Drogenbeauftragte: Forscher erklären Hunderttausende für onlinesüchtig

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560.000 Deutsche sollen abhängig vom Internet sein, sagt eine Studie im Auftrag der Drogenbeauftragten der Bundesregierung. Doch über das, was Internetsucht eigentlich ist und wie man sie bestimmen kann, streiten Experten.

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DPA

Onlinesucht: Was ist das eigentlich?

Was ist eigentlich Onlinesucht? Medizinern streiten seit Jahren über die Frage, ob diese Erkrankung existiert. Nun hat eine Forschergruppe bei einer Studie, die vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegeben wurde, eine pragmatische Definition der Onlinesucht gewählt: Wer bei der Telefonbefragung 28 von 56 möglichen Punkten erzielte, gilt als onlinesüchtig - und das sind laut den Forschern 1,5 Prozent der Deutschen zwischen 14 und 64 Jahren.

Das Forscherteam wertete eine repräsentative Telefonumfrage von 15.024 Personen dieses Alters aus. Den anonym Befragten wurden 14 Fragen wie diese gestellt: "Wie häufig denken Sie an das Internet, auch wenn Sie gerade nicht online sind?" Oder: "Wie häufig setzen Sie Ihren Internetgebrauch fort, obwohl Sie eigentlich aufhören wollten?" Die Befragten konnten darauf mit "nie, selten, manchmal, häufig, sehr häufig" antworten. Ein "nie" als Antwort wird mit 0 Punkten, "sehr häufig" mit vier Punkten bewertet.

Für ihre Untersuchung nutzten die Forscher Daten, die bereits im Rahmen der Studie "Pathologisches Glücksspielen und Epidemiologie (Page)" erhoben und im Februar veröffentlicht wurden. Schon damals wiesen die Autoren darauf hin, dass ihre Datenbasis eine "hervorragende Grundlage für eine Fülle von weiteren und vertiefenden Analysen" biete. Im Rahmen der Page-Studie wurde Internetabhängigkeit als Begleiterscheinung von Glücksspielsucht erfasst.

Der Definition der Forscher zufolge gelten 2,4 Prozent der 14- bis 24-Jährigen als internetsüchtig, in der Altergruppe zwischen 14 und 16 Jahren sind es vier Prozent, folgt man den Kriterien der Forscher. All diese Zahlen sagen aber wenig darüber aus, was Onlinesucht nun tatsächlich ist - abgesehen davon, dass die Befragten bestimmte Antworten auf Fragen gegeben haben.

Onlinesucht ist noch nicht erforscht

Mediziner definieren Sucht anhand von Standard-Diagnosehandbüchern für psychische Störungen. In den derzeit aktuellen Werken ICD-10 und DSM-IV fehlt die Onlinesucht, es gibt keine allgemein gültigen Kriterien. Die American Psychiatric Association (APA) erarbeitet derzeit die nächste Ausgabe des DSM, sie soll 2013 erscheinen. Die APA hat 2010 entschieden, Onlinesucht nicht als eigene Kategorie aufzunehmen, sondern sie lediglich im Anhang aufzuführen. Begründung: Es gibt nicht genügend Forschungsergebnisse, man wolle mit der Aufnahme in den Anhang weitere Untersuchungen anregen.

Unter Medizinern ist umstritten, ob man bestimmte Verhaltensweisen ohne Bezug zu einer Substanz überhaupt als Sucht definieren solle. Den Stand der Debatte fasst der Mediziner Ronald Pies im US-Fachmagazin "Psychiatry" so zusammen:

"Einige Psychiater argumentieren, dass Internetsucht einige Kennzeichen aufweist, die substanzbezogene Süchte charakterisieren - wie Entzugserscheinungen und Toleranzentwicklung - doch es gibt wenige Daten, die solche Aussagen stützten. Es ist nicht klar, ob Onlinesucht Ausdruck einer Grunderkrankung oder eine eigenständige Erkrankung ist."

Der Direktor des Hamburger Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) Jens Reimer verteidigt die Ergebnisse der deutschen Studie zur Internetsucht gegen solche Einwände. Er bewertet das methodische Design der Studie als "sehr gut". Die großen Sucht-Surveys in Deutschland würden ebenfalls über Telefonbefragungen durchgeführt. Und die Fragen würden sich in diesem Fall an wichtigen Kriterien für Sucht orientieren: "Zwang, Kontrollverlust, Vernachlässigung sozialer Kontakte". Reimer urteilt: "Diese Ergebnisse auf Basis dieses Fragenkatalogs sind meiner Ansicht nach valide."

Reimer räumt ein, dass eine Verhaltenssucht nicht in allen Charakteristika mit substanzbezogenen Süchten wie denen nach Alkohol oder Nikotin vergleichbar sei: Nach klassischen körperlichen Entzugserscheinungen wie nach Absetzen des Alkohols bei einem Alkoholabhängigen werde man vergeblich suchen. Aber, so Reimer: "Das allein spricht nicht dagegen, von Onlinesucht zu sprechen."

Zwang, Kontrollverlust, Vernachlässigung sozialer Kontakte

Bewertet man allerdings Medienkonsum oder andere Verhaltensweisen nach diesen Kriterien, könnte man vielleicht auch eine Fernsehsucht feststellen. Schließlich sitzen viele Zuschauer oft länger als beabsichtigt vor dem Bildschirm, verzichten auf Schlaf oder gar darauf, auszugehen. Niemand weiß, zu welchen Ergebnissen die Studie gekommen wäre, hätte man die Befragten Angaben zum Fernsehkonsum machen lassen. Warum gibt es solche Studien nicht?

