Drei Wochen auf Twitter Edward Snowden Superstar

Anfangs gab er sich als schüchterner Einsiedler, interessiert nur an der Aufdeckung von Massenüberwachung, persönlich unauffällig. Nun twittert der Whistleblower Edward Snowden seit drei Wochen - und ist bereits ein Social-Media-Star.

Edward Snowden (auf dem Cover von "Wired"): Fast 1,5 Millionen Follower
REUTERS/ Platon/ WIRED

Edward Snowden (auf dem Cover von "Wired"): Fast 1,5 Millionen Follower

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Wer Laura Poitras' oscarprämierten Dokumentarfilm "Citizenfour" gesehen hat, weiß: Edward Snowden hat das nicht gewollt. Jedenfalls nicht ursprünglich. Auf Ruhm war der damals 29-Jährige nicht aus, als er sich mit einer Menge geheimem Material aus den Beständen der NSA von Hawaii aus ins Ausland absetzte. Er wollte der Welt mitteilen, dass der US-Geheimdienst und seine Verbündeten ein globales System zur Massenüberwachung installiert haben, und dafür nach Möglichkeit nicht ins Gefängnis gehen. Interesse an seiner Person fand er sogar kontraproduktiv.

Das scheint sich grundlegend geändert zu haben. Anfangs trat Snowden selbst gar nicht in Erscheinung. Dann gab es gelegentliche Fototermine im Moskauer Exil, etwa mit deutschen Politikern. Dann Video-Gastauftritte bei diversen Konferenzen - zuletzt, erst vor wenigen Tagen, bei einer IT-Sicherheitsmesse in Nürnberg. Snowden sprach, meist vor Fachpublikum, bedächtig in Webcams, kritisierte Massenüberwachung und warb für starke Verschlüsselung für alle.

"Dude, du hast unsere Website kaputt gemacht"

Seit drei Wochen aber ist Snowden bei Twitter, und nun ist alles anders. Etwa 130 Tweets und Retweets hat der NSA-Whistleblower in dieser Zeit abgesetzt, über 20 allein in der vergangenen Nacht. Zum ersten Mal seit seiner Flucht aus den USA hat man das Gefühl, dass er sich selbst in den Vordergrund rückt.

Dass Snowden gern im Netz mit Menschen spricht, ist keine Überraschung: Vor seiner Zeit als weltberühmter Whistleblower war er schon einmal ein sehr umtriebiger Besucher von Internetforen. Jetzt aber hat er ein ganz anderes Publikum. Sein Twitter-Account hat derzeit knapp 1,5 Millionen Follower. Zum Vergleich: Dem Hauptaccount der "Washington Post" folgen fünf Millionen Twitterer, dem des "Guardian" vier.

Snowden ist jetzt eine internationale Social-Media-Größe, jemand, der Aufmerksamkeitsströme lenkt, Debatten anzetteln und Webserver mit einem einzigen Tweet in die Knie zwingen kann. Als er auf einen Artikel des US-Journalisten Barton Gellman hinwies, erklärte der kurz darauf, seinerseits via Twitter: "Dude, Du hast unsere Website kaputt gemacht. Wir arbeiten daran, den zusätzlichen Traffic zu bewältigen."

Der fragliche Text handelte von einem Thema, das Snowden naturgemäß am Herzen liegt: Gellman hatte an der Purdue University einen Vortrag über Überwachung gehalten, in dem er auch Auszüge aus den Snowden-Archiven zeigte. Die Universität wollte den Vortrag eigentlich aufzeichnen und das Video öffentlich zugänglich machen - dann aber erfuhr Gellman, dass man das Material gelöscht hatte, offenbar aus Sorge vor Repressalien durch US-Behörden. Das sei ein "trauriger Tag für die akademische Freiheit", hatte Snowden den Bericht kommentiert. Die Universität hat mittlerweile erklärt, man habe überreagiert.

Viele seiner Tweets betreffen sein Kernthema - die Überwachungsmaßnahmen der USA und ihrer Verbündeten. Snowden verschickt und kommentiert Links zu - teils vor vielen Monaten erschienenen - Texten bei "The Intercept", im "Guardian" oder der "Washington Post". Viele davon basieren auf von ihm selbst zur Verfügung gestelltem Material. Er wirbt für die Organisation Savecrypto, die sich für freien Zugang zu Verschlüsselungstechnologie einsetzt und warnt vor den Gefahren der Überwachung für Minderheiten. Ein pädagogischer Impetus ist unverkennbar: Allein in den vergangenen Tagen hat er Links zu Texten verschickt, die zusammengenommen mindestens 30 bis 40 Druckseiten Lesestoff ergeben.

