Mordvideo aus Cleveland Müssen wir uns das anschauen?

In der Debatte um Gewaltvideos im Zeitalter sozialer Medien läuft einiges falsch. Die Frage, welche Gräuel veröffentlicht werden dürfen und welche nicht, können wir nicht einer Software überlassen.

Logo von Facebook Live Video
DPA

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Eine Kolumne von


Sie messen mit zweierlei Maß. Sie urteilen vorschnell und überemotional. Sie sind bigott. Es tut mir leid, Ihnen das mitteilen zu müssen, ergänzt nur um den mageren Trost, dass diese Beschreibungen auch auf mich selbst zutreffen. Aber es gibt kaum eine andere Deutung, und Facebook bringt es ans Licht.

Mit "Sie" meine ich hier Sie, die Öffentlichkeit, die sich in sozialen Medien regelmäßig empört (was nicht so schlecht ist wie oft behauptet), regelmäßig begeistert (was der Empörung überraschend ähnlich ist) und sich regelmäßig erschüttern lässt (was nicht anders geht, wenn man Reste eines Herzens in der Brust spürt).

Am 16. April postete ein Mann in Cleveland auf Facebook eine Video-Ankündigung, er werde jemanden töten. Dann postete er einen knapp einminütigen Clip der Tat. Dann streamte er sein Geständnis des Mordes live auf Facebook. Immer häufiger scheinen Verbrechen live gestreamt zu werden. Soziale Medien und Plattformen scheinen hier eine unrühmliche Rolle zu spielen, weil sie ohne redaktionelle Wertung für jede noch so monströse Aktion ein Publikum bereitstellen.

Der Mörder von Cleveland Steve Stephens
REUTERS

Der Mörder von Cleveland Steve Stephens

Zwei terroristische Taten haben den Weg bereitet für Live-Verbrechen. Zum einen der erste und größte Live-Anschlag der Welt: 9/11. Mit den Fernsehbildern des einschlagenden Flugzeugs und der zusammenstürzenden Twin Towers hat sich einer Generation die Wirkmacht der Liveübertragung in die kulturelle DNA eingebrannt.

Zum anderen der Mordanschlag in London Woolwhich von 2013. Damals richtete ein Islamist einen Soldaten mit einem Schlachtermesser hin. Das Attentat fand am Nachmittag in einer belebten Wohngegend statt, der Mörder kalkulierte mit ein, dass Smartphone-Aufnahmen entstehen würden. Er sprach mit bluttriefenden Händen eine absurd konstruierte, aber kaltblütig klare Botschaft des Terrors in die Kamera eines Zufallspassanten, die wenig später über soziale wie auch redaktionelle Medien weltweit verbreitet wurde. Terrorismus besteht aus Gewalt und PR.

Verschobene Maßstäbe

Deshalb hat sich Terror mit dem Wandel der Public Relations durch soziale Medien ebenfalls verändert. Und jetzt sickert diese Transformation des Terrorismus in die Welt der alltäglichen Verbrechen. Denn auch das Wesen des nicht-terroristischen Verbrechens kann eine Botschaft für das Publikum beinhalten, das ahnte man spätestens seit "Bonny und Clyde".

Der Mörder von Cleveland hat inzwischen Suizid begangen. In der Folge seiner Tat entspinnt sich eine Debatte, die unsere verschobenen Maßstäbe offenbart. Stellvertretend für uns alle hat Facebook-Chef Mark Zuckerberg die Bigotterie ausgesprochen. Auf einer Entwicklerkonferenz nahm er zu diesem Fall Stellung mit den Worten: "...wir werden alles tun, um zu verhindern, dass Tragödien wie diese geschehen."

Diese Worte folgen nicht der Realität, aber das ist weniger Zuckerbergs Schuld, denn sie folgen dem öffentlichen Druck. Weil vollkommen klar ist, dass Facebook Morde nicht verhindern kann, kann man unter "Tragödien wie diese" hier eben nicht den Mord selbst verstehen. Sondern die Veröffentlichung des Mordes. Es ist eine recht alte Diskussion, die in ihren Grundzügen bereits mit der Erfindung der Kriegsfotografie begann. Ab wann und in welchem Kontext ist es legitim oder gar zwingend, Gewalt abzubilden?

Neue Komplexitäten

Hier beginnen die neuen Komplexitäten: Unsere Bigotterie besteht daraus, dass uns Morde allenfalls als Statistik oder Symbole für Gefahr interessieren - bis wir sie unmittelbar vor Augen geführt bekommen. Aber gleichzeitig verdammen wir die Veröffentlichung wie jetzt im Fall des "Facebook-Killers", wie er von redaktionellen Boulevardmedien genannt wird.

