Snowden-Spekulation in Moskau: Phantom vom Flughafen
Edward Snowden soll sich seit Tagen im Transitbereich eines Moskauer Flughafens aufhalten. In den dortigen Restaurants und dem Hotel suchen Journalisten nach ihm - und finden ihn nicht. Verschwörungstheorien machen die Runde.
Wladimir Putin hat die Reporter noch einmal angestachelt. Ja, Edward Snowden ist in Moskau, hat Russlands Präsident am Dienstagabend am Rande eines Staatsbesuchs in Finnland bestätigt. Und ja, der NSA-Informant befinde sich noch immer im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo. "Ein freier Mensch", sagte Putin - und mobilisierte so noch einmal das Korps der Moskauer Journalisten, die seit Sonntag nach Snowden suchen. Die Kneipen und Fast-Food-Restaurants im Transitbereich haben die Reporter also noch einmal durchkämmt, die Wartehallen mit den Bänken, auf denen sich nachts gestrandete Passagiere austrecken und auch das kleine Kapselhotel "Luft-Express", in dem er eingecheckt haben soll.
In Scheremetjewo gebe es zudem eine "riesige Anzahl verschlossener Türen, das ist etwas, was man nicht beachtet, wenn man nicht gerade 17 Stunden damit verbringt, Mr. Snowden zu suchen", merkt die New York Times sarkastisch an.
Von Edward Snowden aber fehlt jede Spur. Einzig die Nachrichtenagentur Interfax zitiert eine mysteriöse Quelle "in der Umgebung Snowdens". Der NSA-Informant könne kein Flugticket kaufen, weil Washington seinen Pass annuliert habe.
"Gibt es diesen Snowden überhaupt?"
48 Stunden sind vergangenen, seit Aeroflot-Flug SU 213 aus Hongkong in Moskau am Sonntag gelandet ist. Kein einziger der Passagiere der Maschine, denen Journalisten noch im Flughafen Fotos des flüchtigen Amerikaners zeigten, wollte sich an ihn erinnern. Es gibt keine Fotos von Snowden in Russland, keine bekannten Aufnahmen von Überwachungskameras im Airport Scheremetjewo. Und dort gibt es viele Kameras.
"War Snowden überhaupt in Moskau?", fragt schon das Millionenblatt "Komsomolskaja prawda". Und die Leser gehen in den Kommentaren noch weiter: "Gibt es diesen Snowden überhaupt?" Verschwörungstheorien füllen das Informationsvakuum.
Den Spekulationen hat auch Putins Auftritt kein Ende gesetzt. Wenn Snowden wirklich frei ist, warum hält er sich dann so lange in einem Flughafenterminal auf? Es habe keine Kontakte zwischen Russlands Geheimdiensten und Snowden gegeben, hatte der Präsident gesagt. An soviel selbstlose Zurückhaltung mögen viele Beobachter in der russischen Hauptstadt nicht so recht glauben. Zumal der Duma-Abgeordnete Ilja Kostunow sich bereits dafür stark gemacht hatte, Russlands Aufklärung müsse prüfen, "ob Snowden Dokumente hat, die Einblicke in die Cyberspionage ermöglichen".
Ein merkwürdiger Zufluchtsort
Und wäre nicht die Versuchung groß für Russlands Dienste, die gerade erst einen CIA-Agenten medienwirksam haben auffliegen lassen, Snowden abzuschöpfen? Snowden in Moskau, das sei fast so, als springe einem hungrigen Braunbären ein Lachs direkt in die Pranken, so vergleicht das "Time-Magazine" die Situation.
