Demos gegen Uploadfilter "Ich bin kein Bot, nehmt mich ernst"

Bundesweit protestieren junge Leute gegen die EU-Urheberrechtsreform. Zunächst waren sie überfordert mit der Organisation. Doch langsam gelingt es ihnen, die Empörung aus dem Netz auf die Straße zu bringen.

Torsten Kleinz

Von Torsten Kleinz


"Nie mehr CDU!", rufen die rund 500 Demonstranten, die sich am Samstag am Bahnhof Köln-Deutz versammelt haben. Auf ihrem Weg durch die Stadt und über den Rhein wechseln sie ständig die Sprechchöre. "Stoppt die Zensur" und "Wir sind keine Bots" gehören zu den beliebtesten Slogans.

Im Zentrum der Proteste: Der 28-jährige Sebastian Worm, der sich auf der Videostreamplattform Twitch "Sebro" nennt. Er ist zur zentralen Figur der Kölner Proteste geworden. Worm ist kein YouTube-Star, auf Twitter hat er gerade einmal 1500 Follower. Mit seinen Streams auf der auf Spiele spezialisierten Plattform verdient Worm lediglich ein kleines Zubrot zu seinem Job als Barkeeper im Kölner Studentenviertel.

Als Mitte Februar bekannt geworden war, dass die EU-Urheberrechtsreform trotz aller Kritik mit den umstrittenen Regeln zur Plattformhaftung verabschiedet werden sollte, war die Empörung im Netz groß. Für Worm war der Protest mit spöttischen Tweets und Onlinepetitionen jedoch nicht mehr genug - kurz entschlossen meldete er bei der Polizei eine Straßendemonstration an. Den Aufruf verbreitete er auf Twitter nur zwei Tage vor dem geplanten Termin.

"Wir sind nicht gegen das Urheberrecht"

Ob mehr als eine Handvoll Leute kommen würde, war Worm dabei nicht klar. "Ich hab' mir gesagt, ich zieh das jetzt einfach durch", sagt er. Doch die Kunde wird schnell von prominenten YouTubern aufgegriffen und verbreitet. Als Worm schließlich übernächtigt von der Arbeit auf den Kölner Neumarkt kam, erlebte er eine Überraschung: Mehr als 1000 meist junge Demonstranten waren erschienen. Eine Woche später waren es sogar 3000 Demonstranten. Zehntausende verfolgten den Protest in Livestreams.

Auch wenn Demonstrationen in Köln fast zum Alltag gehören, ist der Protest gegen die Urheberrechtsreform außergewöhnlich friedlich. Wenn die Demonstranten am Kundgebungsort eintreffen, rufen die ersten Teilnehmer "Hinsetzen" - und zwei Minuten später sitzen hunderte Teilnehmer im Halbkreis, um den Rednern zuzuhören. Wenn sich einer der Ungeübten verhaspelt, gibt es dennoch Applaus - und zum Schluss rufen Zuhörer "Ehrenmann" oder "Ehrenfrau", um sich für einen besonders gelungenen Beitrag zu bedanken. Die Kölner Polizei hält es daher auch nicht für nötig, Sicherungskräfte zu schicken, die Unruhestiftern Einhalt gebieten sollen. Lediglich zur Regelung des Verkehrs werden die Beamten geschickt.

Dass es für die Teilnehmer um mehr geht als nur um eine Urheberrechtsreform, merkt man, wenn man die Schilder der Demonstranten betrachtet. Hier wird insbesondere der zuständige Berichterstatter des EU-Parlaments Axel Voss als "Vollvossten" verspottet. Eine weitere verbreitete Botschaft: "Ich bin kein Bot, nehmt mich ernst." Damit reagieren die Demonstranten auf die immer wieder vorgebrachte Unterstellung, die Onlineproteste wären lediglich vorgetäuscht und aus Amerika gesteuert. Die Teilnehmer sehen das als Angriff auf sich und ihre Lebenskultur.

