Demonstrationsbehinderung Ägypten blockiert Twitter-Kommunikation

Die Regierung Mubarak unterbindet den Zugang zum Kurznachrichtendienst Twitter in Ägypten. Hintergrund ist anscheinend die Sorge, digitale Instant-Messages könnten wie zuvor in Tunesien dazu führen, dass sich der Protest im Land zu einer koordinierten Bewegung auswächst.

Screenshot von Herdict Web: "Twitter nicht mehr erreichbar"

Screenshot von Herdict Web: "Twitter nicht mehr erreichbar"


Kairo/Hamburg - Die ägyptische Regierung sieht sich mit massiven Protesten konfrontiert - und versucht mit allen Mitteln, die Unruhe im Land einzudämmen. Jetzt häufen sich Berichte, wonach bereits seit Dienstagnachmittag der Zugang zum Internet-Kurznachrichtendienst Twitter blockiert ist.

Nach Informationen von Twitter ist der Service seit Dienstag 16 Uhr europäischer Zeit landesweit so gut wie unerreichbar. In Einzelfällen gelingt offenbar weiterhin ab und zu die Nutzung, was zu widersprüchlichen Berichten über die Sperrung geführt hatte.

Das lag offenbar daran, dass die Sperrung des Dienstes beim staatsnahen, ehemals staatlichen Telekommunikationsunternehmen Telecom Egypt (respektive dessen Internet-Zweig TE Data) zwar schneller erfolgte als bei der privatwirtschaftlichen Konkurrenz, andererseits aber auch nicht vollständig. Inzwischen laufen beim Herdict-Dienst des amerikanischen Berkman Center for Internet & Society, das weltweit Berichte über Sperrungen sammelt und im Web dokumentiert, fortlaufend Meldungen ein, die die anhaltende Sperrung des Dienstes bestätigen. Laut Herdict ist es das 43. Mal, dass Twitter in Ägypten zeitweilig nicht erreichbar ist.

Andere Kommunikations-Tools und der Zugang zu Social-Media-Seiten sind in Ägypten aber bisher weiter erreichbar. Wie zuvor in Tunesien wird solchen digitalen Kommunikationskanälen eine erhebliche Rolle bei der Organisation, Koordinierung und landesweiten Bekanntmachung der laufenden Proteste gegen die Regierung zugemessen. Kritiker merken zwar an, dass die Medien hier die Rolle sogenannter neuer Medien zu Lasten etablierter Kommunikationskanäle wie Telefonie und SMS als überproportional wichtig darstellten. Dass sie aber gerade als Publikationsorgan in Situationen, wo Medien nicht mehr frei berichten, enorme Wichtigkeit besitzen, steht außer Frage.

So haben sich Blogs und Facebook-Seiten in Ägypten in den letzten Tagen als Medienplattform der protestierenden Gegenöffentlichkeit etabliert. Völlig unverhohlen rufen Einzelne und Gruppen hier zur Demonstration und zum Aufstand auf. So waren die umfassenden Proteste am Dienstag, die vier Demonstranten das Leben kosteten, über eine Facebook-Gruppe mit dem Namen "Revolutionstag gegen Folter, Armut, Korruption und Arbeitslosigkeit" koordiniert worden. "Wir sind ebenso viele wie in Tunesien", hieß es in einer Erklärung dort, "Zehntausende sind auf die Straßen geströmt und haben ihr Recht eingefordert - bis zum Rückzug des Präsidenten und seiner Flucht aus dem Land."

Protestwelle vorerst erstickt

Auch am Mittwoch folgten entsprechende Aufrufe: "Geht nicht zur Arbeit, geht nicht in die Schule. Lasst uns alle Hand in Hand für unser Ägypten auf die Straße gehen", schrieb ein Aktivist auf Facebook. "Wir werden Millionen sein", hieß es.

Das hat die Regierung Mubarak bisher mit einem Demonstrationsverbot und die ägyptische Polizei mit einem beispiellosen Aufgebot verhindert. Sollte es neue Proteste geben, würden die Sicherheitskräfte gezielt dagegen vorgehen, erklärte ein Sprecher des Innenministeriums am Mittwoch: "Es wird niemandem erlaubt werden, Aufruhr zu schüren, Protestversammlungen abzuhalten oder Demonstrationen zu organisieren. Sollte sich jemand nicht daran halten, dann werden sofort gesetzliche Maßnahmen eingeleitet und Ermittlungen gegen die Teilnehmer aufgenommen."