Klar scheint nur, dass Snowden nach Russland gereist ist. Der Transitbereich des Moskauer Flughafens aber ist als Zufluchtsort eine merkwürdige Wahl. Die Dauer seines Aufenthalts könnte daraufhin deuten, dass er sein Schicksal - und seine Reiseroute - nicht mehr ausschließlich selbst bestimmen kann. Das ist natürlich nur Spekulation - wie so vieles im Fall Snowden:
- Womöglich hat Snowden wirklich Schwierigkeiten mit seinem annullierten Pass, der ihm eine einfache Weiterreise unmöglich macht. Der Whistleblower könnte dann gezwungen sein, in Russland Asyl zu beantragen. Der Kreml hatte diese Möglichkeit bereits vor Tagen ins Spiel gebracht. Im Gegenzug müsste Snowden wohl seine Geheimnisse mit den Russen teilen. Putin könnte einen beispiellosen Propagandaerfolg landen. Er hätte Washington und Amerikas mächtigen Geheimdiensten die Stirn geboten und sich als Beschützer eines Dissidenten profiliert. Snowdens Reputation in der westlichen Öffentlichkeit würde gleichwohl schweren Schaden nehmen, wenn er sich vom Kreml instrumentalisieren lässt. Dessen Geheimdienste sind schließlich selbst dafür bekannt, Oppositionelle und Bürgerrechtler zu bedrängen.
- Der Weiterflug verzögert sich, weil die Russen Snowden festgesetzt haben, um Details seines Datenschatzes in Erfahrung bringen wollen.
- Der Weiterflug verzögert sich, weil Moskau den offenen Konflikt mit Washington scheut. US-Außenminister John Kerry hatte am Dienstag gegenüber Moskau deutlich moderatere Töne angeschlagen. "Wir wollen keine Konfrontation", hatte Kerry gesagt. Es gehe um eine "normale Prozedur, um jemanden zu transferieren". Sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow hatte sich zuvor empört, Drohungen aus Amerika seien "unakzeptabel".
- Trotz der oft zur Schau getragenen diplomatischen Fehde zwischen Russland und Amerika: Beide Ländern kooperieren bei vielen Themen, sei es bei der Terrorbekämpfung oder Afghanistan. Präsident Putin hat zwar ausgeschlossen, dass Snowden an die USA überstellt wird. Es gebe kein Auslieferungsabkommen und damit keine rechtliche Grundlage. Das State Department sieht das anders, in den vergangenen Jahren seien immer wieder Straftäter aus den USA an Russland überstellt worden.
- Moskau könnte einen Austausch Snowdens gegen Wiktor But fordern, einen in den USA inhaftierten Waffenhändler.
Aus der Affäre hat der Kreml jedenfalls schon jetzt mehr Kapital geschlagen, als am Anfang der Enthüllungen zu erwarten war. Die Kreml-treuen Medien, die sonst wenig übrig haben für Dissidenten, sind plötzlich voll des Lobes für den 30-jährigen Amerikaner.
"Lauf, Snowden, lauf", titelt die Regierungszeitung "Rossiskaja Gaseta". Und die "Iswestija" schreibt triumphierend, im Kampf gegen Snowden und Assange "probieren die USA die schwarze Maske Darth Vaders an, und diese Maske hat die Eigenschaft, dass sie an der Haut festwächst".
So ist das Kalkül des Kreml im Fall Snowden: dass neben Amerikas Verfehlungen Russlands eigene Sünden verblassen.
Überwachung: Prism und Tempora
- Der IT-Experte Edward Snowden hat für den US-Geheimdienst NSA gearbeitet - nun macht er die Internetüberwachung öffentlich. Aus Dokumenten geht hervor, dass Google, Facebook und Co. mit der NSA kooperieren. Das Programm trägt den Namen Prism.
- Weitere Dokumente, die Snowden dem "Guardian" zur Verfügung stellte, enthüllten ein weit größeres Programm: Im Rahmen des Tempora-Projektes zweigt der britische Geheimdienst GCHQ offenbar von derzeit 200 Glasfaser-Seekabeln Internt-Traffic ab, speichert ihn zwischen und analysiert ihn.
- Snowden hatte sich nach Hongkong abgesetzt. Zunächst hieß es, er werde über Moskau nach Kuba und weiter nach Ecuador fliegen. Wo er sich derzeit aufhält, ist aber unklar.
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- Website des Luft-Express-Hotels
- Time Magazine: U.S. Whistle-Blower¿s Fate Is in Russian President¿s Hands
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- Christian Stöcker:

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