Von Matthias Kremp
An diesem Dienstag ist die Maschinerie angelaufen: Wie angekündigt hat der Internetkonzern Google eine Web-Seite online gestellt, auf der Bürger Widerspruch gegen die Veröffentlichung von Fotos ihrer Häuser und Wohnungen im Street-View-Dienst erheben können. Zwar war die Site per Internetbrowser zeitweise nicht erreichbar, doch das dürften nur Anfangsprobleme gewesen sein. Eigentümer und Mieter sollen jetzt schnell und einfach dafür sorgen können, dass ihr Zuhause in Googles Straßenfotoatlas verpixelt wird.
Über das Verfahren hatte es im Vorfeld bereits heftige Diskussionen gegeben. Politiker und Datenschützer fühlten sich übergangen, weil sie von dem US-Unternehmen nicht in die Planung und Gestaltung des Widerspruchsverfahrens eingebunden worden waren. Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar beispielsweise wurde erst kurz vor der Presse von Google über den geplanten Starttermin und die Funktionsweise des Widerspruchsverfahrens informiert. Er kritisierte die Eile, mit der Google plötzlich vorgehe, und meldete Zweifel an, dass "Google an einer einfachen und bürgerfreundlichen Umsetzung der Widersprüche interessiert ist". Google bestätigte im Rahmen einer Telefonkonferenz zur Einführung von Street View in Deutschland, Caspar erst kurz vor der Presse über das Widerspruchsverfahren informiert zu haben. Eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE, ob auch Verbraucherschutz- und Justizministerium erst so spät informiert wurden, beantwortete Google am Dienstag nicht.
Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner und Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger erklärten, sie seien von der Nachricht im Urlaub überrascht worden. Entsprechend knapp fielen ihre Reaktionen aus. Während Aigner die gebotenen Widerspruchsmöglichkeiten zunächst noch als begrüßenswert bewertete, änderte sie ihren Standpunkt, nachdem sie das Verfahren genauer ergründet hatte. Das Widerspruchsverfahren müsse transparenter werden, die Einspruchsfrist verlängert werden, verlangte sie. Zudem kritisierte sie Googles Timing. Mit der Ankündigung sei Google "mitten in die Sommerferien mehrerer Bundesländer geplatzt" und habe damit "viele Bürgerinnen und Bürger überrumpelt".
Das Kanzlerinnenhaus darf jeder sehen
Sollte der Konzern wirklich diese Hoffnung gehegt haben, erfüllte sie sich nicht. Stattdessen stürzten sich Politiker aller Parteien auf das Thema, so wie FDP-Chef Guido Westerwelle, der sein Haus in Street View verpixeln lassen will. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bewahrte Ruhe und erklärte, sie werde ihr Haus nicht verpixeln lassen. Es sei ohnehin schon vielfach abgelichtet worden. Mit dieser Gelassenheit hebt sich die Kanzlerin von einer Vielzahl ihrer Politikerkollegen ab, die sich mit Ich-lasse-mein-Haus-aus-Google-löschen-Parolen in den Vordergrund zu reden versuchen - was vielfach auch gelingt.
Was bei all dem Geschrei um die neuen Straßenfotos gerne vergessen wird: Deutschland ist längst digital per Internet durchschaubar, ohne dass sich jemand groß daran stört. Google Maps, Google Earth und Bing Maps liefern schon lange detaillierte Satellitenfotos des ganzen Landes, auf denen sich Details wie etwa ein Pool im Garten mühelos aus der Vogelperspektive erkennen lassen. Microsofts Bing geht sogar noch einen Schritt weiter und bietet neben den Draufsichten auch schräg fotografierte Luftbilder an, auf denen Nutzer nicht nur Dächer, sondern auch Fassaden der Gebäude erkennen können. Wer Haus und Garten mit einer hohen Hecke vor fremden Blicken zu schützen versucht und nun auch Googles Street View keinen Einblick gewähren will, kommt also sowieso schon zu spät.
Häuserfotos im Web? Nichts Neues!
In Großbritannien etwa amüsierten sich Jugendliche schon im Jahr 2008 mit Hilfe von Google Earth auf Kosten Fremder. Über das Google-Angebot suchten sie geeignete Plätze für nächtliche Poolpartys in den Gärten urlaubender Nachbarn. Ein amerikanischer Poolputzer wiederum erkannte schon ein Jahr zuvor die Möglichkeiten des Satellitenbilderdienstes und suchte auf den Online-Karten neue Kunden, die er dann gezielt ansprach.
Trotzdem: Die Bildqualität der Street-View-Fotos ist um einiges besser, lässt viel mehr Details erkennen als Satelliten- oder Flieger-Fotos. Die Debatte weckt offenbar bei manchen die Furcht, Fremde könnten ihnen damit sozusagen ins Wohnzimmer schauen - wobei vergessen wird, dass Googles Fotos oft schon Jahre alt sind, also ein Abbild der Vergangenheit darstellen. Mit Echtzeitdarstellungen, wie man sie von Webcams kennt, hat Street View nichts zu tun. Wer meint, sein Haus oder seine Wohnung dennoch bei Street View verpixeln lassen zu müssen, kann dies auf verschiedenen Wegen beantragen.
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