Drogenkrieg in Mexiko Wer bloggt, dem droht der Tod

Worüber Mexikos Medien im Drogenkrieg nicht zu berichten wagen, schreiben jetzt anonyme Blogger im Internet - und geraten so selbst ins Visier der Kartelle. Vier Menschen sind in den vergangenen Wochen auf grausame Weise ermordet worden, andere wollen trotzdem weitermachen.

Getötete Blogger in Nuevo Laredo: "Das passiert mit allen Internetpetzen"
AFP

Getötete Blogger in Nuevo Laredo: "Das passiert mit allen Internetpetzen"

Von Claas Relotius


Der Mann, der sich im Internet als "Gerardo" ausgibt, hat sich inzwischen an die bedrohlichen E-Mails in seinem Postfach gewöhnt. Sie stammen stets von unterschiedlichen Adressen und folgen doch immer dem gleichen, brutalen Muster: Man werde ihm alle Glieder einzeln abtrennen und seiner Familie schicken, schreibt ein Absender, der unter dem Namen Bosque firmiert. Ein anderer, Zacateca, droht damit, ihm die Kehle aufzuschlitzen, sollte er nicht sofort mit dem Schreiben aufhören. Dass das keine leeren Drohungen sind, ist mittlerweile weltweit bekannt - vier Blogger bezahlten ihr Engagement in Mexiko in den vergangenen Wochen mit ihrem Leben.

"Solche Sätze lassen einen nicht kalt, aber wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen", betont Gerardo, der weder sein Alter noch seinen bürgerlichen Namen verraten möchte und telefonisch mittlerweile nur noch über einen Onlinedienst zu erreichen ist. Anonymität sei für ihn überlebenswichtig, sagt er. Denn Gerardo betreibt die 2009 von einem texanischen Staatsanwalt gegründete Internetplattform Borderlandbeat.com.

Gemeinsam mit anderen anonymen Bloggern informiert er dort über das, worüber immer mehr Lokalmedien in Mexiko lieber schweigen: Drogenhandel, Korruption, Mord - Verbrechen der mächtigen Drogenkartelle entlang der US-amerikanischen Grenze.

"Fernsehsender sind dazu nicht mehr in der Lage"

"Fernsehsender oder Zeitungen sind dazu nicht mehr in der Lage", sagt Gerardo. Die Angst um das eigene Leben sitze inzwischen nicht nur bei Reportern, sondern auch bei Verlagseignern tief. Allein seit dem Jahr 2000 wurden in Mexiko über 70 Journalisten getötet, elf weitere werden bis heute vermisst - so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Einem Bericht der Vereinigung Reporter ohne Grenzen zufolge gehen all diese Morde vermutlich auf das Konto organisierter Drogenbanden.

Die Blogger von Borderland Beat versuchen genau diese Informationslücke im Netz zu schließen. Mit Texten, Fotos und Videos dokumentieren sie täglich, was sich im Krieg zwischen verfeindeten Kartellen und dem mexikanischen Militär ereignet.

Neben einer virtuellen Karte, auf welcher Einflussgebiete und Schmuggelrouten verzeichnet sind, findet sich auf der Seite sogar detaillierte Angaben zur Organisation der wichtigsten Drogenkartelle wieder - inklusive der Namen ihrer Anführer.

"Das Internet ist die letzte Bastion"

Woher solche Informationen stammen? Man werte alles aus, was an glaubhaften Meldungen und unabhängigen Nachrichten zur Verfügung stehe, erklärt Gerardo. Vor allem aber erreichten ihn viele Hintergrundberichte von Reportern, die sich nicht mehr trauten, öffentlich über das organisierte Verbrechen zu schreiben. "Für viele Journalisten", sagt er, "ist das Internet hierfür die letzte Bastion."

Das englischsprachige Blog Borderland Beat hat längst auch spanischsprachige Nachahmer in Mexiko gefunden: Von Tijuana bis Matamoros betreiben heute Blogger in fast jeder größeren Grenzstadt anonyme Nachrichtenportale zum Drogenkrieg in ihrer Region. Daneben werden die Meldungen von Twitteraccounts wie Reynosafree oder Mtyfollow von mehreren Tausend Nutzern gelesen.

