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Drahtlos ins Internet: Was das W-Lan-Urteil für Sie bedeutet

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Wer über W-Lan ins Internet geht, sollte aufpassen: Das Drahtlosnetz muss mit einem Passwort geschützt werden, hat der Bundesgerichtshof entschieden - sonst droht womöglich teure Post vom Anwalt. Das Urteil hat Folgen für Privatanwender. SPIEGEL ONLINE beantwortet zentrale Fragen.

Bundesgerichtshof: Halter-Haftung für Betreiber offener W-Lan-Netze Zur Großansicht
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Bundesgerichtshof: Halter-Haftung für Betreiber offener W-Lan-Netze

Karlsruhe - Der Bundesgerichtshof hat entschieden: Wer ein W-Lan-Netz hat, muss dieses mit einem Passwort absichern. Ansonsten droht eine kostenpflichtige Unterlassungserklärung, sobald über den offenen Anschluss Urheberrechtsverletzungen begangen werden - also dort zum Beispiel illegal Musik zum Download angeboten wird.

Immerhin: Wer einfach nur sorglos mit seinem W-Lan umgeht, selbst aber keine Urheberrechte verletzt, muss nur für diese Unterlassungserklärung zahlen - aber keinen Schadensersatz. Auch das hat der BGH entschieden.

Das Urteil betrifft viele Computeranwender in Deutschland. Dem Branchenverband Bitkom zufolge werden inzwischen mehr als die Hälfte der rund 25 Millionen deutschen Breitband-Internetzugänge über W-Lan-Netze betrieben. Wie viele davon offen sind, ist nicht klar - aber die Entscheidung des BGH enthält einige Details, die für alle W-Lan-Nutzer wichtig zu wissen sind.

Bisher hat der BGH nur eine Pressemitteilung zum Thema herausgegeben, die Urteilsbegründung folgt in einigen Wochen - abschließend lässt sich die Sache erst dann bewerten. Einige Schlüsse sind aber schon jetzt möglich:

Was bedeutet das Urteil konkret?

Wer einen W-Lan-Router hat, muss ihn dem BGH zufolge absichern. Allerdings muss er dabei nur Vorkehrungen treffen, die zum "Zeitpunkt der Installation des Routers für den privaten Bereich" marktüblich sind. Dem Nutzer sei es nicht zuzumuten, die "Netzwerksicherheit fortlaufend dem neuesten Stand der Technik anzupassen und dafür entsprechende finanzielle Mittel aufzuwenden".

Mit anderen Worten: Wer einen alten Router mit alten Verschlüsselungsmechanismen besitzt (siehe Kasten links), muss sich keinen neuen zulegen - nur um Missbrauch durch Dritte auszuschließen. Wer aber einen neuen Router kauft, muss die installierten Sicherungsmechanismen aktivieren und personalisieren.

Was muss ein W-Lan-Nutzer also tun?

Er muss das ab Werk eingestellte Passwort des Routers ändern und durch ein "persönliches, ausreichend langes und sicheres Passwort" ersetzen. Das sieht der BGH als ausreichende und zumutbare Sicherung an.

Tobias Sommer, Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz, der das Urteil für "Legal Tribune Online" kommentiert hat, interpretiert die Entscheidung so: Wenn für einen Zugriff auf das W-Lan-Netz "nur noch ein Hackerangriff übrigbleibt, ist der Benutzer aus dem Schneider". Eine Musikfirma, deren Urheberrechte über das drahtlose Netz verletzt wurden, könnte dann nicht mal auf eine kostenpflichtige Unterlassungserklärung des W-Lan-Besitzers hoffen. Geschweige denn auf Schadensersatz.

Das Urteil "bringt Planungssicherheit für die Installation eines W-Lans", sagt Sommer. Welcher Verschlüsselungsmechanismus zu welchem Zeitpunkt als "marktübliche Sicherung" zu betrachten ist, bleibt allerdings im Unklaren.

Ist das Urteil ein Freibrief für Tauschbörsen-Nutzer?

Nein. Werden einem Internetnutzer Urheberrechtsverstöße nachgewiesen, hat die jetzige Entscheidung keinerlei Bedeutung. Denn in dem BGH-Urteil geht es ja "nicht um die Täter", also die Tauschbörsen-Nutzer, sagt Anwalt Sommer - "sondern um die Anschlussinhaber".

Allerdings könnte das Urteil "das ausgeklügelte System der Abmahnanwälte gefährden", die davon leben, massenhaft Abmahnungen wegen Urheberrechtsverletzungen zu verschicken. Zum einen habe der BGH Schadensersatzansprüchen "zumindest in dieser Konstellation" eine Absage erteilt, also wenn ein W-Lan-Besitzer sein Netz ausreichend sichert. Zum anderen sei es in dem aktuellen Fall vor dem BGH um ein einziges zum Herunterladen angebotenes Lied gegangen und der Streitwert "sehr niedrig angesetzt" worden. Sollte dies Schule machen, "könnte sich das auf das Drohpotential solcher Abmahnungen auswirken", sagt Sommer.