Sie wollen nicht als bloße Verweigerer wahrgenommen werden, die Urhebern kein Geld gönnen. "Wir brauchen ein neues Urheberrecht - das ist aber das falsche", ruft Thomas Hackner, der seit 2017 als "HerrNewstime" seinen Lebensunterhalt auf YouTube verdient. Zwar haben sich die Demonstranten von der alarmistischen Parole verabschiedet, dass die Existenz von YouTube als Ganzes gefährdet sei. Sie sehen die Urheberrechtsreform jedoch als Faktor, der das Internet von einem kreativen Mitmach-Medium zu einem reinen Konsumprodukt machen soll.

Die Lernkurve der jungen Aktivisten ist steil

Mittlerweile finden überall in Deutschland ähnliche Proteste wie in Köln statt, von Berlin über Magdeburg bis nach Kassel. Unterstützung erhalten die Organisatoren von der Plattform "Save the Internet", die mit einer Onlinepetition bereits mehr als 4,9 Millionen Unterschriften gegen die Urheberrechtsreform gesammelt hat.

Allerdings sind die freiwilligen, oft noch unerfahrenen Aktivisten von der Protestwelle teils deutlich überfordert. Die Organisation funktioniert über Twitter und die Chat-Plattform "Discord". Aber auch Teamspeak - der eigentlich auf Computerspiele spezialisierte Sprachchat - spielt bei der Abstimmung zwischen den Organisatoren eine große Rolle.

Die Lernkurve der jungen Protestbewegung ist steil: Konnten sich die Redner bei der ersten Kölner Kundgebung kaum verständigen, weil nur ein Lautsprecher von zwei Freiwilligen in die Höhe gehoben wurde, haben die Organisatoren um Worm mittlerweile die wesentlichen Lektionen gelernt. Sie organisierten einen Lkw als Bühne und Lautsprecherwagen, statt spontaner und teils zielloser Redebeiträge gibt es nun eine Rednerliste.

Tausende kommen zu Spontandemos

Einen ersten Achtungserfolg hat die Protestbewegung in der vergangenen Woche erlebt: Als die Piratenpartei-Europaabgeordnete Julia Reda davor warnte, der Vorsitzende der EVP-Fraktion, Manfred Weber, wolle die Abstimmung um die Urheberrechtsreform vorziehen, um den europaweit geplanten Protesten vorzukommen, versammelten sich Tausende zu Spontandemos. Allein vor der CDU-Zentrale in Berlin standen mehr als 2000 Demonstranten. Dass die Abstimmung nun doch erst Ende März stattfinden soll, schreibt sich die junge Protestbewegung als Erfolg zu.

Ob der Protest jedoch ausreicht, das EU-Parlament zumindest zur Ablehnung der umstrittensten Regeln zu bewegen, ist höchst ungewiss. "Ich bin optimistisch, dass wir viele der deutschen Politiker überzeugen können", sagt Hackner. Die Hoffnung der Demonstranten ist, dass der geplante europaweite Protest am 23. März so massiv ausfallen wird, dass die Abgeordneten in allen Mitgliedstaaten um die Stimmen der jungen Generation für ihre Wiederwahl im Mai fürchten müssen.

Hackner verweist darauf, dass die erfolgreiche Protestbewegung gegen die Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen, Acta, im Jahr 2012 in Polen begonnen hatte und dann auf die anderen EU-Staaten wie Deutschland übergegriffen habe. Nun müsse die Bewegung in anderer Richtung funktionieren.

Unterstützung bekommt sie natürlich aus dem Internet. So hat die Wikipedia-Community entschieden, am 21. März die deutschsprachige Ausgabe der Online-Enzyklopädie abzuschalten und stattdessen zur Teilnahme an den Protesten aufzurufen. Als die Demonstranten in Köln hören, dass die Website sie unterstützt, obwohl sie von den geplanten Haftungsregeln ausgenommen ist, reagieren sie begeistert und starten ihren Sprechchor: "Ehrenseite, Ehrenseite".

