FBI-Ermittlungen gegen Edward Snowden: Nerd auf der Flucht

Von und

Edward Snowden: Spurensuche im Netz Fotos
REUTERS

Das FBI hat Ermittlungen gegen den Prism-Whistleblower eingeleitet. Edward Snowden versteckt sich wohl in Hongkong - doch im Netz hat er Spuren hinterlassen: als Gamer, als Techie, als Nerd - mit einem ausgeprägten Sinn für Freiheitsrechte.

Washington - Kommenden Freitag wird Edward Snowden 30 Jahre alt. Die Party dürfte allerdings ausfallen: Am Donnerstag wurde bekannt, dass die US-Bundespolizei FBI Ermittlungen gegen den Prism-Whistleblower eingeleitet hat. Die Behörden würden "alle notwendigen Schritte" unternehmen, um ihn zur Verantwortung zu ziehen, sagte FBI-Chef Robert Mueller bei einer Anhörung im Kongress in Washington.

Zuerst war Snowden nach Hongkong geflohen, dann in die Öffentlichkeit. Nach und nach werden nun Details aus dem Leben des Flüchtigen bekannt. Nicht zuletzt das Netz fördert Puzzleteile zutage, aus denen sich ein erstes Bild ergibt: Snowden ist ein Nerd, er war ein Gamer und aktiver Forist, der mit klaren Standpunkten und ausgeprägtem Gerechtigkeitsempfinden in Erscheinung trat. Einer, der sich als Techie sieht und sich der Freiheit verpflichtet fühlt.

Snowdens Mutter lebt in einer Eigentumswohnung in Maryland, und dort, behauptet eine Nachbarin, habe er früher ein paar Jahre lang allein gelebt, ohne die Familie. Seine Mutter habe ihm Einkäufe gebracht, eine Freundin sei jedes Wochenende zu Besuch gekommen. Die Nachbarin sagt, sie habe Snowden in dieser Zeit ab und zu durchs Fenster gesehen, er habe am Computer gesessen, "zu jeder Tages- und Nachtzeit": "eine Art Computer-Geek".

Zu dieser Zeit hat der Teenager Ed Snowden Spuren im Netz hinterlassen. Zum Beispiel bei der Website Ryuhana Press, einer mittlerweile geschlossenen Start-up-Firma mit dem Spezialgebiet Anime. Snowden war der Webmaster der Firma und trat unter den Spitznamen "The True HOOHA" and "Phish" in Erscheinung. Die Seite ist mittlerweile offline, aber Reuters-Journalisten haben sie offenbar archiviert.

Fotos von Snowden beim Blödeln, Tanzen, Albern

Seine Profilseite von damals ist ein Mix aus Wahrheit, Sarkasmus und albernen Witzen. Sein Geburtstag ist korrekt angegeben, der 21. Juni 1983, mit dem Zusatz, dass er auf die Sommersonnenwende fällt. Gleichzeitig behauptet Snowden aber, 37 Jahre alt und Vater zweier Kinder zu sein. "Ich bin wirklich ein netter Typ", beschrieb er sich damals selbst, "ich benehme mich nur arrogant und grausam, weil ich als Kind nicht genug geknuddelt wurde" und weil das öffentliche Bildungssystem ihn im Stich gelassen habe.

Die Schule hatte er zu dieser Zeit schon abgebrochen, seine Eltern waren frisch geschieden, er angeblich allein zu Hause. In seinem Profil und seinen Postings ging es um seine Erfolge beim Computerspielen und bei den Frauen. Die Reuters-Journalisten fanden auch Fotos. Sie zeigen einen jungen Mann, beim Feiern, Tanzen, Herumalbern. Einen, der vor seinen Kollegen die Hosen herunterlässt oder sich in Brustwarzenhöhe Wäscheklammern ans Hemd klemmt.

Die Entdeckung seines selbstgewählten Spitznamen "The True HOOHA" ist ein interessanter Anhaltspunkt: Er tauchte zum Beispiel auch im Forum des Techblogs Ars Technica auf - und den Redakteuren zufolge deutet viel darauf hin, dass es sich bei dem Nutzer tatsächlich um Snowden handelt.

