Cyberkriminalität: Fahnder entdecken 18 Millionen gestohlene E-Mail-Passwörter

Von Michael Fröhlingsdorf, Hubert Gude und Jörg Schindler

Computer-Bildschirm mit Tastatur: Millionen Zugangsdaten entwendet Zur Großansicht
REUTERS

Computer-Bildschirm mit Tastatur: Millionen Zugangsdaten entwendet

Die Staatsanwaltschaft Verden ist auf einen Datensatz von 18 Millionen E-Mail-Adressen samt Passwörtern gestoßen. Betroffen sind alle großen deutschen Provider. Manche Konten werden offenbar aktuell missbraucht.

Berlin - Kriminelle haben erneut in großem Stil Zugangsdaten für E-Mail-Konten entwendet. Es handelt sich dem Vernehmen nach um den größten bislang bekannten Fall von Datendiebstahl in Deutschland. Insgesamt 18 Millionen E-Mail-Adressen mit den zugehörigen Passwörtern haben die Ermittler der Staatsanwaltschaft Verden nach SPIEGEL-Informationen sichergestellt.

Wie viele der Zugangsdaten deutschen Nutzern zuzuordnen sind, ist derzeit noch unklar, weil etliche international verwendete Endungen wie .com haben. Die Behörden gehen derzeit von etwa drei Millionen Betroffenen in der Bundesrepublik aus. Der Fall ist besonders brisant, weil die Daten aktuell sind. Teile davon werden dem Vernehmen nach derzeit für kriminelle Aktivitäten missbraucht, etwa zum Versenden von Spam.

Es handelt sich um den zweiten großen Fall von Cyberkriminalität innerhalb weniger Monate. Bereits im vergangenen Jahr entdeckten vier auf Cyberkriminalität spezialisierte Staatsanwälte aus Verden an der Aller eine Datenbank mit 16 Millionen E-Mail-Adressen und den dazugehörigen Passwörtern. Es war ein Zufallsfund, der monatelange Ermittlungen nach sich zog.

Schwarzmarkt für Zugangsdaten floriert

Im Januar ging das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) schließlich an die Öffentlichkeit und forderte die Bundesbürger auf, auf einer Seite der Behörde ihre E-Mail-Adresse zu überprüfen. Mehr als 30 Millionen E-Mail-Adressen wurden überprüft; rund 1,6 Millionen von ihnen waren tatsächlich betroffen. Im Gegensatz zu dem aktuellen Fall war damals ein Großteil der Zugangsdaten veraltet und "nicht mehr missbräuchlich nutzbar", wie es heißt.

Nach SPIEGEL-Recherchen hängen die beiden Verfahren zusammen. Der Täterkreis könnte identisch sein, vermuten die Ermittler. Damals führte die Spur der Cyberkriminellen ins Baltikum. Der Fall ist allerdings noch nicht aufgeklärt. Das BSI wollte sich auf Anfrage zu dem neuen Fall zunächst nicht äußern.

Für geknackte Zugangsdaten gibt es einen florierenden Schwarzmarkt, etwa zur Versendung von Spam-Mails. Je nachdem wie umfangreich die Datenpakete sind, können die potentiellen Angreifer auch weit mehr damit anfangen. Sie können etwa in soziale Netzwerke eindringen, auf Kosten ihrer Opfer im Internet einkaufen und Bankkonten plündern.

Von dem neuen Datenklau sind alle großen deutschen E-Mail-Provider und mehrere internationale Anbieter betroffen. Die Staatsanwaltschaft im niedersächsischen Verden bestätigt den Datenfund. Es sei ein "Bestand von rund 18 Millionen E-Mail-Adressen mit zugehörigen Passwörtern" sichergestellt worden, so Sprecher Lutz Gaebel. Ansonsten aber zeigt sich die Behörde sehr zurückhaltend mit Informationen. Weitere Informationen wolle man aus "ermittlungstaktischen Gründen" nicht mitteilen.

Am Abend meldete die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf das BSI, dort arbeite man mit Hochdruck und in Zusammenarbeit mit Behörden und Providern an einer Lösung, wie und auf welchem Wege betroffene Internetnutzer informiert werden können. Nach Informationen, die dem Fachportal "heise security" vorliegen, hat die Behörde erneut den Auftrag erhalten, die Betroffenen zu informieren. Demnach wolle das BSI aber erst "Anfang nächster Woche" eine entsprechende Mitteilung veröffentlichen.

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insgesamt 87 Beiträge
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1. Sicher?
whoknowswhat 03.04.2014
Liebe Redaktion, ich glaube nicht, dass irgendjemand den Datensatz sichergestellt hat. Sicherstellen kann man beispielsweise ein gestohlenes Auto.
2. eMails signieren.
Kuemmelmonster 03.04.2014
Dass eMail-Konten providerseitig geknackt werden kann man vermutlich nicht ohne weiteres ausschließen. Etwas besser helfen würde es, wenn mehr Menschen beginnen würden eMails per Public-Key-Verfahren zu signieren (man kann nicht nur verschlüsseln, sondern mit dem eigenen Private Key auch eine Botschaft erzeugen, die sich mit dem Public Key vom Empfänger tatsächlich dem Sender zuordnen lässt). Liebe Leute! Das ist gar nicht so kompliziert und zum Beispiel in Thunderbird auch einsetzbar, ohne dass man ein Computerfreak dafür sein muss. Es erfordert heutzutage eigentlich nur noch den Willen es zu tun und den Mut sich eine Viertelstunde lang damit zu befassen. Leider löst das Signieren das Problem noch nicht, da es nur funktioniert, wenn beide Parteien sich auf das Verfahren einlassen und auch darauf verlassen, dass eine nicht signierte Mail potenziell gefälscht oder Spam ist. Aber wenn sich diese Verfahren flächendeckend durchsetzen würden sähe es anders aus.
3. Spam im Namen des Herren X
Alternator 03.04.2014
Um unter fremden Namen zu spammen, muss man keine fremden Konten knacken. Da reichen manipulierte mailheader aus. Was das den Spammern bringt frage ich mich allerdings noch.
4. Typisch BSI
TobyOrNotToby 03.04.2014
---Zitat--- Ansonsten aber zeigt sich die Behörde sehr zurückhaltend mit Informationen. Weitere Informationen wolle man aus "ermittlungstaktischen Gründen" nicht mitteilen. ---Zitatende--- Wie im letzten Fall. Als das Kind schon in den Brunnen gefallen war, kamen die mit Details. Es würde doch der Ermittlungstaktik nicht schaden, zu erklären, welche Provider betroffen sind. Aber das kommt wahrscheinlich erst, wenn schon die ersten Millionen abgegriffen wurden.
5. Bildunterschrift
primanota 03.04.2014
"Experten kritisieren das BSI-Vorgehen." Wo steht denn im Artikel irgendetwas davon? Oder habe ich diesen Teil überlesen?
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Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.

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