Familie Schmidt in Nordkorea: Alles sehr merkwürdig

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Google-Manager: Mr. Schmidt goes to Pjöngjang Fotos
AP

Keine Teppiche, überraschend hohe Häuser, immerhin anständiges Essen - klingt nach Reisebericht. Doch der Plauderton, in dem die Tochter von Google-Manager Schmidt über ihren Besuch in Nordkorea schreibt, irritiert. Wie wichtig ist ein hartes Bett in einem Land, in dem Folter und Hunger Alltag sind?

Wie ist es so in Nordkorea, wenn man dort nur zu Besuch ist? In einem Land, in dem das Elend alltäglich ist? Mit einem Diktator, den die internationale Gemeinschaft meidet? Vor allem "bizarr", meint Sophie Schmidt, Tochter des Google-Managers Eric Schmidt, der dem Land kürzlich einen umstrittenen Besuch abstattete. Mitsamt der 19-jährigen Sophie, die nun auf einer Google-Site ihre Eindrücke von der Reise beschreibt. Es liest sich wie das Tagebuch einer höheren Tochter aus gutem Hause, die über ihren Urlaub plaudert - flankiert von Fotos und Cartoons. Eine bizarr bunte Collage über die Reise in ein düsteres Land.

"Fahrt nach Nordkorea, wenn ihr könnt", schreibt sie im Reiseführertonfall. "Es ist sehr, sehr merkwürdig", allerdings im Januar auch "sehr, sehr kalt". Das ist nicht einmal im übertragenen Sinne gemeint: Jedes Gebäude, das sie besichtigt hätten, sei unbeheizt gewesen, man habe gefroren. Es sei "sehr ungewöhnlich", als Ehrengast "unter solchen Bedingungen" empfangen zu werden: "Sie zeigen dir stolz ihre neueste Technologie oder die beste Bibliothek, und du kannst deinen Atem sehen."

Harte Betten, anständiges Essen

Doch die junge Frau wundert sich nicht nur öffentlich über die Temperaturen, sondern so ziemlich über alles: "Es ist wie die Truman-Show", schreibt sie. Und sonderbar liest sich auch ihr Bericht: Die Hotelbetten seien hart gewesen, die Einrichtung etwas gewöhnungsbedürftig, Läufer auf dem Boden habe es auch keine gegeben. Dafür aber anständiges Essen.

Die besonderen Umstände ihres Besuchs sind Sophie Schmidt offenbar bewusst. Sie schreibt, ihre Reisegruppe habe mit keinem einzigen Nordkoreaner gesprochen, der nicht vom Staat abgesegnet worden wäre. Man habe sich stets mit zwei Aufpassern durchs Land bewegt. So weit sie das verstanden habe, seien die Menschen dort gelehrt worden zu glauben, sich glücklich zu schätzen, in Nordkorea zu leben - "warum also sollten sie jemals gehen wollen? Sie sind Geiseln in ihrem eigenen Land, ohne ein richtiges Bewusstsein dafür."

Diese Zeilen kann man so lesen, dass Sophie Schmidt weiß, wie die herrschende Elite in Nordkorea herrscht - mit Gewalt, Abschottung und Propaganda. Mehr über die Geiseln im eigenen Land schreibt Sophie Schmidt nicht. Stattdessen: "Pjöngjang ist auf eine seltsame Art charmant." Breite Boulevards gebe es da und "höhere Gebäude, als man erwarte". Auch wenn nicht alle Elektrizität hätten, wirkten sie doch bei Tageslicht schön bunt. Sehr sauber sei es, und man treffe in der Stadt auf stylische Frauen mit hochhackigen Stiefeln und Make-up. Wenn zu einer anderen Jahreszeit erst einmal alles blühe, sei es bestimmt hübsch dort.

"Bizarrer wird es wohl nicht", schreibt die Teenagerin

Als Sophie Schmidt eine Verkehrspolizistin auf der Straße sieht, frage sich die Schmidt-Tochter ernsthaft: "Wie erklärt man jemandem, dass sie eine YouTube-Sensation ist, wenn sie noch nie vom Internet gehört hat?"

Mancher Leser wird sich womöglich fragen, wie Eric Schmidt seiner Tochter erlauben konnte, dieses Geschwätz ins Netz zu stellen. Andererseits tut der Bericht an keiner Stelle so, als berichte hier eine Diplomatin, sondern eben ein Teenager. Sie sei eine Nordkorea-Anfängerin und könne eben nur mitteilen, wie ein Besuch im Land als Mitglied einer bewachten Delegation sei, "nur ein paar informelle Beobachtungen". Und so ist der Bericht auch betitelt: "Sophie in Nordkorea" heißt die Seite, dazu die Überschrift "Bizarrer wird es wohl nicht".

