Verschwörerische Weltsichten Trump wird nie verlieren

Hans-Georg Maaßen erkennt "Linksradikalismus" in der SPD, vielen Amerikanern erscheint ausgerechnet Demokratieverächter Trump als einzig vernünftige Wahl: Verschwörungsideologien machen es möglich.

Donald Trump
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Es gibt eine dunkle Gemeinsamkeit der beiden großen Themen der vergangenen Tage, zwischen der Midterm-Wahl in den USA und der Entlassung von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen: In beiden Fällen sind Verschwörungstheorien zentral. Und es geht nicht nur um einzelne Mutmaßungen, stattdessen muss man von Verschwörungsideologien sprechen: den Gedankengebäuden einer konspirativ geprägten Weltsicht.

Der Begriff Verschwörungstheorie erscheint sogar als Verharmlosung, das Prinzip dahinter ist größer und gefährlicher. Eine Verschwörungstheorie soll eine Verschwörung erklären. Eine Verschwörungsideologie aber ist eine eigene Weltsicht, bei der alle Informationen auf passende Weise einsortiert werden. Im Extremfall wird der Geist gegen alle störenden Fakten geradezu immunisiert.

Bekannt geworden ist eine Umfrage der "Washington Post" von 2017. Trump-Wählern wurden zwei Fotos von Amtseinführungen vorgelegt, das von Trump mit den charakteristischen weißen Zelten und Planen. Und das von Obama vier Jahre zuvor, auf dem eindeutig und auf den ersten Blick mehr Menschen zu sehen waren:

REUTERS

40 Prozent der Trump-Wähler sagten erwartungsgemäß, das Foto mit der größeren Menschenmenge gehöre zu Trump. Der hatte ja getwittert, die größte Menge angezogen zu haben. Diese Menschen dürften eine gewisse Anfälligkeit für Verschwörungstheorien aufweisen, schließlich muss man dafür die Berichterstattung der redaktionellen Medien für flächendeckend irreführend halten.

Trumps Twitteraccount mehr trauen als den eigenen Augen

15 Prozent der Trump-Wähler aber gaben eine zutiefst verstörende Antwort. Sie erklärten, das Foto mit den weißen Planen gehöre zu Trump - aber darauf seien mehr Menschen zu sehen als auf dem anderen Foto. Bumm.

Diese Gruppe dürfte bereits tief in die Verschwörungsideologie abgesunken sein, denn sie traute offenbar den Behauptungen auf Trumps Twitteraccount mehr als den eigenen Augen.

Die Vermutung, dass diese Leute einfach sturzbekloppt seien, ist auf gefährliche Weise falsch, und das beweist ausgerechnet Hans-Georg Maaßen. Dem kann man viel nachsagen, aber mangelnde Intelligenz gehört definitiv nicht dazu, im Gegenteil. Maaßen hat mit seiner bestürzenden Rede vor europäischen Geheimdienstchefs gezeigt, dass er nicht bloß Verschwörungstheoretiker ist - sondern Verschwörungsideologe.

Hans-Georg Maaßen
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Hans-Georg Maaßen

Anders lässt sich "Linksradikalismus" in der SPD - der Partei gewordenen Pendlerpauschale - schlicht nicht erkennen. Das ist keine Verschwörungstheorie mehr über Juso-Kevin, der den sozialistischen Umsturz plant zur Errichtung eines protomarxistischen Kühnertismus. Nein, das ist Ideologie.

Maaßens "persönliche Dolchstoßlegende"

Damit zeigt Maaßen nicht nur, wie abstrus weit rechts er steht. Er führt auch die politische Funktion der Verschwörungsideologie mustergültig vor: die Konstruktion eines Sündenbocks, dem jede Schuld auch an eigenen Fehlleistungen zugeschoben werden kann und der ansonsten Undenkbares rechtfertigt. Maaßen strickt seine "persönliche Dolchstoßlegende".

Das ist umso dramatischer, weil Maaßen in seiner Funktion tatsächlich über Geheimwissen verfügte, sodass seine Anhänger stets einen hervorragenden Grund haben, sein Wort für bare Münze zu nehmen. Wenn Maaßen Linksradikale in der SPD behauptet, muss man prüfen, ob er die Partei nicht hat beobachten lassen, in seiner Verschwörungsideologie wäre das folgerichtig.

Wenn jemand mit so einem Weltbild an der Spitze eines ohnehin verschwörungsgefährdeten Geheimdienstes stand, muss der komplette Dienst durchleuchtet und viel strenger demokratisch kontrolliert werden. Die verschwörerische Weltsicht ist die Parallele zwischen Maaßen und der amerikanischen Rechten.

