DigiTask-Software: Zollkriminalamt ermittelte 19-mal per Staatstrojaner

Von und

Zollfahnder haben mit DigiTask-Software Skype-Telefonate abgehört - binnen vier Jahren 19-mal. Das Zollkriminalamt bestreitet, dass die eingesetzte Software die vom CCC entdeckten Probleme aufweist - man verschlüssele Daten und mache nie Screenshots.

Zollkriminalamt in Köln: Bezog diverse Produkte und Dienstleistungen vom Trojaner-Bauer Zur Großansicht
DPA

Zollkriminalamt in Köln: Bezog diverse Produkte und Dienstleistungen vom Trojaner-Bauer

Hamburg - Derselbe Zulieferer, anderer Einsatz: Das Zollkriminalamt bestätigt SPIEGEL ONLINE, dass Fahnder mit Software des Anbieters DigiTask Telekommunikation auf Computern von Zielpersonen überwachen - Skype-Telefonate zum Beispiel. In 19 Fällen haben Ermittler des ZKA oder der Zollfahndung diese Quellen-TKÜ genannte Methode zwischen Anfang 2007 bis März 2011 genutzt.

Das Unternehmen DigiTask hat mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im November 2008 jene Überwachungssoftware an das bayerische Landeskriminalamt geliefert, die der Chaos Computer Club (CCC) analysiert hat. Das Unternehmen DigiTask sagte SPIEGEL ONLINE, man gehe davon aus, dass es sich tatsächlich um die fragliche Software handelt.

Der CCC kritisiert bei der von ihm untersuchten Software diese Probleme:

  • Zur Tarnung schicke der Trojaner die vom überwachten Rechner ausgeleiteten Daten über einen in den USA angemieteten Server - die Steuerung der Computerwanze finde also jenseits des Geltungsbereiches deutschen Rechts statt.
  • Der untersuchte Trojaner könne über das Netz weitere Programme nachladen und ferngesteuert zur Ausführung bringen. Eine Erweiterbarkeit um Funktionen wie das Durchsuchen, Schreiben, Lesen sowie Manipulieren von Dateien sei also von Anfang an vorgesehen.
  • Bei der untersuchten Software sei es möglich, ferngesteuert auf Mikrophon, Kamera und Tastatur des überwachten Computers zuzugreifen.
  • Der untersuchte Trojaner könnte Inhalte des Webbrowsers per Bildschirmfoto ausspionieren - inklusive privater Notizen, E-Mails oder Texten in webbasierten Cloud-Diensten.

Keine Screenshots, kein Nachladen, keine US-Server

Das Zollkriminalamt bestreitet, dass die von Zollfahndern eingesetzten Trojaner diese Funktionen aufgewiesen haben. ZKA-Sprecher Wolfgang Schmitz sagt: "Wir schließen aus, dass das ZKA eine wie vom CCC beschriebene Software installiert hat." Die wesentlichen Unterschiede der vom ZKA eingesetzten Programme gegenüber der vermutlich in Bayern genutzten Software:

  • Bei der Quellen-TKÜ per Computerwanze leiten die vom ZKA eingesetzten Programme die auf dem Zielrechner gewonnenen Daten "verschlüsselt über in Deutschland stehende Server" - so ZKA-Sprecher Schmitz. Die Daten würden erst bei der Ermittlungsbehörde entschlüsselt, die Gesprächsprotokolle würden dann Bestandteil der Ermittlungsakte.
  • Das ZKA überwache mit dem im Einzelfall konfigurierten Trojaner der Firma DigiTask ausschließlich die über den Computer geführte Telekommunikation. ZKA-Sprecher Schmitz: "Eine über diesen rechtlichen Rahmen hinausgehende Online-Durchsuchung eines Computer oder die nachträgliche Erweiterung der Software um andere Funktionen ist ausgeschlossen. Derartige Erweiterungsfunktionen sind in der dem ZKA gelieferten Software nicht vorhanden."
  • Die vom ZKA eingesetzten Programme können laut Schmitz "keine Screenshots fertigen und sind auf die Telekommunikationsüberwachung limitiert."

Für jede Überwachungsmaßnahme ein neues Softwarepaket

Die Aussagen des ZKA stützen die Darstellung der Firma DigiTask. Das Unternehmen hatte SPIEGEL ONLINE über seinen Anwalt ausgeführt, man liefere Behörden nur diejenigen Komponenten mit, die in der jeweiligen Anforderung verlangt werden. Wenn die dem ZKA gelieferten Trojaner sich tatsächlich so fundamental von der in Bayern wohl zumindest in einem Fall genutzten DigiTask-Software unterscheiden, wird dies vermutlich an der damaligen Anforderung des bayerischen LKA liegen.