Die Bewohner der im Zentrum des Drogenkrieges stehenden Kleinstadt Nuevo Laredo werden im Netz sogar zur Denunziation aufgefordert: Auf der Seite nuevolaredoenvivo.es.tl können sie via Google Maps markieren, wo in der Stadt Gangs ihr Unwesen treiben und in welchen Straßen sich geheime Drogenverstecke befinden. Wer verdächtige Vorfälle bemerkt oder von kriminellen Machenschaften hört, kann dies außerdem über einen anonymen Live-Chat mitteilen.

"Schusswechsel im Zentrum"

"Seit einer Stunde hört man Schusswechsel im Zentrum, noch keine Polizei zu sehen", schreibt Anon8284 gegen Mitternacht. Nur eine halbe Stunde später meldet Anon1339: "Gang verprügelt Mann am Busbahnhof, fährt in schwarzem Kleinbus davon." Zwischen 20 und 30 neue Einträge erscheinen täglich auf der Seite, die längst auch das in der Region stationierte Militär zur Verbrechensaufklärung nutzt.

Nuevos Laredos Polizeichef Manuel Daros betont zwar, dass man bei weitem nicht jeder Quelle aus dem Netz vertrauen könne. Schließlich könnten auch die organisierten Banden die Plattform nutzen, um gezielt falsche Informationen zu lancieren. Doch ähnlich wie Gerardo ist auch er der Ansicht: Je mehr Leute die Augen aufhalten und im Internet ihr Schweigen brechen, "desto enger werden die illegalen Spielräume für die Kartelle".

Dass diese die Aktivisten im Netz indes längst als Bedrohung für sich und ihre Geschäfte erkannt haben, zeigen ausgerechnet in Nuevo Laredo allein vier brutale Morde im letzten Monat - bei denen es erstmals gezielt Blogger und Forenmoderatoren traf. Neben den zwei Toten, die Anfang September mit herausgerissenen Eingeweiden an einer Fußgängerbrücke aufgehängt wurden, fand die Polizei zwei Zettel mit der unmissverständlichen Warnung: "Das passiert mit allen Internetpetzen. Wir haben ein Auge auf Euch."

Kontakte zu Regierungskreisen und Polizei

Nur zwei Wochen später schlugen die Killer wieder zu: Neben der enthaupteten und verstümmelten Frauenleiche, die in den Straßen Nuevo Laredos abgeladen wurde, fand man zwei Computer-Tastaturen und mehrere Netzwerkkabel. Daneben ein Brief mit den Worten: "Ich bin hier wegen meinen und Euren Berichten."

Neben der enthaupteten Leiche eines jungen Mannes, die am vergangenen Mittwoch in Nuevo Laredo aufgefunden wurde, lag ein Schild mit der Aufschrift: "Ich bin Rascatripas und das hier ist mir widerfahren, weil ich nicht verstanden habe, dass ich bestimmte Dinge nicht in Social Networks verbreiten sollte." Er soll bei Nuevolaredoenvivo als Moderator tätig gewesen sein.

Unterzeichnet hatten in allen Fällen Mitglieder des gefürchteten Zeta-Kartells, das gegenwärtig den Drogenhandel an der gesamten Ostküste Mexikos kontrolliert. "Die Zetas sollen beste Kontakte zur Polizei und sogar zu Regierungskreisen haben", sagt Gerardo. "Wer sich mit ihnen anlegt, lebt auch als Blogger gefährlich."

Das Hackerkollektiv Anonymous lässt sich davon offenbar nicht abschrecken. Zu Beginn der vergangenen Woche richteten die Hacker via YouTube eine Botschaft an Los Zetas, in der sie das Kartell aufforderten, ihr Terrorregime zu beenden. Der Anlass für diese Drohung war die mutmaßliche Entführung eines Anonymous-Mitglieds im Bundesstaat Veracruz. Sollte die Person nicht bis zum 5. November freigelassen werden, so hieß es in dem nun veröffentlichten Video, werde Anonymous umfangreiche Daten von Zeta-Unterstützern preisgeben. Inzwischen wurde der Mann angeblich freigelassen, die Drohung zurückgezogen. Doch Anonymous will nun mit Veröffentlichungen aus er-hackten E-Mails korrupte Beamte und Politiker in Bedrängnis bringen.

Um ihren Drohungen Nachdruck zu verleihen, hatten die Hacker schon vor zwei Wochen einen Vorgeschmack ihres Könnens geliefert: Sie hackten die Website des Politikers Gustavo Rosario und hinterließen dort die Nachricht: "Gustavo Rosario ist ein Zeta."

