Lavabit: Edward Snowden lobt E-Mail-Dienst für Selbstabschaltung

Pro-Snowden-Demonstranten (in Brasilien): "Mehr als hundert Lavabits" Zur Großansicht
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Pro-Snowden-Demonstranten (in Brasilien): "Mehr als hundert Lavabits"

Der E-Mail-Dienst Lavabit, über den auch Edward Snowden kommunizierte, sah sich gezwungen, den Betrieb einzustellen. Nun hat sich der NSA-Whistleblower dazu geäußert. Er zollt der Entscheidung Respekt - und kritisiert die US-Internetgiganten für ihre Passivität in der Spähaffäre.

Hamburg/London - Ladar Levison hat den Stecker gezogen - weil er nicht mit US-Behörden zusammenarbeiten und Informationen herausgeben wollte. "Ich sehe mich gezwungen, eine schwierige Entscheidung zu fällen - entweder mitschuldig an Verbrechen gegen das amerikanische Volk zu werden oder zehn Jahre harte Arbeit aufzugeben und Lavabit zu schließen", schrieb der Besitzer des E-Mail-Dienstes in einem offenen Brief. Auch Edward Snowden war Lavabit-Nutzer. Möglicherweise ist die Selbstschließung eine Folge von Anfragen von US-Behörden an Lavabit, die sich auf Snowden und seine Kontakte bezogen.

Nun hat sich der NSA-Whistleblower selbst zu dem Fall geäußert. Der "Guardian"-Journalist Glenn Greenwald, der offenbar in Kontakt zu Snowden steht, zitiert Snowden mit den Worten: "Ladar Levison und sein Team haben lieber den Betrieb ihrer zehn Jahre alten Firma eingestellt, als die verfassungsmäßigen Rechte ihrer etwa 400.000 Nutzer zu verletzen." Der US-Präsident, US-Gerichte und der Kongress hätten vergessen, dass "einfache Bürger stets die Leidtragenden schlechter politischer Entscheidungen sind".

Levison selbst hatte sich klar positioniert. Wer in den USA ein Internetunternehmen betreibt, werde zu Kompromissen gezwungen, die sein eigenes Unternehmen nicht länger eingehen wolle: "Solange es keine klaren Aktionen des Kongresses oder der Justiz gibt, kann ich nur jedem dringend davon abraten, private Daten einem Unternehmen anzuvertrauen, das direkte physische Verbindungen zu den Vereinigten Staaten hat."

Wirtschaftlicher Schaden für die USA?

Snowden kommentiert dies Greenwand zufolge mit einem Verweis auf die wirtschaftlichen Folgen für die USA: "Amerika kann als Land nicht erfolgreich sein, wenn Personen wie Herr Levison mit ihren Unternehmen in andere Länder umziehen müssen, um Erfolg zu haben." Auch die Angestellten und die Führung von Unternehmen wie "Google, Facebook, Microsoft, Yahoo, Apple und dem Rest unserer Internet-Titanen" müssten sich fragen, "warum sie nicht auf die gleiche Weise für unsere Interessen kämpfen, wie es diese kleinen Unternehmen tun".

Nicht nur Lavabit hatte in der Nacht von Donnerstag auf Freitag den Stopp der eigenen Aktivitäten verkündet, auch das Unternehmen Silent Circle erklärte, man werde den Betrieb des eigenen E-Mail-Dienstes Silent Mail mit sofortiger Wirkung einstellen. "Wir sehen die Schrift an der Wand und haben entschieden, dass es für uns das Beste ist, Silent Mail jetzt einzustellen", erklärte Unternehmenschef Jon Callas, ein Veteran der Kryptografie-Szene, in einem Blog-Eintrag. Man habe zwar keine Gerichtsbeschlüsse, "national security letters" oder Ähnliches erhalten, handle aber dennoch lieber sofort. Einer von Callas' Kompagnons bei Silent Circle ist Philip Zimmermann, der Schöpfer des bis heute gebräuchlichen Verschlüsselungssystems PGP. Zimmermann schrieb schon 1991: "Wenn Privatsphäre ungesetzlich wird, haben nur noch die Gesetzlosen Privatsphäre."

"Mehr als hundert Lavabits"

Snowden erklärte, die großen Unternehmen der US-Internetbranche hätten bislang nur erklärt, dass sie sich an Gesetze halten müssten, mit denen sie nicht übereinstimmten. Er forderte Google, Facebook und Co. zum aktiven Protest gegen die Überwachungsprogramme der US-Geheimdienste auf: "Ein einziger Tag, an dem sie ihre Dienste als Koalition abschalten, könnte mehr erreichen als hundert Lavabits."

Mit den Netzkonzernen geht Snowden hart ins Gericht. Die Nagelprobe werde kommen, wenn der US-Kongress im September nach seiner Sommerpause erneut zusammentrete, so Snowden laut Greenwald: "Lasst uns darauf achten, ob die Internetbranche und ihre Lobbyisten - von denen vor der Abstimmung über den Conyers-Amash-Vorschlag nichts zu sehen war - sich im Kongress auf die Seite des freien Internets stellen, oder auf die Seite der NSA und ihrer Geheimdienstausschüsse."

