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WikiLeaks: Snowden-Begleiterin Harrison will in Deutschland bleiben

Sarah Harrison hat Julian Assange in seinem britischen Hausarrest begleitet, die letzten Monate verbrachte sie mit NSA-Whistleblower Edward Snowden in Moskau. Nun ist die Britin in Deutschland - und wird vorerst bleiben. Von einer Rückkehr in ihre Heimat raten ihre Anwälte ab.

Sarah Harrison: Die Betreuerin der Whistleblower Fotos
AFP/ Human Rights Watch

Berlin - Die junge Britin, die am Samstag mittag in Berlin-Schönefeld landete, unterschied sich auf den ersten Blick nicht von ihren vielen Landsleuten, die für ein Party-Wochenende nach Berlin kommen. Doch die 31-Jährige kam nicht von der Insel, sondern mit einer Aeroflot-Maschine direkt aus Moskau. Dort hatte Sarah Harrison die letzten Monate als ständige Begleiterin von Edward Snowden verbracht - sie agierte als seine Vertraute und wich nicht von seiner Seite.

Auf praktisch allen öffentlich verfügbaren aktuellen Fotos des NSA-Whistleblowers ist Harrison zu sehen. Zuletzt hatte sie in der vorigen Woche mit am Tisch gesessen, als der Grüne Hans-Christian Ströbele Edward Snowden in Moskau unter konspirativen Bedingungen treffen und sprechen konnte. Bei der Einreise nach Deutschland hatte Harrison keinerlei Probleme. Hiesige WikiLeaks-Unterstützer holten sie am Flughafen ab und brachten sie an einen unbekannten Ort.

"Es wäre für mich nicht sicher, nach Hause zurückzukehren"

Harrison wollte sich auf SPIEGEL-Anfrage nicht zu den Gründen ihrer Einreise nach Deutschland äußern. Sie habe sich entschieden, keine Interviews zur Situation von Edward Snowden und seinen Lebensumständen in Russland zu geben, um seine Sicherheit nicht zu gefährden. In einem via WikiLeaks verbreiteten Statement legt Harrison nahe, dass sie derzeit keine Weiterreise nach Großbritannien plant. Sie erwähnt darin ausdrücklich den Fall von David Miranda. Der Lebensgefährte des Journalisten Glenn Greenwald, Autor zahlreicher Enthüllungsgeschichten, die auf dem Material von Edward Snowden basieren, wurde im August auf dem Flughafen London Heathrow stundenlang festgehalten; seitdem wird auf Grundlage des Anti-Terror-Gesetzes gegen ihn ermittelt.

"Unsere Anwälte haben mich darüber in Kenntnis gesetzt, dass es für mich nicht sicher wäre, nach Hause zurückzukehren", schreibt Harrison. Mit weltbekannten Whistleblowern und ihren Lebensumständen kennt Sarah Harrison sich aus - sie ist seit Jahren eine der engsten Mitarbeiterinnen von Julian Assange. Nach ihrem internationalen Abitur an der traditionsreichen Sevenoaks-Privatschule in Kent hatte Harrison zunächst ein Studium der englischen Literatur an der Queen Mary Universität in London absolviert. Als sie sich entschloss, Journalistin zu werden, heuerte sie beim "Zentrum für investigativen Journalismus" der City University als Mitarbeiterin an. Das wird von Gavin McFadyen geleitet, einem Veteranen des TV-Nachrichtenjournalismus mit mehr als 40 Jahren Berufserfahrung. McFadyen und seine Einrichtungen an der City University wurden im Sommer 2010, als WikiLeaks für die Veröffentlichung der Kriegstagebücher aus Afghanistan und Irak sein temporäres Hauptquartier in London einrichtete, schnell zu einer zentralen Anlaufstelle für die Organisation.

Sie begleitete Julian Assange rund um die Uhr

Bei den Vorbereitungen zu diesen Veröffentlichungen, an denen auch der SPIEGEL beteiligt war, lernte Harrison Assange kennen - und übernahm schnell immer mehr Aufgaben für ihn und WikiLeaks. Sie begleitete ihn im juristischen Kampf gegen die Auslieferungsbegehren Schwedens, bereitete WikiLeaks-Veröffentlichungen vor und verhandelte mit internationalen Medienpartnern der Organisation. Harrison hat sich komplett dem Einsatz für WikiLeaks und dessen Gründer verschrieben, anders als viele andere Mitarbeiter der Organisation begleitete sie Julian Assange nicht nur zeitweilig, sondern rund um die Uhr.

Die beiden verbrachten Weihnachten 2011 in Ellingham Hall, dem Landsitz eines Unterstützers, wo Assange viele Monate mit einer Fußfessel wohnte, bevor er in die ecuadorianische Botschaft floh, sie organisierte seinen 40. Geburtstag mit. Laut Medienberichten hatten die beiden zumindest zeitweise auch mehr als eine Arbeitsbeziehung.

"Komplett unkorrumpierbar"

Seit Assange in der Ecuadorianischen Botschaft in London Zuflucht suchte, agierte sie auch zunehmend öffentlich für die Organisation: So stellte sie Sommer 2012 auf einer Pressekonferenz in London die Veröffentlichung der "Syria Files" vor. Ihre Rolle im Fall des NSA-Whistleblowers Edward Snowden bringt Harrison nun endgültig selbst international ins Rampenlicht - und, so befürchten viele Unterstützer, möglicherweise auch ins Visier der Behörden.

Als Edward Snowden sich entschied, seinen ersten Zufluchtsort Hongkong zu verlassen, nachdem er sich in einem Video-Interview als NSA-Informant geoutet hatte, war es Harrison, die zu ihm reiste - sie hätte für die Reise nach Hongkong bei Bedarf eine plausible Erklärung gehabt, enge Verwandte leben dort. Sie habe schon in Hongkong verschiedene Asyloptionen für Snowden mitverhandelt und seine sichere Ausreise organisiert, schreibt Harrison nun in ihrer Erklärung.

Tatsächlich hatte sie ecuadorianische Reiseunterlagen für Snowden im Gepäck. Gemeinsam mit Snowden machte sie sich auch auf die Reise nach Lateinamerika, die jedoch beim Zwischenstopp in Moskau am 23. Juni unterbrochen wurde. Die folgenden 39 Tage verbrachte sie mit Snowden in der Transitzone des Moskauer Flughafens. Julian Assange ist Harrison für diesen Einsatz sehr dankbar, denn sie hat seine Organisation zurück ins Spiel gebracht. Harrison sei nicht nur mutig, sondern "völlig unkorrumpierbar", sagte Assange dem SPIEGEL, als Harrison im Juni bei Snowden eintraf.

Warum sie den Whistleblower jetzt zurücklässt und sie ausgerechnet in Deutschland Zuflucht sucht, das geht aus Harrisons Erklärung nur indirekt hervor. Snowden habe sich mittlerweile in Moskau eingerichtet und sei bis zum Ablauf seines Visums in neun Monaten sicher und geschützt, so Harrison, und es gebe "viel Arbeit zu erledigen". Offenbar hat sie entschieden, das - zumindest vorerst - von Deutschland aus zu tun.

host/rom

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