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
digge8 11.03.2019
1. sehr gut
Ich finde das Engagement der jungen und mittelalten Leute sehr lobenswert. Es zeigt wir sind nicht nur ein paar sondern der wichtigste Teil der EU. Jetzt noch endlich das echte Bekenntnis der Jungen zur EU bzw. das outing ein/e Europäer*in zu sein und nicht einer Nation anzugehören, dann wird endlich der Weg frei für echte europäische Wahlen nicht national begrenzt durch willkürliche Linien von vor 74 Jahren. Eine gemeinschaftliche Zukunft steht bevor, sollen die alten weißen Männer und Frauen doch dahin gehen wo ihr wolkenkukusheim noch existiert, wir werden die Welt aus den Angeln heben.
shy_212 11.03.2019
2. DIe meisten sind zwischen 18 - 30
Darüber hinaus verstehe ich nicht, was mit den Medien los ist. Bei den ACTA - Demos waren es vor allem junge Erwachsene. Ihr tut immer so, als wäre das eine Teenie-Demo.
sekundo 12.03.2019
3. Diese Leute, die gegen
das neue Urheberrechtsgesetz mit dem Scheinargument der Zensur demonstrieren, sind Schmarotzer, die alles umsonst haben wollen. Die haben nicht verstanden, dass Künstler wirtschaftlich darauf angewiesen sind, dass ihr geistiges Eigentum geschützt wird und bleibt!!!
lapje 12.03.2019
4.
Zitat von sekundodas neue Urheberrechtsgesetz mit dem Scheinargument der Zensur demonstrieren, sind Schmarotzer, die alles umsonst haben wollen. Die haben nicht verstanden, dass Künstler wirtschaftlich darauf angewiesen sind, dass ihr geistiges Eigentum geschützt wird und bleibt!!!
Nein. SIE! haben hier anscheinend nichts verstanden. Die Gegner sind nicht , wie Sie ihnen unterstellen, gegen den Schutz des geistigen Eigentums sind - da sind Sie der Lobby ganz schön auf den Leim gegangen. Dafür lagen genügend Gegenvorschläge auf dem Tisch, die aber eben von dieser Lobby nicht mal angesehen wurden. Nein, es geht nicht um die Urheber, sondern um die Verwerter - das verstehen Menschen wie SIE nicht. Ich bin selbst Autor und somit Urheber - und werde mit der Reform deutlich schlechter darstehen, da in Deutschland mit der Reform und Artikel 12 wieder die Verlegerbeteiligung eingeführt werden kann - was auch passieren wird. Einer Praxis, die der BGH vor ein paar Jahren noch als rechtswidrig eingestuft hat. Zuletzt durfte ich 40% meiner Tantiemen der VG Wort an Verleger abdrücken, die jetzt sicherlich wieder kommen werden. Also erklären SIE mir doch mal, wo ICH von der Reform profitiere? Mal davon abgesehen, dass unter den Gegenern viele Kreativ-Vereinigungen sind. Aber die haben sicherlich keine Ahnung.
sekundo 12.03.2019
5. Als Komponist, Texter
Zitat von lapjeNein. SIE! haben hier anscheinend nichts verstanden. Die Gegner sind nicht , wie Sie ihnen unterstellen, gegen den Schutz des geistigen Eigentums sind - da sind Sie der Lobby ganz schön auf den Leim gegangen. Dafür lagen genügend Gegenvorschläge auf dem Tisch, die aber eben von dieser Lobby nicht mal angesehen wurden. Nein, es geht nicht um die Urheber, sondern um die Verwerter - das verstehen Menschen wie SIE nicht. Ich bin selbst Autor und somit Urheber - und werde mit der Reform deutlich schlechter darstehen, da in Deutschland mit der Reform und Artikel 12 wieder die Verlegerbeteiligung eingeführt werden kann - was auch passieren wird. Einer Praxis, die der BGH vor ein paar Jahren noch als rechtswidrig eingestuft hat. Zuletzt durfte ich 40% meiner Tantiemen der VG Wort an Verleger abdrücken, die jetzt sicherlich wieder kommen werden. Also erklären SIE mir doch mal, wo ICH von der Reform profitiere? Mal davon abgesehen, dass unter den Gegenern viele Kreativ-Vereinigungen sind. Aber die haben sicherlich keine Ahnung.
und GEMA-Mitglied brauche ich Ihre Belehrungen nicht! Und überdenken Sie bitte Ihren Ton!!
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