2 Prozent
T-Online 2 Prozent
Ask.com 0,6 Prozent
AOL Suche 0,5 Prozent
Web.de 0,5 Prozent
MSN Live Search 0,4 Prozent
GMX 0,2 Prozent
Search.com 0,1 Prozent
DMOZ 0,1 Prozent
Ixquick.com 0,1 Prozent
Altavista 0,1 Prozent
Fireball 0,1 Prozent
Freenet 0,1 Prozent
Allesklar 0,1 Prozent
Metager 0,1 Prozent
deutschlandweiter Marktanteil, erhoben nach Webbrowser-Angabe, Stand: April 2011, Quelle: Webhits
Google
Der Konzern
Reuters
Google wurde 1998 von den Studenten Sergey Brin und Larry Page gegründet und ging ein Jahr später online. 2010 machte die Firma mit ihren rund 20.000 Angestellten einen Umsatz von mehr als 29 Milliarden Dollar. Unterm Strich blieben davon 8,5 Milliarden Dollar als Gewinn übrig. Die dominierende Stellung im Markt für Online-Werbung sorgt für ein attraktives Geschäftsmodell, birgt aber auch die Gefahr der extremen Abhängigkeit von nur einer Ertragsquelle. Immerhin 96 Prozent der Einnahmen erzielte Google im vergangenen Jahr mit Werbung.
Die Geschäftsfelder
Google hat im Laufe der Jahre zahlreiche Unternehmen übernommen - so etwa 2006 die Videoplattform YouTube und 2007 den Online-Vermarkter Doubleclick. Gleichzeitig hat die Firma ihre Geschäftstätigkeit auch selbst ausgebaut, zum Beispiel mit dem Dienst Google Street View oder dem E-Mail-Anbieter Google Mail.


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