Eric Schmidt bestätigte gegenüber der US-Nachrichtenseite Quartz, dass tatsächlich seine Tochter Sophie diesen Reisebericht geschrieben hat. Der Google-Manager veröffentlichte am Sonntag selbst auf Google+ einen knappen Reisebericht. Er sei privat nach Nordkorea gereist, um über das "freie und offene Internet" zu sprechen. Schmidts Kurzbilanz der Reise: "Die Nordkoreaner kamen, hörten uns zu und stellten viele Fragen."

Schmidts wesentliche Erkenntnisse über die Lage in Nordkorea:

  • Es gibt ein 3G-Mobilfunknetz, das von einer ägyptischen Firma installiert wurde. Man kann über das Netz SMS versenden.
  • Datenverbindungen seien nicht möglich, also auch keine Internetnutzung.
  • Schmidt schreibt über die Technikvorführungen für seine Delegation: "Uns wurde Software und Technik demonstriert, die auf Open-Source-Programmen (vor allem Linux) basiert, und es war offensichtlich, dass das Militär, Politiker und Universitäten Internetzugang haben, nicht aber die Öffentlichkeit."

Folter, Unterernährung, Exekutionen

Die anderen Probleme in Nordkorea erwähnt Schmidt in seinem Beitrag nicht. Laut Unicef sind 15,5 Prozent der Kinder in Nordkorea unter- und 27,9 Prozent mangelernährt, die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang zu Leitungswasser. In Nordkorea sitzen Schätzungen zufolge um die 200.000 politische Gefangene in Internierungs- und Umerziehungslagern ein. Laut der US-Organisation Committee for Human Rights in North Korea sind bisher mehr als 400.000 Menschen in diesen Lagern umgekommen - verhungert oder ermordet. Überlebende berichten von Zwangsarbeit, Folter, öffentlichen Hinrichtungen, Unterernährung.

Ein wegen Schnapsbrennerei Inhaftierter, der später nach China fliehen konnte, berichtet von der Zwangsarbeit in einer Zementfabrik: Gearbeitet wurde von 7 bis 17 Uhr, manchmal auch bis 22 Uhr. Die Tagesration bestand aus 50 Gramm Mais und Kohlsuppe. Der Gefangene verlor in den ersten drei Monaten seiner Haft 31 Kilo Gewicht. In dieser Zeit wurden acht Gefangene hingerichtet, und als der Häftling über China floh, wog er 45 Kilo.

Der SPIEGEL berichtete 1995 über die Erinnerungen eines geflohenen Wachsoldaten eines dieser Lager: Seine Kollegen erzählen sich abends, wie sie bei Hinrichtungen die Augen der Todgeweihten um die Wette ausschießen, weiblichen Gefangenen die Brüste abschneiden und ihnen Schaufelstiele in den Unterleib rammen.

Von Folter und Exekutionen berichtet auch der ehemalige Gefangene Shin Dong-hyuk in einem 2012 erschienen Buch - er verbrachte die ersten 22 Jahre seines Lebens in einem Straflager. Bei Folterungen wurde ihm die Haut vom Rücken gebrannt, er musste die Hinrichtung seiner Mutter und seines Bruders mitansehen.

Und was tut Google-Manager Schmidt? Er fordert von der nordkoreanischen Regierung Internetfreiheit: "Sie müssen allen Menschen einen Internetzugang ermöglichen." Die Regierung müsse jetzt damit beginnen, wolle sie nicht "zurückgelassen" werden, so Schmidt.