Denn es geht bei einer Verschwörungsideologie nicht darum, was genau man glaubt - sondern um die Rechtfertigung der eigenen Reaktion darauf. Verschwörungsideologien wollen keine Erklärungen für die Geschehnisse und Verwerfungen in dieser Welt, das ist nur austauschbares Mittel zum Zweck. Verschwörungsideologien bestimmen das Handeln ihrer Anhänger, um vermeintliche Gegenmaßnahmen zu legitimieren, die Basis jeder Opfererzählung.

Das macht sie so gefährlich - denn in jeder Verschwörungsideologie ist automatisch ein Appell zur Aktivierung und Mobilisierung verborgen: Verbreite mich weiter, werde aktiv, vernetze dich, organisiere dich, wehre dich! Es ist kein Zufall, dass Maaßen in die Politik gehen möchte, es ist im Gegenteil die Erfüllung seiner Weltsicht.

Keine übermäßig erfolgreichen Linksverschwörungen

Natürlich sind nicht alle Verschwörungsideologien rechts. Karl Popper prägte den Begriff Verschwörungstheorie 1948 und sah zum Beispiel im "Vulgärmarxismus" verschwörungstheoretische Elemente. Und auch jenseits von westlichen Rechts-links-Koordinaten existiert etwa in der islamischen Welt ein enormer Verschwörungsglaube.

Aber, sagen wir mal so: Die westlich geprägte Hemisphäre von den USA über Brasilien bis Italien, Österreich, Ungarn, Polen leidet derzeit nicht unbedingt an übermäßig erfolgreichen Linksverschwörungen.

Bei den Midterm-Wahlen in den USA war das von Beginn an errichtete, verschwörungsideologische Gebäude von Donald Trump wahlentscheidend, auch ohne dass Trump konkret werden musste. Seine Anhänger setzten jede Information passend in das präsentierte Weltbild ein. Hinter der "Karawane" der Latino-Migranten stehen demokratische Finanziers zur Abschaffung der USA, hinter den Paketbomben die Demokraten selbst, um Mitleidswähler anzulocken.

Schon Anfang 2016 erklärte Trump, er könne auf der Fifth Avenue in New York jemanden erschießen und würde keine Wählerstimmen verlieren. Die überaus erfolgreiche Verschwörungsideologie von Trump bewirkt, dass er damit wahrscheinlich sogar Recht hat. Deshalb ist die Verschwörungsideologie das Gegenteil von Rechtsstaat, das Gegenteil von Demokratie, das Gegenteil jeder aufklärungsbasierten Gesellschaftsordnung.

Verschwörungsideologien führen zur Autokratie, sie öffnen die Gemüter für Erlöser- und Heldenerzählungen, in denen allein ein starker Mann über die verschworene Feindesmacht von innen, außen, oben und unten siegen kann.

Gegen die Entlarvung immunisiert

Die Wirkung einer Verschwörungsideologie lässt sich oft im direkten Dialog erkennen. Weist man verschwörungsideologisch Verblendeten nach, Fake News verbreitet zu haben - dann antworten sie: Das ist vielleicht falsch, aber es könnte wahr sein. Das ist der wichtigste Satz der Verschwörungsideologie, er kennzeichnet die Immunisierung gegen die Entlarvung, einen Gegenbeweis oder ein Gegenargument. Damit entsteht ein hermetisches Weltbild, das noch selbstverstärkend wirken kann, weil es Medienkonsum und Wahrnehmung der Welt bestimmt.

Ein großer Teil der Anhänger der Republikaner lebt in einer anderen Medienrealität als die Demokraten. Für sich genommen ist das weder verwunderlich noch gefährlich, politische Interpretation von Nachrichten gehört zum Wesen des Journalismus. Aber die Medienrealität der republikanischen Wähler hat sich fast vollständig von den tatsächlichen Geschehnissen abgelöst. Die entscheidende Rolle dabei spielten zuallererst Fox News und dann, als Verstärkung, soziale Medien.

Ohne Facebook hätte Trump vielleicht gewonnen, ohne Fox News auf keinen Fall. So lässt sich auch erklären, dass die Republikaner ihre Senatsmehrheit bei den Midterms behaupten konnten.

Der ehemalige australische Premier Kevin Rudd hat den Fox-News-Besitzer Rupert Murdoch als "das größte Krebsgeschwür der australischen Demokratie" bezeichnet. Murdochs Wirken in den USA erreicht mit Fox News meiner Einschätzung nach eine ähnlich antidemokratische, destruktive Macht. Es geht um die Präsentation einer konstruierten Realität für die Zuschauer, in der Trump trotz Lügen, Bösartigkeiten und Demokratieverachtung als einzig vernünftige Wahl dasteht.

Wir sehen die perfekte, politische Instrumentalisierung der Trump'schen Verschwörungsideologie. Trump hat nicht verloren, er wird nie verlieren, er kann gar nicht verlieren. Er wird höchstens Opfer einer Verschwörung.