Suchtforscher Reimer antwortet: "Fernsehkonsum wurde nie als Sucht betrachtet, ich vermute, weil die Aufgabe von sozialen Kontakten zugunsten des Fernsehkonsums als nicht so pathologisch eingeschätzt wurde." Reimer sieht diese Fragestellung beim Internet jedoch als legitim: "Neu am Medium Internet ist die Interaktivität und die Möglichkeit, soziale Kontakte zu pflegen." Diese Möglichkeiten steigern Reimers Ansicht nach die Bereitschaft, bei bestimmten Personen, "das Sozialleben in größerem Ausmaß aufzugeben als zum Beispiel beim Fernsehen."

Einige entscheidende Fragen beantwortet die neue Studie nicht: Ist für jeden Nutzer ein bestimmtes Maß der Online-Nutzung als Sucht zu definieren? Ist es gleich zu bewerten, wenn ein Mensch regelmäßig länger als ursprünglich gewollt Nachrichten liest, Shoppingseiten durchforstet, spielt, mit seinen Freunden chattet, Online-Pornos konsumiert? Und: Ist Onlinesucht eine Begleiterkrankung? Nutzen die Betroffenen das Internet auf eine bestimmte Art, weil sie an einer anderen Grunderkrankung leiden? Surft jemand exzessiv, weil er depressiv ist?

Suchtforscher Reimer urteilt: "Wie und unter welchen Umständen die Onlinesucht eine Begleiterkrankung ist, kann die jetzt vorgelegte Studie nicht beantworten - das wurde nicht abgefragt. Da sind weitere, klinische Studien notwendig."

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insgesamt 176 Beiträge
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    Seite 1    
1. die Regierung also
jensi31 26.09.2011
Unsere Regierung hat bis vor ein paar Jahren nicht mal registriert das es sowas wie das Internet gibt und genauso viel genutzt. Deshalb auf den vielen Millionen Usern rumzuhacken, finde ich schon etwas komisch. Und in den Medien wird das ganze dann auch noch breitgetreten, nach dem Motto "das böse Internet versaut uns unsere Jugend". Das ich nicht lache. Man muss halt einfach die Kontrolle bewahren und es gibt wahrlich schlimmeres. Jetzt fehlt nur noch ein Gesetz, das dir vorschreibt, wie lange man und wo man surfen darf. Ich denke mal das Internet ist ein Riesen-Chance für Informationen aller Art. Wie die jeder nutzt mus man selber entscheiden. Das musste ich mal loswerden... :-)
2. Insgeheime Wertungen
tetaro 26.09.2011
"Diese Möglichkeiten steigern Reimers Ansicht nach die Bereitschaft, bei bestimmten Personen, "das Sozialleben in größerem Ausmaß aufzugeben als zum Beispiel beim Fernsehen" Man wird nicht darum herum kommen, zu erklären, warum das Internet-Sozialleben weniger wert ist, als das "aufgegebene". Das Thema ist schnell von unterschwelligen Wertungen besetzt, bei denen man vorsichtig sein muss, ob man nicht in Wirklichkeit mit diesen Einschätzungen einfach bereits vom Zeitgeist "abgehängt" ist. Natürlich ist es körperlich nicht gesund, ganztägig vor dem Schirm zu hocken, allerdings erwartet mein Arbeitgeber dasselbe von mir, ohne mit den Suchtspezialisten Ärger zu bekommen.
3. Na und?
marthog 26.09.2011
Internet ist halt einfach bequem und deswegen nutzt man es. Man hat da die Antwort auf alle wichtigen Fragen, kann Wetterbericht nachsehen, die neusten Nachrichten lesen, mit anderen kommunizieren und vieles mehr. Da kann man genausogut fragen, ob Leute nach Geschirrspülern oder Mikrowellen süchtigen wären.
4. kt
Hador 26.09.2011
Zitat von sysopDen anonym Befragten wurden 14 Fragen wie diese gestellt: "Wie häufig denken Sie an das Internet, auch wenn Sie gerade nicht online sind?" Oder: "Wie häufig setzen Sie Ihren Internetgebrauch fort, obwohl Sie eigentlich aufhören wollten?" Die Befragten konnten darauf mit "nie, selten, manchmal, häufig, sehr häufig" antworten. Ein "nie" als Antwort wird mit 0 Punkten, "sehr häufig" mit vier Punkten bewertet.
Anhand von 14 Fragen und auf Basis einer Studie, deren eigentliches Ziel offensichtlich gar nicht die Onlinesucht war eine derartige Behauptung aufzustellen finde ich schon gewagt. Und die Beispielfrage ist ja wohl ein Witz. Ohne Kontrollfrage sagt die Antwort darauf gar nichts aus. In unserer heutigen Gesellschaft wird man auch ohne Computer andauernd mit dem Internet konfrontiert: Sei es auf der Arbeit von Kollegen. Sei es bei Freunden, die vom neuesten YouTube Lacher erzählen. Sei es im Fernsehen, wo selbst bei der Tagesschau inzwischen aufs Internet verwiesen wird. Oder sei es in Büchern in denen das Internet vorkommt. Bei solchen Fragen sagt die Studie IMO eher etwas über die Bedeutung des Internet in der Gesellschaft aus als über eine mögliche Onlinesucht.
5. Süchtig?
Hubatz 26.09.2011
Naja süchtig - das hört sich ja an als wenn das Netz eine Droge wäre, eine Substanz die man zu sich nimmt. Ist es aber nicht. Es bietet Kommunikation, Information, Entertainment, Berufe - und nicht zu vergessen XXX ;) Wer bitte ist nach einem dieser Dinge nicht süchtig? ;)
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