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insgesamt 126 Beiträge
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1. Typisch
Nonvaio01 21.01.2013
ein Reisebericht einmal etwas anders als ueblich, und schon wird gemeckert weil dort nicht von Folter und abgemagerten Leuten gesprochen wird. ist doch einmal schoen etwas von NK lesen zu koennen was nicht durch die auf Linie getrimmte Presse kommt. Das es dort Folter und Zensur gibt ist doch klar, das muss man nicht immer wieder schreiben.
2. Als Kapitalist...
amishunderground 21.01.2013
... darf man vor nichts zurückschrecken! Wen interessieren Folter wenn Bares lauert?
3. Malediven
Haliotis 21.01.2013
Nunja, es existieren Tausende schwärmerische Berichte über den traumhaften Malediven-Urlaub, mit Fotos kitschiger Sonnenuntergänge am Strand und tauchender Touristen in Manta-Begleitung. Wird da moniert, dass keiner der Besucher auch nur ein Wort über die dortigen politischen Verhältnisse verliert und über die drangsalierte Bevölkerung? Das Mädel ist jung, und sie berichtet eben aus Sicht einer Kurzzeit-Touristin, so what? Das Ernste überlassen wir dann eben den Journalisten.
4. Traurig
emkamika 21.01.2013
Mit einfachen Worten sehr, sehr traurig. Ich persönlich schätze dann doch Freiheiten, die wir in unserem Land haben.
5.
Obi-Wan-Kenobi 21.01.2013
Zitat von sysopUnd was tut Google-Manager Schmidt? Er fordert von der nordkoreanischen Regierung Internetfreiheit: "Sie müssen allen Menschen einen Internetzugang ermöglichen." Die Regierung müsse jetzt damit beginnen, wolle sie nicht "zurückgelassen" werden, so Schmidt. Eric Schmidt und Tochter Sophie über Nordkorea - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/eric-schmidt-und-tochter-sophie-ueber-nordkorea-a-878751.html)
Da werden sich Raketen-Kims Untertanen aber freuen. Hunger und Folter sind nur noch halb so schlimm, wenn man dafür Youtube hat. :-) Schmidt sollte eigentlich genügend Kohle haben, dass er sich ordentliche Berater, die ihn vor dem Schlimmsten bewahren, leisten kann.
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Fotostrecke
Reformversprechen in Nordkorea: Das unberechenbare Regime

Fläche: 122.762 km²

Bevölkerung: 24,346 Mio.

Hauptstadt: Pjöngjang

Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

Regierungschef: Pak Pong Ju

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon

Buchtipp

Karte
Nord- und Südkorea
Nordkorea und Kim Jong Il
REUTERS
Am 9. September 1948 rief der kommunistische Politiker Kim Il Sung im Norden die Demokratische Volksrepublik Korea aus. Sie entwickelte sich, zunächst in enger Anlehnung an die Sowjetunion, zu einer kommunistischen Volksrepublik. 1998 wurde dessen Sohn Kim Jong Il Regierungschef. Der ehemalige US-Präsident George W. Bush bezeichnete Nordkorea zusammen mit Iran und dem Irak als "Achse des Bösen" , die aufrüstet, um den Frieden der Welt zu bedrohen.
Die Teilung Koreas
Seit 1910 war Korea eine japanische Kolonie. Nach der Niederlage Japans 1945 rückten sowjetische Truppen im Norden und US-amerikanische Truppen im Süden des Landes vor und trafen sich am 38. Breitengrad. Die Vereinbarungen der Alliierten über die Bildung einer provisorischen Regierung und die Abhaltung freier Wahlen in ganz Korea konnten nicht verwirklicht werden, da sich die UdSSR widersetzte. Im September 1948 wurde in Nordkorea die Volksdemokratische Republik Korea ausgerufen; Südkorea (Republik Korea) gab sich im Juli 1948 eine Verfassung.
Korea-Krieg
AP
Am 25. Juni 1950 begann die militärische Auseinandersetzung zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) mit Unterstützung der Volksrepublik China und der Republik Korea (Südkorea), die von Uno-Truppen unter Führung der USA unterstützt wurde. Der Krieg endete mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens von Panmunjom am 27. Juli 1953, das die Teilung am 38. Breitengrad zementierte.
Südkorea
Am 15. August 1948 wurde die Republik Korea gegründet. Staatspräsident ist Lee Myung Bak , der im Dezember 2007 die Präsidentschaftswahlen gewann und seit Februar 2008 im Amt ist. In den vergangenen Jahrzehnten erlebte Südkorea dank seiner exportorientierten Wirtschaftspolitik und der großzügigen Unterstützung Japans und der USA einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung.
Militärische Stärke
Militär in Nord- und Südkorea
Nordkorea Südkorea
Truppenstärke insgesamt 1.106.000 687.000
darunter Heer 950.000 560.000
Marine 46.000 68.000
Luftwaffe 110.000 64.000
Reservisten 4.700.000 4.500.000
Kampfpanzer 3.500 2.750
Artilleriegeschütze 17.900 10.774
Boden-Boden-Raketen 64 12
einsatzbereite Kampfflugzeuge 620 490
darunter Jagdflugzeuge 388 467
Bomber 80 -
Kriegsschiffe 8 47
darunter Zerstörer - 10
Fregatten 3 9
Korvetten 5 28
taktische U-Boote 63 13
kleinere Küstenwachboote 329 76
(Quelle: International Institute for Strategic Studies (IISS, London)


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