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Seite 1
isi-dor 07.11.2018
1.
Vielen Dank, Herr Lobo, für die klare Weltsicht. Leider sind die kritisch-rational denkenden Menschen zumindest in den USA in der Minderheit. Ich fürchte, da kann man nicht allzu viel machen. Ich habe mich damit abgefunden, dass die USA unseren demokratischen Standards nicht enspricht. Aber offenbar wollen die Menschen es dort genau so. Dann bleibt ihnen eben nichts anderes übrig, als die Kriege auch zu führen, die sie führen wollen.
muellerthomas 07.11.2018
2.
"Weist man verschwörungsideologisch Verblendeten nach, Fake News verbreitet zu haben - dann antworten sie: Das ist vielleicht falsch, aber es könnte wahr sein. Das ist der wichtigste Satz der Verschwörungsideologie," Also ich glaube eher, die Leute, die das sagen, sind noch am empfänglichsten für die Realität. So haben bswp. CSU-Leute geantwortet, als ihnen gesagt wurde, dass Zitate, die Grünen-Politikern in den Mund gelegt werden, frei erfunden sind. Die komplett verblendeten reagieren noch anders. Weist man so einem eine (objektive) Lüge nach, wird geantwortet, man selbst sei der Lügner. Also jeder, die die Weltsicht auch nur leicht in Frage stellt, ist ein Lügner, egal wie klar die Fakten sind.
Leser161 07.11.2018
3. Supererschreckend
Acuh wenn ich den Trumpo nicht so schlimm finde wie er wohl allgemein gefunden wird. Das es Menschen gibt (egal welcher politischer Glaubensrichtung) die den Äusserungen ihres Kandidaten mehr glauben als ihren eigenen Augen, finde ich supererschreckend.
SummseMann 07.11.2018
4. Zu einfach
Ich denke das sich Sascha das hier zu einfach macht. Es geht nicht nur un Verschwörungstheorien, es geht hauptsächlich um verlorene Macht und Einfluss in der Welt. Begonnen hat es im Prizip mit China, die als ehemalige Weltmacht zwischenzeitlich zum Produktionsmolch für Billigwaren der Welt geworden waren. Mit viel Geduld, Geld und Beharlichkeit haben sie sich wieder zur Weltmacht erhoben. Sie wissen dass sie technicsch in vielen Bereichen führend sind und bedingt durch ihre Regierungsform eine Vorteil bei der Umsetzung großer Projekte haben. Und militärisch kann ihnen niemand Angst machen. Sie nehme sich was sie wollen und denken es gehört ihnen. Und was Chinesen von Schwarzafrikanern halten, nun ja das darf ich hier nicht schreiben. Dann hat Russland erkannt dass seine Macht verschwunden war und Putin hat seine Chance erkannt und genutzt. Russland ist sehr national, militaristisch und intolernt geworden. Aber es hat definitiv seine Weltmachtstellung wieder. Es werden offen Kriege geführt, wie in Zeiten des Kalten Krieges. Und das Volk ist stolz darauf! Das gleich passiert jetzt in den USA. Trump kupfert ja nur von Putn ab, er ist nur dümmer als dieser. Aber im Grunde geht es auch nur darum wieder an Macht in der Welt zu gewinnen. Chinesen, Russen und Amerikaner wollen einfach wieder das Gefühl haben wer zu sein.
pumba 07.11.2018
5. Vielen Dank
Vielen herzlichen dank für diesen Artikel. Er beschreibt recht genau das, was ich auch denke und befürchte. Die Fragen, die mich nun schon seit längerem verfolgen, sind folgende: 1. Woher kommt das? wie ist es möglich, dass auch intelligente und gebildete Menschen anfangen, die Welt außerhalb ihrer Weltanschauung zu ignorieren. Was hat in unserer aufgeklärten westlichen Welt dazu beigetragen, anfällig für so einen Schmarren zu sein? 2. Wann hat das angefangen Es ist nicht nur so, dass das erst seit Trump und co. So offensichtlich ist. Es muss schon viel früher angefangen haben. Eventuell haben die sozialen Medien hier beeinflussen können, da man heute prinzipiell erst mal alles behaupten und veröffentlichen kann. Das war vor Facebook und co. Nicht so einfach möglich. Um viele Menschen zu erreichen, musste man zum Beispiel erst einen Verleger finden. 3. Was kann man dagegen tun? Ich gebe hier absolut recht, man darf diese Leute nicht einfach als Spinner abtun. Dafür ist es viel zu gefährlich. Aber was kann man wirklich tun? Immer wieder dagegen halten? Aufklären? Aber hilft das wirklich, wenn sich der gegenüber nicht aufklären lassen will? - es ist natürlich besser als nichts zu tun. Aber hilft es wirklich? Was kann der Staat, die Parteien dagegen tun? Können sie überhaupt etwas dagegen tun? Ich bin offen für Ideen.
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