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17. August 2010, 16:46 Uhr

Einsprüche gegen Street View

Wie Sie Googles Auge blenden

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Die Widerspruchsfrist hat begonnen: Ab diesem Dienstag können Bürger von Google verlangen, dass ihr Zuhause im Straßenfotoatlas Street View verpixelt wird. SPIEGEL ONLINE erklärt, wie's geht.

An diesem Dienstag ist die Maschinerie angelaufen: Wie angekündigt hat der Internetkonzern Google eine Web-Seite online gestellt, auf der Bürger Widerspruch gegen die Veröffentlichung von Fotos ihrer Häuser und Wohnungen im Street-View-Dienst erheben können. Zwar war die Site per Internetbrowser zeitweise nicht erreichbar, doch das dürften nur Anfangsprobleme gewesen sein. Eigentümer und Mieter sollen jetzt schnell und einfach dafür sorgen können, dass ihr Zuhause in Googles Straßenfotoatlas verpixelt wird.

Über das Verfahren hatte es im Vorfeld bereits heftige Diskussionen gegeben. Politiker und Datenschützer fühlten sich übergangen, weil sie von dem US-Unternehmen nicht in die Planung und Gestaltung des Widerspruchsverfahrens eingebunden worden waren. Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar beispielsweise wurde erst kurz vor der Presse von Google über den geplanten Starttermin und die Funktionsweise des Widerspruchsverfahrens informiert. Er kritisierte die Eile, mit der Google plötzlich vorgehe, und meldete Zweifel an, dass "Google an einer einfachen und bürgerfreundlichen Umsetzung der Widersprüche interessiert ist". Google bestätigte im Rahmen einer Telefonkonferenz zur Einführung von Street View in Deutschland, Caspar erst kurz vor der Presse über das Widerspruchsverfahren informiert zu haben. Eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE, ob auch Verbraucherschutz- und Justizministerium erst so spät informiert wurden, beantwortete Google am Dienstag nicht.

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner und Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger erklärten, sie seien von der Nachricht im Urlaub überrascht worden. Entsprechend knapp fielen ihre Reaktionen aus. Während Aigner die gebotenen Widerspruchsmöglichkeiten zunächst noch als begrüßenswert bewertete, änderte sie ihren Standpunkt, nachdem sie das Verfahren genauer ergründet hatte. Das Widerspruchsverfahren müsse transparenter werden, die Einspruchsfrist verlängert werden, verlangte sie. Zudem kritisierte sie Googles Timing. Mit der Ankündigung sei Google "mitten in die Sommerferien mehrerer Bundesländer geplatzt" und habe damit "viele Bürgerinnen und Bürger überrumpelt".

Das Kanzlerinnenhaus darf jeder sehen

Sollte der Konzern wirklich diese Hoffnung gehegt haben, erfüllte sie sich nicht. Stattdessen stürzten sich Politiker aller Parteien auf das Thema, so wie FDP-Chef Guido Westerwelle, der sein Haus in Street View verpixeln lassen will. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bewahrte Ruhe und erklärte, sie werde ihr Haus nicht verpixeln lassen. Es sei ohnehin schon vielfach abgelichtet worden. Mit dieser Gelassenheit hebt sich die Kanzlerin von einer Vielzahl ihrer Politikerkollegen ab, die sich mit Ich-lasse-mein-Haus-aus-Google-löschen-Parolen in den Vordergrund zu reden versuchen - was vielfach auch gelingt.

Was bei all dem Geschrei um die neuen Straßenfotos gerne vergessen wird: Deutschland ist längst digital per Internet durchschaubar, ohne dass sich jemand groß daran stört. Google Maps, Google Earth und Bing Maps liefern schon lange detaillierte Satellitenfotos des ganzen Landes, auf denen sich Details wie etwa ein Pool im Garten mühelos aus der Vogelperspektive erkennen lassen. Microsofts Bing geht sogar noch einen Schritt weiter und bietet neben den Draufsichten auch schräg fotografierte Luftbilder an, auf denen Nutzer nicht nur Dächer, sondern auch Fassaden der Gebäude erkennen können. Wer Haus und Garten mit einer hohen Hecke vor fremden Blicken zu schützen versucht und nun auch Googles Street View keinen Einblick gewähren will, kommt also sowieso schon zu spät.

Häuserfotos im Web? Nichts Neues!

In Großbritannien etwa amüsierten sich Jugendliche schon im Jahr 2008 mit Hilfe von Google Earth auf Kosten Fremder. Über das Google-Angebot suchten sie geeignete Plätze für nächtliche Poolpartys in den Gärten urlaubender Nachbarn. Ein amerikanischer Poolputzer wiederum erkannte schon ein Jahr zuvor die Möglichkeiten des Satellitenbilderdienstes und suchte auf den Online-Karten neue Kunden, die er dann gezielt ansprach.