Bisher nämlich werde mit einem sehr hohem Streitwert argumentiert - weshalb sich ertappte Datentauscher lieber schnell auf einen Vergleich einlassen, um hohen Schadensersatzforderungen zu entgehen.

Ist ein ungesichertes W-Lan eine sichere Sache für Tauschbörsen-Nutzer?

Nutzer von Tauschbörsen könnten nun auf die Idee kommen, gezielt ein schlecht gesichertes W-Lan-Netz einzurichten und dann zu behaupten, irgendjemand anderes müsse darüber illegal Daten ausgetauscht haben - um sich so vor allzu scharfer Verfolgung zu schützen. Der W-Lan-Besitzer müsste dann nur die Abmahngebühr bezahlen, könnte man meinen. Zumal der BGH in der Pressemitteilung auf die aktuelle Rechtslage hinweist, der zufolge die Abmahnkosten in einem solchen Fall auf 100 Euro begrenzt sind.

Sich so zu verhalten, wäre jedoch aus diversen Gründen unklug:

  • Es wäre ein bewusster, absichtlicher Rechtsverstoß - gepaart mit dem Versuch, Strafverfolgungsbehörden vorsätzlich zu täuschen.
  • Man könnte Spuren der illegal angebotenen Dateien womöglich auf dem Rechner des Anschlussinhabers nachweisen. Er wäre damit als Täter identifiziert. Und dann eben auch schadensersatzpflichtig.
  • Dass es bei den 100 Euro bleiben würde, ist keinesfalls ausgemacht. Die BGH-Entscheidung betrifft einen Fall mit einem einzigen Musikstück. Sollte das Volumen der verschobenen Daten wesentlich größer sein, sind womöglich die Bedingungen von Paragraph 97a(2) des Urheberrechts verletzt. Ihm zufolge gilt die 100-Euro-Begrenzung nur "in einfach gelagerten Fällen mit einer nur unerheblichen Rechtsverletzung außerhalb des geschäftlichen Verkehrs". Ob davon zum Beispiel beim Transfer Hunderter Musikalben über einen ungeschützten Anschluss noch auszugehen ist, ist Auslegungssache.
  • Nicht zuletzt: Ein ungeschütztes W-Lan zu betreiben, an dem der eigene Rechner hängt, ist ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko.

Betrifft das Urteil auch Cafés und Kneipen mit offenem W-Lan-Zugang?

Eine Rechtsprechung dazu gibt es noch nicht. Die Bundesrichter wiesen allerdings darauf hin, dass allgemein die Sicherungspflicht für gewerblich Tätige höher ist als für Privatpersonen. Für Cafés, Burger-Brater und Kaffee-Ketten, die ihren Kunden offenes drahtloses Internet anbieten, könnte das Urteil also Folgen haben.