Die Gründe für den landesweiten Unmut sind im - seit 1981 von Husni Mubarak autoritär regierten - Ägypten ähnlich gelagert wie in Tunesien. Dort hatte die Selbstverbrennung eines arbeitslosen Akademikers eine Protestbewegung initiiert, die den seit 1987 mit teils diktatorischen Mitteln regierenden Zine el-Abidine Ben Ali aus dem Amt gefegt und aus dem Land vertrieben hatte.

Seitdem hat es in mehreren Maghreb-Staaten und nun in Ägypten Demonstrationen gegen die jeweiligen Regierungen gegeben. Die sind in Ägypten nicht ungewöhnliches, neu ist jedoch die große Zahl der Teilnehmer und die Qualität der logistischen Koordinierung, die weitgehend über das Internet und Telekommunikationsmedien läuft.

pat/AFP/Reuters



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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
egils 26.01.2011
1. ich hoffe...
...fuer die Aegypter, dass dies der Anfang vom Ende des Mubarak Clans ist. Die frage ist nur, was kommt danach? Wieviel faejhige oppositionspolitiker gibt es denn? man weiss hier so wenig ueber die Aegyptische Politik...will man ja auch nciht. Nur 2 Wochen pro jahr im Urlaub, und da ist alles gut:-) Siehe Tuensien.
elbröwer 26.01.2011
2. Besatzer und Kulturkiller
Araber wie diese, die mit der ägyptische Geschichte der Pharaonen nicht das geringste zu tun haben wollen die Nofretete ins arabisch besetzte Ägypten holen.
joga_bonito 26.01.2011
3. Typran Mubarak
Zitat von egils...fuer die Aegypter, dass dies der Anfang vom Ende des Mubarak Clans ist. Die frage ist nur, was kommt danach? Wieviel faejhige oppositionspolitiker gibt es denn? man weiss hier so wenig ueber die Aegyptische Politik...will man ja auch nciht. Nur 2 Wochen pro jahr im Urlaub, und da ist alles gut:-) Siehe Tuensien.
Für westliche medien sind alle oppositionelle islamische fanatiker. Der Garant für Demokratie,Menschenrechte und Wohlstand hies Mubarak. Was nach Mubaraks clan kommt? Gutes für Ägypter und schlechtes für westliche Tyranen.
the_flying_horse, 26.01.2011
4. Ich sehe das etwas schwarz für Ägypten
Zitat von sysopDie*Regierung Mubarak*unterbindet den Zugang zum Kurznachrichtendienst Twitter in Ägypten. Hintergrund ist anscheinend die Sorge, digitale Instant-Messages könnten wie zuvor in Tunesien dazu führen, dass sich der Protest im Land zu einer koordinierten Bewegung auswächst. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,741747,00.html
Ich war schon überrascht, dass es in Tunesien los ging; ich hatte eher Ägypten im Visier. Nur so relativ friedlich wie in Tunesien wird es in Ägypten nicht ablaufen, bevor Mubarak freiwillig ins Exil geht, lässt er hunderte Demonstranten von den Sicherheitskräften erschießen... Vor allem, was kommt nach Mubarak, wenn das Volk ihn vielleicht beiseite schafft? Wie stark sind die religiösen Fanatiker? Die will das normale Volk auch nicht als Herrscher haben, das können die Leute ganz gut einschätzen, aber können sie sich dagegen wehren ohne einen Bürgerkrieg? Ich sehe das etwas schwarz für Ägypten; ich hoffe, ich irre mich da.
volky 26.01.2011
5. Gmail ist auch tot!
Zitat von sysopDie*Regierung Mubarak*unterbindet den Zugang zum Kurznachrichtendienst Twitter in Ägypten. Hintergrund ist anscheinend die Sorge, digitale Instant-Messages könnten wie zuvor in Tunesien dazu führen, dass sich der Protest im Land zu einer koordinierten Bewegung auswächst. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,741747,00.html
gmail ist anscheinend auch abgeschaltet (ueber vodafone egypt) Ich kriege auf jeden Fall keine Verbindung. Werds mal mit TOR versuchen und mich dann nochmals melden. Gruss aus Dahab, South Sinai, Egypt
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