Trotzdem: Die Bildqualität der Street-View-Fotos ist um einiges besser, lässt viel mehr Details erkennen als Satelliten- oder Flieger-Fotos. Die Debatte weckt offenbar bei manchen die Furcht, Fremde könnten ihnen damit sozusagen ins Wohnzimmer schauen - wobei vergessen wird, dass Googles Fotos oft schon Jahre alt sind, also ein Abbild der Vergangenheit darstellen. Mit Echtzeitdarstellungen, wie man sie von Webcams kennt, hat Street View nichts zu tun. Wer meint, sein Haus oder seine Wohnung dennoch bei Street View verpixeln lassen zu müssen, kann dies auf verschiedenen Wegen beantragen.

Per Post, per E-Mail, per Web-Seite - SPIEGEL ONLINE erklärt, wie Sie bei Google die Verpixelung ihres Heims verlangen können:

Die Widerspruchsmöglichkeiten im Überblick

Per Post

Bereits seit April 2009 kann man einen Antrag auf Unkenntlichmachung eines Hauses per Post an die Adresse von Googles Niederlassung in Deutschland schicken. Die lautet:

Google Germany GmbH
Betr. Street View
ABC-Straße 19
20354 Hamburg

Der Antrag sollte neben der genauen Adresse des Hauses auch den Namen des Mieters oder Eigentümers sowie eine grobe Beschreibung der Hausfassade (Farbe, Material, Dachform) enthalten.

Per E-Mail

Man kann den Antrag seit April 2009 auch per E-Mail an die Adresse streetview-deutschland@google.com schicken. Besonders sinnvoll ist dieser Weg aber nicht, da man als Antwort lediglich die Aufforderung erhält, die am Dienstag ins Netz gestellten Online-Formulare zu verwenden.

Per Online-Formular

Auf der Webseite www.google.com/streetview kann man einen Online-Antrag ausfüllen. Dabei sind die Anschrift zu nennen, das Haus auf einer Google-Maps-Karte zu markieren und ergänzende Angaben zu machen. Google sendet daraufhin einen Bestätigungscode an die angegebene Adresse, den man wiederum online eingeben muss, um seine Identität zu verifizieren.

Dieses Tool lädt allerdings geradezu zu Missbrauch ein. Nicht nur, weil man damit natürlich beliebig viele Anträge auch für Fremde stellen kann. Sondern auch, weil Google ausdrücklich nicht nur die Adresse des jeweiligen Gebäudes für die Zusendung des Codes akzeptiert. Man kann den Code auch an eine andere Adresse senden lassen. Scherzbolde könnten Google auf diese Weise zu einem dramatischen Anstieg der Portokosten verhelfen. Dass sich das allerdings spürbar auf den Jahresgewinn des Konzerns auswirkt, ist zu bezweifeln.

Zum Start war die Seite am Dienstag zeitweise nicht zu erreichen.

Per Google Street View

Ja, so absurd das klingen mag, auch das geht. Wer sich unsicher ist, dem rät Google, die Einführung des neuen Dienstes abzuwarten und sich dann anzuschauen, wie das eigene Haus dort aussieht. Wer dann sein Haus unkenntlich machen will, kann direkt in Street View über den Link "Ein Problem melden" eine entsprechende Nachricht an Google schicken.

Diese Fristen hat Google festgelegt

Bereits seit April 2009 nimmt Google Widersprüche per Mail oder Post entgegen. Einwohnern der 20 Städte, die Google zuerst via Street View ins Netz stellt, hat das Unternehmen ein Frist bis zum 15. September 2010, 23:59 Uhr, gesetzt. Alle Widersprüche, die bis zu diesem Zeitpunkt bei Google eingegangen sind, werden bearbeitet, bevor Street View Deutschland online geht.

Widersprüche, die nach dieser Frist eingehen, werden erst nach der Einführung von Street View in das Angebot eingearbeitet. Häuser, die auf diese Weise nachgemeldet werden, sind also vorerst noch online zu sehen.

Das sind die 20 Städte, die zum Start in Street View Deutschland auftauchen:

Wer in einem hier nicht aufgeführten Ort lebt, kann ebenfalls Google Online-Widerspruchsverfahren nutzen, um sicherzustellen, dass sein Haus unkenntlich gemacht wird, sollte die jeweilige Ortschaft zu einem späteren Zeitpunkt in Street View eingebettet werden.

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