Das ZKA bestätigt die Darstellung des Unternehmens DigiTask, dass für jede einzelne Überwachungsmaßnahme ein neues Softwarepaket bestellt wird. Das Verfahren beschreibt ZKA-Sprecher Schmitz so: "Bestellung und Konfiguration der Software zur Überwachung von Online-Telefonaten erfolgen in jedem Einzelfall neu und streng nach den Vorgaben der richterlichen Beschlüsse."

So wurde zum Beispiel in Hamburg ein Rechner mit einem Zoll-Staatstrojaner infiltriert: Die Justizbehörde berichtet von einem Fall aus dem Jahr 2010, bei dem das Zollkriminalamt den Rechner eines Verdächtigen mit einem Trojaner ausstattete. Die entsprechende Software hätten die Zollbeamten mitgebracht, sagt der Sprecher der Justizbehörde Sven Billhardt. Der Trojaner sei gemäß des richterlichen Beschlusses vor dem Einsatz mit den genehmigten Funktionen ausgestattet worden.

Allerdings, räumt Billhardt ein, habe die Zielperson das Programm offenbar entdeckt und gelöscht, bevor verwertbare Daten anfielen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Nachvollziehbarkeit
pepe82 12.10.2011
Ich frage mich bei den Aussagen bzgl. der Funktionalität ständig, wie das sichergestellt wurde. Wenn ein Frontend (das Programm, das auf den Trojaner zugreift) diese Funktion nicht anbietet, heißt das ja noch lange nicht, dass der Trojaner nicht dazu in der Lage ist.
2. ujui,jui, hier sind es schon 3 mehr
katerramus 12.10.2011
"Deutscher Zoll setzte in 16 Fällen "Bundestrojaner" ein" - meldet AFP In Brandenburg ist der Zoll auch aktiv, dort ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft - geht doch! http://www.pnn.de/brandenburg-berlin/585376/
3. Ach, der Zoll hat also den Quellcode....
sikasuu 12.10.2011
Zitat von pepe82Ich frage mich bei den Aussagen bzgl. der Funktionalität ständig, wie das sichergestellt wurde. Wenn ein Frontend (das Programm, das auf den Trojaner zugreift) diese Funktion nicht anbietet, heißt das ja noch lange nicht, dass der Trojaner nicht dazu in der Lage ist.
..... des eingesetzten Programms in jedem Fall gesehen, analysiert und dann erst benutzt? . Die haben die Fachleute dazu? Komisch, dann hätten die das ja auch wahl selbst schreiben können:-)) Oder hat der Zoll nach Anfrage ein Standardprodukt von Digikamm bekommen, das in der GUI bloss die gewüschten Funktionen anzeigte. Der Zoll solte doch einmal erklären ob er den Quellcode oder nur Binarys gesehen hat. Der Zoll wird doch bestimmt die eingesetzten Programme zur Beweissicherung aufgehoben haben. Eine UNABHÄNGIGE Analyse dieser Programme steht dann ja nicht mehr im Wege. . Aber bitte nicht wie in Bayern durch den eigenen Datenschutzbeauftragten, sondern von mehreren unabhängigen Fachleuten. . Gegen Honorar wird der CCC vielleicht auch in dem Pool mispielen :-))
4. Der Zoll?
darkwingduck, 12.10.2011
Zitat von sysopZollfahnder haben mit DigiTask-Software Skype-Telefonate abhört - binnen vier Jahren 19-mal. Das Zollkriminalamt bestreitet, dass die eingesetzte Software die vom CCC entdeckten Probleme aufweist - man verschlüssele Daten und mache nie Screenshots. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,791434,00.html
Ich frage mich wieso der Zoll eine solch hochbrisante Software einsetzt. Wir denn nicht immer betont, das diese Software nur bei "staatsgefährdenden Straftaten" eingesetzt werden darf? Würde mich nicht wundern, wenn bald herauskommt, dass man den Trojaner auch nutzt um "Raubkopierer" zu entlarven.
5. .
Walter Sobchak 12.10.2011
Gut, die Herren koennen "ihre" eingestzten Trojaner ja mal dem CCC gegen, der stellt dann schnell Klarheit her.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Netzpolitik
RSS
alles zum Thema Staatstrojaner
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 19 Kommentare
Schad- und Spähsoftware
Klicken Sie auf die Stichworte, um mehr zu erfahren
Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.