Snowden-Interview Wiedersehen mit Freundin war "unglaublich"

Er lebt von einem Stipendium und wieder mit seiner Freundin zusammen: In einem Videointerview erzählt Edward Snowden von seinem Alltag. Gerade feierte eine Dokumentation über den Whistleblower Premiere.

Von Eva C. Schweitzer, New York

Whistleblower Edward Snowden: Neuerdings auch Doku-Protagonist
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Whistleblower Edward Snowden: Neuerdings auch Doku-Protagonist


Eigentlich geht es Edward Snowden, dem bekanntesten Whistleblower der Welt, derzeit ganz gut. Er lebt weiter in Moskau, aber nicht mehr allein. Seine Freundin Lindsay Mills ist nun bei ihm, seit Juli.

Das ist eine der Neuigkeiten aus "Citizenfour", einer Dokumentation der Journalistin und Filmemacherin Laura Poitras, die nun Snowdens Geschichte erzählt: von den ersten E-Mails, die er mit Poitras austauschte, über das erste Treffen in Moskau bis zu dem Punkt, an dem der US-Geheimdienst NSA, für den Snowden tätig war, weltweit am Pranger steht.

Der neue Film kommt erst am 24. Oktober in die Kinos, aber schon am Samstag konnten ein paar Hundert New Yorker Snowden selbst erleben: Er trat beim Festival des Magazins "New Yorker" auf, per Videoschalte, interviewt von Jane Mayer. Mayer, sonst eine hartgesottene investigative Journalistin, war sichtlich gerührt von dem schmalgesichtigen, ernsthaften jungen Mann. "Er lebt in einer Dämmerzone", stellte sie ihn vor. "Wenn die USA ihn fangen, verbringt er wohl den Rest seines Lebens in Einzelhaft."

Videoschalte auf einem Festival

Ob Snowden ein Held ist oder ein Verräter, ist in den USA umstritten, doch der Whistleblower fasziniert: Die Veranstaltung war binnen Minuten ausverkauft. Vor Ort war es totenstill, als Snowden zu reden anfing - abgesehen vom Techniker, der leise über die Sekunden dauernde Zeitverzögerung fluchte.

Warum hat sich Snowden nicht der US-Gerichtsbarkeit gestellt, so wie damals Daniel Ellsberg, der die Pentagon-Papiere an die "New York Times" gab? "Die Gesetze haben sich geändert", sagt er. "Ellsberg durfte frei herumlaufen und mit der Presse reden, das geht heute nicht mehr. Ich hätte kein politisches Statement machen dürfen."

Geraten haben ihm dies allerdings seine Anwälte. "Wir haben gesehen, wie mit Chelsea Manning umgegangen wurde" - die Soldatin, die ein Video von einem Angriff der U.S. Army auf Zivilisten weitergab - "und mit Thomas Drake". Drake war Mitarbeiter der NSA, er hat vor "Trailblazer" gewarnt, einer gigantischen, überteuerten Schleppnetzfahndung. 2010 wurde er wegen Geheimnisverrats vor Gericht gestellt, aber nach öffentlichem Druck durch Presse und Fernsehen nur zur Bewährung verurteilt. "Bei Drake hat das Gericht sogar Lärmmaschinen angestellt, damit die Presse nicht hören konnte, was er sagte", so Snowden.

"Das ist politische Strategie"

Warum Snowden in Moskau gelandet ist? "Eigentlich wollte ich nach Südamerika", sagt er. Das ging aber nicht, weil das State Department seinen Pass für ungültig erklärt hatte. "Dabei wäre es für die einfacher gewesen, mich in Südamerika zu fangen, da hat die CIA überall die Finger drin." Freunde aus der "Civil Rights Community" hätten ihm dann gesagt, das sei Absicht. "Mich in Moskau zu halten, ist politische Strategie, um mich zu diskreditieren."

Dann für Amerikaner die wichtigste Frage: Hat Snowden die USA gefährdet, indem er Geheimnisse veröffentlicht hat? "Ich habe gar nichts veröffentlicht", sagt er. "Ich habe Material an Journalisten gegeben, und die haben vor dem Druck alles mit der Regierung abgesprochen. Das ist deren Sache, das zu entscheiden." Übrigens sei es Unsinn, wenn es heiße, Überwachung sei nötig, um etwa Kinderpornografie zu verhindern. "Die NSA kann jede Verschlüsselung öffnen, die müssen nur Apple oder AT&T fragen", sagt Snowden.

"Die Hintertür ist nun geschlossen"

Zum Schluss gibt er sich noch optimistisch. "Silicon Valley hat nun die Hintertür geschlossen", sagt er. So wie die Physiker nach dem Abwurf der Atombombe ihr Gewissen entdeckt hätten, entdeckten jetzt die Programmierer das ihrige. Dann rät Snowden noch, Dienste mit starker Verschlüsselung zu nutzen, kein Dropbox. Da gebe es bessere Alternativen.

Nun will Mayer noch wissen: Wovon lebt Snowden eigentlich? Was vermisst er aus Amerika? Er lebt von einem Stipendium und er vermisst alles - seine Eltern, seine Freunde, sogar sein altes Auto, sagt Snowden. Das Wiedersehen mit seiner Freundin sei "unglaublich" gewesen, aber nicht stressfrei.

Und was sagt er zur Lage in Russland? "Dazu sage ich etwas, wenn ich fließend russisch kann." Als Mayer ihn entlässt, "einen Wodka zu trinken", meint er, immer noch ernst: "Ich trinke nicht." Applaus, dann ist die Stunde vorbei. New York und Edward Snowden sind wieder über 7000 Kilometer entfernt.

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geisterfahrerii 12.10.2014
1. Ein Trauerspiel
Ein Held wie Eduard Snowden muss sich in Russland verstecken, weil kein souveräner Staat den nötigen Ars... in der Hose hat, ihn zu beherbergen. Es ist einfach nur traurig wie tief unser Deutschland inzwischen gesunken ist. Unsere Kanzlerin ist nur ein Schoßhündchen des Präsidenten der USA.
charlybird 12.10.2014
2. Das ist also der böse Mensch,
der skrupellos seine brave Heimat verraten hat und dabei lediglich die kriminelle Vorgehensweise der eigenen Regierung aufgedeckt hat, die in keinem Verhältnis zu Effizienz, zumindest der bisher kommunizierten, steht. Er hat aber etwas ausgelöst, und deswegen ist die amerikanische Administration auch so sauer, man (die Verbündeten) traut Amerika nicht mehr, jedenfalls nicht hinter geschlossenen Türen, die abhörsicher sind. Und das mit recht. Verständlich , dass man da drüben verstimmt ist, aber die Einsicht, dass man vielleicht selbst falsch gehandelt hat, ist bei den Amis leider immer noch so weit entfernt, wie der Andromeda-Nebel. Denn, Amerika macht keine Fehler. Nie.
dr.dax 12.10.2014
3.
Von welcher Soldatin spricht die Medientante hier? Als es (Manning) den Verrat begangen hat, da hatte er seinen piepmatz immerhin noch ...
Danyr2d2 12.10.2014
4. Tapferer Mann!
und nächstes Jahr geht der Friedensnobelpreis an E. Snowden... Rechtzeitig vor der US-Präsidentenwahl !! ;-)))))
Annabel 12.10.2014
5.
Er lebt von einem Stipendium? Wer's glaubt...
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