Doch der Twitterer Snowden tritt ostentativ auch als Privatperson mit eigenem Humor und politischen Haltungen zu diversen Themen auf. Er verschickt erboste Tweets über das Bombardement einer Klinik im afghanischen Kunduz und gelegentlich Katzenbilder, er lobt den Österreicher Max Schrems dafür, dass er mit seiner Klage das Ende der sogenannten Safe-Harbor-Regelung zwischen Europa und US-Firmen herbeiführte und macht Witze über das FBI.

Er beteiligt sich an der Kampagne für einen in Iran inhaftieren "Washington Post"-Journalisten - und amüsiert sich darüber, dass Sicherheitsleute bei einer Konferenz in Los Angeles einen von der Satiregruppe Yes Men platzierten falschen Edward Snowden festhielten. Und er ironisiert den eigenen Twitter-Erfolg: "Sieht aus, als sei das Aufdecken von Massenüberwachung eine gangbare Social-Media-Strategie."

Einen besonderen Gefallen tat Snowden den Machern der hochgelobten Fernsehserie "Mr. Robot" über eine antikapitalistische Hackergruppe: Als deren offizieller Account ihn - ein Zitat aus der Serie - mit "Hello, Friend" ansprach, antwortete Snowden zehn Tage später seinerseits mit einem Zitat aus der Serie: "Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen" - ein abgewandeltes Einstein-Zitat. Snowden hatte sich schon zuvor als Fan der Serie geoutet.

Nahezu jeder seiner Tweets, sei es ein persönlicher Witz oder ein Link zu einem journalistischen Text, verwandelt sich in den Ankerpunkt einer Debatte unter anderen Twitter-Nutzern. Sie kommentieren Snowdens Tweets, sie beschimpfen ihn, sie erklären ihm ihre Liebe - und verlässlich klicken Tausende auf den Retweet-Button. Der Twitter-Account ist jetzt ein Ein-Mann-Publikationsprojekt, und zwar eines, an dem der eine Mann augenscheinlich eine Menge Spaß hat. Dass Öffentlichkeit für ihn auch eine Lebensversicherung sein kann, dürfte dabei allerdings auch eine Rolle spielen.

Snowdens Umgang mit der Öffentlichkeit hat sich in den vergangenen drei Wochen fundamental verändert - mit einer Ausnahme. Noch immer folgt Snowdens Account nur einem einzigen anderen bei Twitter: dem der NSA.

insgesamt 39 Beiträge
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Celegorm 13.10.2015
1.
Die antönende Kritik zwischen den Zeilen wirkt etwas seltsam, als würde sich Snowden wegen ein paar Tweets übermässig vermarkten oder gar völlig verkaufen. Dabei wirkt das bisher vielmehr sehr umsichtig. Gleichzeitig ist es wichtig und richtig, dass er seinen Status für politische Anliegen einsetzt, selbst als öffentliche Person wider Willen. Und: Letztlich gehört das wohl auch zu der Überlebensstrategie, denn nur Aufmerksamkeit hilft ihm, weiterhin eine Person des öffentlichen Interesses zu bleiben. Was wiederum ein gewisser Schutz davor darstellen dürfte, dass ihn die Russen fallen lassen oder er anderweitig "verschwindet"..
virginia 13.10.2015
2. der mann
langweilt sich. er ist seit mehr als 2 jahren aus dem 'geschaeft'.in der zwischenzeit haben die dienste laengst andere wege der spionage gefunden. wen kratzt es noch, seine kritzeleien zu lesen? naja, ein paar , die glauben, sie koennten die nsa, den bnd und die briten aendern....lachhaft.
go-west 13.10.2015
3. Ich hoffe und wünsche ihm,
daß er bald der Superstar sein wird vor einem amerikanischen Gericht.
der_franzose 13.10.2015
4. Armer Kerl
Er wird in den USA 100 Jahre Gefängnis bekommen.
kascnik 13.10.2015
5. Ihr Ernst?
Zitat von go-westdaß er bald der Superstar sein wird vor einem amerikanischen Gericht.
wollen Sie das eventuell argumentativ ausführen?
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