Von Frank Patalong
Daraus ergab sich eine exotische Situation, die die tiefen Umwälzungen andeutet, die der Verlagslandschaft bevorstehen: Ein renommierter Autor verzichtet auf die Rückendeckung seines großen Verlages und setzt freiwillig auf Selbstvermarktung. Auch für Pirinçci ist das ein Experiment. Er weiß, dass sich im Kindle-Shop nichts zufällig verkauft, dort niemand über ein E-Book stolpert. Chancen hat derjenige, der weiß, wie er sein Produkt bekannt macht oder über den berichtet wird. Zurzeit liegt "Felidae" im Kindle-Ranking auf Platz 3171. Schon dieser Artikel dürfte das zumindest kurzfristig merklich ändern - so läuft das.
Zumal Pirinçci weiß, wie er die Sache angehen muss. Im Kindle-Shop stehen nun E-Books von ihm, die Random House dort anbietet, neben solchen, die er selbst vermarktet - zu einem deutlich niedrigeren Preis. "Felidae" etwa kostet 3,91 Euro als Download, die billigste Paperback-Edition des Buches kostet derweil 8,95 Euro.
Und die Buchpreisbindung? Die Verlage haben schließlich abgemacht, E-Books nicht günstiger als die Papierausgaben zu machen. Gelte hier nicht, sagt Akif Pirinçci, weil seine Kindle-Edition von "Felidae" ja ein anderes Produkt sei, eine "Sonderedition": Ergänzt um ein Nachwort "zur Entstehungsgeschichte des Buches und der späteren Verfilmung mit diversen Fotos aus dem damaligen Privatleben von Akif Pirinçci. Auch das Vorbild für Francis, ein Kater namens Cujo, wird in Bildern gewürdigt" (Werbetext bei Amazon).
Mehrwerte dienen hier also als Begründung für die Preis-Reduktion. Man meint, von fern Verlegerzähne knirschen zu hören.
Unter denen wird noch diskutiert, wie verhindert werden soll, dass elektronisches Publizieren den Buchverkauf kannibalisiert - die größte Sorge der Buchbranche. Vorerst setzen Deutschlands Verlage auf Preise für E-Books, die wirken, als sollten sie potentielle Käufer abschrecken. Denn noch haben die Verlage für sich nicht ausgemacht, wie es weitergehen soll mit ihrem Geschäft, sollte das E-Book wirklich zu einem marktrelevanten Faktor werden. "Die müssen sich jetzt ganz neu erfinden", sagt Akif Pirinçci.
Autoren wollen Geld sehen für neue E-Ausgaben
Dass das so ist und irgendwann den Kern des Geschäftes bedrohen mag, bekam der international aufgestellte Verlag Random House im letzten Sommer in den USA zu spüren. Andrew Wylie, einer der einflussreichsten Literaturagenten der Welt, suchte die Konfrontation mit den US-Verlagen, weil die seinen über 700 Autoren nicht genügend Tantiemen für die E-Rechte zahlten, wie er meinte. Er drohte, deren Werke selbst zu verlegen - der Streit endete im August in einer außergerichtlichen Einigung, mit der angeblich alle Parteien zufrieden waren. Auch in Deutschland sehen viele Autoren Spielraum für Verhandlungen, obwohl die Rechtslage hier grundsätzlich eine andere ist.
Im Juli 2007 schuf der Gesetzgeber mit dem Zweiten Gesetz zur Regelung des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft hier Klarheit, wenn man so will. Autoren, die in ihren Verträgen einst "allen Nutzungsarten" zugestimmt hatten und den neuen, zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses " unbekannten Nutzungsarten" nicht bis zum Stichtag 31. Dezember 2008 widersprachen, traten diese Rechte quasi pauschal an ihre Verlage ab. Alle neuen Verträge beinhalten auch die Abtretung künftiger Nutzungsarten, wenn man das nicht verweigert - und welcher junge Autor kann sich das schon herausnehmen. Es ist eine Praxis, die deutlich zugunsten der Verlage geht.
Aber stärkt das deren Position? Mittelfristig dürfte es etablierte Autoren reizen, die E-Vermarktung lieber selbst zu übernehmen. Und kurzfristig mag es zum Hocking-Phänomen führen: Newcomer und Hobby-Schreiber werden ihr Glück mit dem E-Book suchen, statt bei Verlagen Klinken zu putzen. Noch vor Ende des Jahres, glaubt Akif Pirinçci, könnten wir auch in Deutschland einen Twilight-Klon, eine Teenie-Horror-Romanze semiprofessioneller Strickart als Bestseller zu sehen bekommen. Auch Wolfgang Tischer tippt darauf, dass neben Erotik auch hierzulande Horror zum E-Bestseller taugt.
Er hatte da schon Andreas Stetter im Blick. Dessen Selbstverlagshorror schaffte es kurzzeitig in die Top 20 der Kindle-Charts. Trotz guter Leser-Rezensionen wurde aus der in Deutschland angesiedelten Weltuntergangsgeschichte, in der unter anderem Terroristen Zombies als Waffe einsetzen, noch kein Bestseller. Die professionelleren Zombies findet man eben doch noch in regulären Buchverlagen.
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