"Bedingungsloser Gehorsam gegenüber gruseligen Typen"

Mit 17 Jahren schon meldete er sich demnach unter diesem Nutzernamen an. In seinem ersten Eintrag geht es darum, wie man einen eigenen Webserver aufsetzt. Er blieb der Seite bis Mai 2012 treu, schrieb Hunderte von Beiträgen, auch über Anonymität und Überwachung im Netz. Er fühlte sich augenscheinlich wohl im Kreise der Tech-Interessierten, erteilte Ratschläge zu Bildung, Berufswahl und Karriere, diskutierte über Religion und Politik und berichtete sogar aus seinem Sexleben.

Einmal ging es um Überwachung durch eine private Computerfirma für die Regierung. Es beunruhige ihn, schrieb "The True HOOHA", wie wenig sich technische Laien an solch einem Firmengebaren störten: "Die Gesellschaft hat offenbar einen bedingungslosen Gehorsam gegenüber gruseligen Typen entwickelt." Dann folgte ein Satz, der wie eine Vorwegnahme seiner späteren Enthüllungen klingt: "Ich frage mich, wie gut sich im Jahr 1750 Briefumschläge verkauft hätten, die unter magischem Bundesbehörden-Kerzenlicht durchsichtig werden?"

Einmal erwähnte er seine Schusswaffe: "Ich habe eine Walther P22. Es ist meine einzige Pistole, aber ich liebe sie über alles." Besonders aber interessierten Snowden offenbar Anime und Computerspiele. Er pries das Storytelling in "Max Payne 2" und gab in seinem Profil an, dass er die Kampfsportserie "Tekken" mag und auch Rollenspiele (RPG).

"Sonnenstrahl und Inspiration"

Auf der Anime-Seite, für die er arbeitete, berichtete ein Kollege einmal, Snowden sei ein so guter "Tekken"-Spieler gewesen, dass sich bei einer Anime-Convention eine Zuschauertraube um ihn gebildet habe. Er beschreibt Snowden als "Sonnenstrahl und Inspiration" für seine Mitmenschen. "Er ist ein großartiger Zuhörer, und er will den Menschen unbedingt helfen, besser zu werden."

Mit seinen guten Computerkenntnissen hatte der Schulabbrecher von einst offenbar rasch Karriere gemacht, erst beim Geheimdienst, dann bei privaten Unternehmen. Er habe gutes Geld verdient, sagte er dem "Guardian" nach seiner Flucht, und "auf Hawaii im Paradies gelebt". Seine Freundin, eine attraktive 28 Jahre alte Tänzerin, die auf Hawaii mit einer Akrobatentruppe auftrat, schrieb in ihr Blog: "Ich weiß nicht, was jetzt passieren wird. Ich weiß nicht, wie man sich normal fühlt."

An seinem letzten Arbeitsplatz kam er wohl zu dem Schluss, dass seine Computerkenntnisse dazu beigetragen hatten, eine Überwachungsmaschinerie aufzubauen: "Ich erkannte, dass ich Teil von etwas geworden war, das viel mehr Schaden anrichtete als Nutzen brachte", sagte er in einem Interview nach seiner Flucht.

Er war der Meinung, das müssten die Bürger erfahren - und zwar von ihm. "Ich habe ein großes persönliches Risiko auf mich genommen, um der Weltöffentlichkeit zu helfen", sagte der dem "Guardian". Jetzt werde er den Rest seines Lebens ins Angst verbringen.

Der Autorin auf Twitter folgen:

Mit Material von Reuters und AP

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 199 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Nehmen wir ihn als Beispiel
5michael5 13.06.2013
für uns, einfach im kleinen, in unserem Alltag.
2. Netter Fehler
clausde 13.06.2013
...Der versteckt sich wohl in Honkgong - doch im Netz hat Edward Snowden .... Die Stadt der Honks... ;)
3.
Nicht ausspionierbar 13.06.2013
Er ist und bleibt ein Held. Kein Staat hat die Rechte verdient die sich die USA dort heraus genommen haben!
4.
petrapanther 13.06.2013
Wieso wird in den Medien jeder, der auch nur einen Funken Ahnung von Computern hat, als "Nerd" verunglimpft?
5. Tja...
micca221 13.06.2013
Es gibt halt noch echte Helden. Er war sich bewusst welche Konsequenzen sein Handeln haben würden. Und er hat es trotzdem getan.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Netzpolitik
RSS
alles zum Thema NSA-Programm Prism
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 199 Kommentare
  • Zur Startseite


E-Book-Tipp
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.