Rosario, ein ehemaliger Generalstaatsanwalt, steht inzwischen rund um die Uhr unter Polizeischutz. "Wer als Politiker mit einem bestimmten Kartell in Verbindung gebracht wird, ist sofort eine Zielscheibe für die anderen Kartelle", sagt Blogger Gerardo. In diesem Sinne gilt für - möglicherweise zu Unrecht - Verdächtigte, was auch für die bloggenden Berichterstatter gilt: Öffentlichkeit kann lebensbedrohlich sein.

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insgesamt 22 Beiträge
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ShellyFrey 14.11.2011
1. Zweispalt
Einerseits finde ich es mutig und gut von dem Blogger, dass er den Menschen Informationen gibt, die man nich um TV sieht oder in der Zeitung liest. Schließlich riskiert er dadurch sein Leben. Damals in Ägypten, haben die Menschen ein Kollektivbewußtsein dafür entwickelt und jeder hat sich über Twitter und Blogs darüber geäußert, was gerade im Land passiert. Das ist die positive Seite des Internets. Andereseits kann der Blogger wahrscheinlich seine Thesen nicht zum Schluß beweisen und bringt sich und seine Familie in Gefahr.
synoptiker 14.11.2011
2. Drogenhandel lebt vom Verbot
Worüber hier und anderswo nie berichtet wird: Das Problem des mexikanischen Drogenschmuggels liegt in den USA: Es ist die verlogene Grundeinstellung der Amerikanischen Konsum-Gesellschaft: Kokain und Marihuana sind verboten, werden aber von 100 Millionen (und mehr) Amerikanern regelmäßig konsumiert! Man überlässt den Mexikanern, sowohl den organisierten Schmuggel als auch den Kampf für das Gesetz, das in USA nicht durchgesetzt wird. Es gibt zwei Lösungen: 1. Legalisierung 2. Aufgabe des Drogenkonsums von 100 Millionen Amerikanern. Verbote sind in USA nicht durchsetzbar und in Mexiko erst recht nicht.
Criollo, 14.11.2011
3. Und Politiker fordern das Ende des anonymen Internets
Damit jede Mafia an die Daten herankommen kann, wenn sie Paten in den Behörden hat. Worüber Poltiker schweigen, darüber sollen auch Bürger nicht ungestraft reden könne.
viperhyper 14.11.2011
4. versteh nicht
Ist mir auch ein Rätzel warum Mexico blutig am Boden liegend noch die amerkanischen Drogengesetze verteidigt. Denn die Kiffer, Kokser und sonstigen Junks in Mexico stehen ja in keinem Verhältnis zu den Staatsausgaben, dem Sicherheitsgefühl der Bürger sowie der Drogentoten. Ansonsten ist Mexico ja wohl ein toller Staat zumindest auf dem Papier was Bürgernähe und Solidarität betrifft.
roastbeef 14.11.2011
5. .
Zitat von synoptikerWorüber hier und anderswo nie berichtet wird: Das Problem des mexikanischen Drogenschmuggels liegt in den USA: Es ist die verlogene Grundeinstellung der Amerikanischen Konsum-Gesellschaft: Kokain und Marihuana sind verboten, werden aber von 100 Millionen (und mehr) Amerikanern regelmäßig konsumiert! Man überlässt den Mexikanern, sowohl den organisierten Schmuggel als auch den Kampf für das Gesetz, das in USA nicht durchgesetzt wird. Es gibt zwei Lösungen: 1. Legalisierung 2. Aufgabe des Drogenkonsums von 100 Millionen Amerikanern. Verbote sind in USA nicht durchsetzbar und in Mexiko erst recht nicht.
Ja Legalisierung ist gut, ist aber nicht mehr genug denke ich. Die Kartelle verdienen längst nicht mehr nur mit dem Drogenhandel Geld. Schutzgeld, Erpressung, Entführungen sind weit verbreitet. Die Legalisierung von Drogen hätte man vor 10 Jahren machen müssen. Aber auf jeden Fall muß man endlich aktiv etwas versuchen. Die USA heizen den ganzen Kreislauf aber leider immer noch an. Eher nicht, die Korruption ist soweit verbreitet, daß Mexico alles andere als ein bürgernaher und solidarischer Staat ist. Leider
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