Welche genau, wird man frühestens der schriftlichen Urteilsbegründung entnehmen können - in einigen Wochen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 97 Beiträge
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1. Wer in D ist noch nicht durch den Staat kriminalisiert?
timewalk 12.05.2010
Zitat von sysopWer über W-Lan ins Internet geht, sollte aufpassen: Das Drahtlos-Netz muss mit einem Passwort geschützt werden, hat der Bundesgerichtshof entschieden - sonst haftet man für illegale Aktionen über den Zugang. Die Entscheidung hat Folgen für Privatanwender. SPIEGEL ONLINE beantwortet zentrale Fragen. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,694527,00.html
Millionen von Deutschen sind über nacht quasi straffällig geworden und gelten als schwerst Kriminell. Wie fühlt man sich so als Kriminalisierter Internet W-Lan Betreiber? Bloß nichts kostenlos anbieten, am Ende nutzen das noch Menschen und scheun dann nicht mehr in die Röhre. Wie wärs wenn wir als nächstes alle Bürger mit Internetanschluß die gleichen Prozeduren aufzwingen, wie auch den Hartz 4 Empfängern? Oder doch am besten die Contentindustrie das Gesetz gleich Selbst diktieren lassen? Achso das ist grade geschehen ...
2. Wie Bitte?
realredfox, 12.05.2010
---Zitat--- Die Entscheidung hat Folgen für Privatanwender. ---Zitatende--- Es müsste heißen: Die Entscheidung hat Folgen für Privatanwender die zu blöd sind ihr W-Lan zu sichern, obwohl überall und permanent berichtet wird wie nachlässig das ist und was das für Folgen haben kann, es nicht zu tun. Früher wurden solche Leute eben von Säbelzahntigern gefressen, heute bekommen sie eine Abmahnung, weil sie ihr W-Lan nicht absichern.
3. moment
hansmaus 12.05.2010
habe ich das jetzt richtig verstanden das wir in Zukunft Heerscharen von Jurastudenten die sich was dazu verdienen wollen durch die Straßen fahren und für eine dubiose Anwaltskanzlei offene WLans suchen?
4. Passwort ungleich "sicher"
arnowagner 12.05.2010
Das kann auch beabsichtigt sein. Wenn ich z.B. "passwort" oder "default" als Passwort einsetze oder mein Access-Point "use_xyz_as_pwd" heisst. Auch die ganz alten Verschluesselungsmethoden sollte Zugang ermoeglichen. Frage: Wenn ich sowas mache, bin ich dann wieder ein boesser Internet Terrorist, oder ist das rechtlich besser? Dass diese Gesetzgebung nichts mit den Gegegenheiten der echten Welt zu tun hat, ist ja sowiso recht offensichtlich. Wenn ich da an die Sache mit dem Umgehungsverbot fuer Kopierschutz denke, muesten eigentlich meine Beispiele oben als "wirksamer Schutz" gelten....
5. verschlüsseln oder nicht ? :)
dafire 12.05.2010
Wenn ich das so lese dann bin ich mir gar nicht so sicher ob ich verschlüsseln möchte ;) Angenommen mir wird eine Urheberrechtsverletzung vorgeworfen... ist das WLAN verschlüsselt bin ich der böse und muss schadensersatz leisten. ist das WLAN nicht verschlüsselt kanns jeder gewesen sein und ich muss höchstens abmahnkosten bis 100 Euro zahlen ,) oder überseh ich da was ? :)
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W-Lan-Verschlüsselung
Warum verschlüsseln?
Da die Reichweite eines W-Lan-Netzes meist über den Bereich der eigenen Wohnung hinausgeht, ist eine Sicherung des drahtlosen Internetzugangs (Wireless Local Area Network, WLAN) unerlässlich. In einem Grundsatzurteil vom 12. Mai 2010 entschied der Bundesgerichtshof, dass Internetnutzer ihren W-Lan-Anschluss mit einem eigenen Passwort sichern müssen. Denn über ein ungesichertes Netzwerk können zum einen Unbefugte an die Daten und Dateien auf dem Computer des W-Lan-Besitzers gelangen - oder aber den drahtlosen Internetzugang nutzen, um damit Illegales zu tun, etwa urheberrechtsgeschützte Musik oder Filme herunterladen.
Veraltete WEP-Verschlüsselung
WEP steht für Wired Equivalent Privacy, wird manchmal fälschlicherweise auch mit Wireless Encryption Protocol übersetzt. Der Verschlüsselungsstandard stammt aus dem Jahr 1997 und gilt als hoffnungslos veraltet. Schon seit dem Jahr 2001 ist bekannt, wie sich WEP-Verschlüsselungen überwinden lassen, heute gibt es spezielle Software, mit der sich WEP-gesicherte Netze in Minuten knacken lassen.
WPA1 und WPA2
WPA steht für Wi-fi Protected Access. Der Verschlüsselungsstandard wurde eingeführt, um die wertlos gewordene WEP-Verschlüsselung abzulösen. Seit 2006 müssen neue Geräte mit Wi-fi-Zertifikat den Standard WPA2 beherrschen, weil auch WPA1 nicht mehr als sicher gilt. Heimanwender verwenden in der Regel den sogenannten Pre-Shared-Key-Modus (PSK). Dabei kommt ein 256 Bit langer Schlüssel zum Einsatz, der entweder in Form von 64 hexadezimalen Stellen oder in Form eines Passwortes mit einer Länge von 8 bis 63 ASCII-Zeichen eingegeben wird. Letzere Variante birgt eine Gefahr: Wird ein schwaches Passwort verwendet, kann auch eine WPA2-Verschlüsselung durch einfaches Ausprobieren geknackt werden. Ein gutes Passwort enthält möglichst viele unterschiedliche Zeichenarten, also Groß- und Kleinbuchstaben, Sonderzeichen und Ziffern. Regelmäßiges Wechseln der Passwörter erhöht die Sicherheit zusätzlich.
Weitere Schutzmaßnahmen
Zu empfehlen ist nebem dem Einsatz einer aktuellen Verschlüsselungs-Software auch, die Netzwerk-Identifikation des eigenen Routers zu ändern. Die sogenannte SSID ist bei vielen Router-Herstellern ein Standard-Begriff, es empfiehlt sich, Netzwerknamen (SSID) und das vorgegebene Verschlüsselungs-Passwort beim Einrichten zu ändern. Eine weitere Sicherungsmöglichkeit ist, dem Router genau anzugeben, welche Geräte über ihn online gehen dürfen. Dazu müssen die sogenannten MAC-Adressen aller Geräte im Haushalt im Router-Menü eingegeben und die entsprechende Beschränkung eingestellt werden.


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