Die US-Abgeordneten John Conyers und Justin Amash hatten Ende Juli versucht, die Ergänzung eines Gesetzes um eine Passage durchzusetzen, mit der die Erfassung von Telekommunikations-Metadaten von US-Amerikanern stärker reglementiert worden wäre. Sie waren damit im Repräsentantenhaus aber knapp gescheitert.

cis

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insgesamt 121 Beiträge
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1. Europa emanzipieren
bugs bunny 09.08.2013
Die ganze NSA-Ausspähaffaire und ihre weitreichenden Folgen, Stichwort Industriespionage etc., sollte unsere Politiker in Europa endlich aufwecken. Was wir jetzt brauchen, ist eine Vision für ein ökonomisches, technologisches, politisches und kulturelles Europa ohne USA. Die schleichende Infiltration unseres kulturellen, ökonomischen und politischen Erbes durch banale US-Machtpolitik muss aufhören. Airbus/EADS ist ein gelungenes Beispiel; der Dreamliner von Boeing schmiert langsam ab. Weitere Felder müssen folgen wie z.B. Loslösung vom GPS-Standard der Amerikaner, der uns jederzeit um die Ohren fliegen kann. Wir sind den Amis zwar dankbar für die Befreiung vom Faschismus - aber nun ist gut. Europa muss sich emanzipieren!!
2. optional
barbarellaxx 09.08.2013
...einfach nur noch unglaublich, was hier geschieht.... Hatte Hr. Friedrich nicht gesagt, jeder user sollte für seine eigene Sicherheit sorgen? Ganz bösese Schauspiel wird hier geboten
3. Traurig!
GeckoSamui 09.08.2013
bin ich darüber, dass unsere Freiheit so bombardiert wird und man gezwungen wird seine Freiheit aufzugeben. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass letztendlich die Vernunft und der Drang zur Freiheit dadurch nur geschürt wird. Bitte mehr Restriktionen, Einschränkungen und Maßregelungen es wird sich am Ende doch noch lohnen.
4. Internet-Unternehmen auf dem Strich
stasilaus 09.08.2013
Jeder weiss noch, wie die grossen Internet-Unternehmen im Interesse des US-Molochs NSA ihre Kunden dreist angelogen haben, während sie sie verrieten. Apple, Microsoft und Google haben sogar ihre Betriebssoftware der NSA zur Verfügung gestellt, damit die jeden einzelnen Kunden in seinem Haus ausspionieren können. Deren Betriebssoftware hat jedes Mikrophon an einem PC oder Laptop zur Wanze gemacht. Wer für Geld alles macht, ist wie eine Prostituierte. Bei denen gibt es allerdings einige, die haben noch Ehre und Anstand am Leib, auch wenn sie keine Klamotten tragen.
5. !!
janne2109 09.08.2013
Menschen opfern ihren Job, ihre Verdienstquelle, bitte schreibt nicht nur hier, schaufelt Euch die Zeit frei für eine Demo am 31.8. 2013 zeigt endlich Flagge
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Kurz erklärt: Crypto Wars
  • Corbis
    In den USA begann der Kampf gegen Volks-Verschlüsselung schon in den Neunziger Jahren. Er wurde mit einem Gesetzesvorschlag im US-Senat eröffnet. Anbieter elektronischer Kommunikationsdienste sollten verpflichtet werden, Behörden die Möglichkeit zum Zugriff auf jede Art elektronischer Kommunikation zu verschaffen. Das Gesetz scheiterte schließlich am Widerstand von Bürgerrechtlern und Industrie. Aber es motivierte einen Softwareentwickler namens Phil Zimmermann dazu, sich über Verschlüsselung für jedermann Gedanken zu machen. Zimmermann entwickelte den Standard PGP (das steht für pretty good privacy, ziemlich guter Datenschutz), mit dem bis heute E-Mails und anderes sicher verschlüsselt wird. Sogar NSA-Enthüller Edward Snowden empfiehlt PGP.
1991 stellte Zimmerman seine Software kostenlos zur Verfügung. Dann wurde ein Verfahren gegen ihn eröffnet, das sich drei Jahre hinzog. Der Vorwurf: Er exportiere Verschlüsselungstechnologie, die wie Waffentechnologie einzustufen sei. Der Fall wurde fallengelassen, und heute gilt weder der Export noch die Benutzung von Kryptographie-Technik in den USA als Verbrechen. Doch das wurde nur auf Druck von Bürgerrechtlern erreicht. Etwa um die gleiche Zeit machte die NSA einen eigenen Vorschlag, um ihr Verschlüsselungsproblem zu lösen: Hersteller von Telefonanlagen sollten einen von der NSA entwickelten Chip zur Verschlüsselung einsetzen. Der Trick: Für diesen sogenannten Clipper Chip gab es einen Nachschlüssel, auf den der Geheimdienst oder Strafverfolger bei Bedarf hätten zugreifen können. Das Projekt wurde heftig kritisiert und verschwand gegen 1996 sang- und klanglos von der Bildfläche. Mittlerweile verschafft sich die NSA Hintertüren auf anderem Weg.


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