Schon dieser Name schreibt Facebook eine Verantwortung an der Tat selbst zu, die deutlich übertrieben ist. Und Mark Zuckerberg zieht sich diesen Schuh mit seinem Statement an. Vielleicht, weil er ahnt, dass er mit anderen Deutungen kaum eine Chance hätte durchzudringen.

Im Schnitt finden laut FBI-Statistik von 2015 jeden Tag in den USA etwa 43 Morde statt, von denen nicht nur der deutschen, sondern auch der amerikanischen Öffentlichkeit die meisten egal sind. Das geht auch gar nicht anders, die Welt ist so groß, es geschieht so viel Unrecht, Gewalt, Schlimmes, dass man gezwungen ist, konzentrische Kreise der Relevanz um sich herum zu ziehen.

Zuckerberg bezog viel Prügel, als bekannt wurde, dass er vor mehr als sieben Jahren in einer Teambesprechung sagte: "Ein Eichhörnchen, das in deinem Vorgarten stirbt, kann für dich relevanter sein, als Menschen, die genau in diesem Moment in Afrika sterben." Faktisch hatte Zuckerberg Recht, unabhängig davon, ob es ihm - der damit viel Geld verdient -, zusteht, eine solche Analyse als Argument zu verwenden.

Ich selbst habe schon Tränen vergossen wegen eines am Straßenrand liegenden, überfahrenen Kätzchens. Ich habe keine Tränen vergossen über Hunderte von Nachrichten in den vergangenen Jahren, hinter denen sich unschuldige Ermordete verbargen. Auch deshalb, weil ich das Kätzchen sah, aber die Ermordeten nicht.

Monströse Mischung

Bigotterie plus Fortschritt kann eine monströse Mischung ergeben. Und es droht die Gefahr, dass wir in unserer Empörung und Erschütterung über das Phänomen "Live-Kriminalität via Social Media" solche Monstrositäten begünstigen. Darauf deuten Zuckerbergs weitere Worte hin, wie genau die Verhinderung "dieser Tragödien" geplant ist: Noch schneller, noch umfassender und mindestens teilautomatisiert. Natürlich.

Es ginge auch gar nicht anders als algorithmisch unterstützt, wenn man die schiere, unfassliche Größe von Facebook betrachtet. Aber es entsteht ein - laut Facebook mit "künstlicher Intelligenz" ausgerüsteter - Software-Filter mit größter Macht darüber, was ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt und was nicht. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ein Täter seine Tat filmt und damit angeben möchte oder ob ein Passant zum Beispiel einen Fall von Polizeigewalt filmt und das Video zu Aufklärungszwecken publiziert.

Aber oft sind die Dinge nicht so eindeutig, wie man es sich mithilfe einer solchen, teilautomatisierten Lösung einredet. Was ist mit Morden in Unrechtsstaaten? Der Gewalt auf Demonstrationen? Mit der Epidemie häuslicher Gewalt?

Ethische Bewertung

Es könnte sich sogar immer noch herausstellen, dass die Veröffentlichung des Videos des Cleveland-Mörders eine wichtige Funktion erfüllt. Wenn sich nämlich herausstellen würde, dass der Mann schwerste psychische Probleme hatte, immer wieder versuchte, Hilfe zu bekommen, an den Strukturen des Gesundheitssystems scheiterte und schließlich zum Mörder wurde.

Ein rein hypothetisches Gedankenspiel, aber es macht deutlich, dass es selten leicht ist zu entscheiden, ob die Veröffentlichung von Gewaltdarstellungen hinnehmbar oder sogar wichtig ist oder nicht. Und dass die Diskussion der Veröffentlichung und Verbreitung eine andere ist als die der Löschung danach.

Unsere eigene, aus Bigotterie und Fortschritt gekochte Monstrosität besteht darin, dass wir Facebook implizit die Aufgabe zusprechen, ein gesellschaftliches Problem nicht zu lösen, sondern dessen Veröffentlichung oder Verbreitung schon vorab zu verhindern. Und Facebook selbst ist nicht unschuldig, denn es verwechselt "Intelligenz" mit "Ethik". Aber die ethische Bewertung eines Gewalt-Videos kann nicht die Aufgabe einer noch so intelligenten Software sein, das entspricht der Überzeugung, dass ein Hammer bloß gut genug sein müsse, um endlich auf die Nägel verzichten zu können.

Fehlgeleitete Debatte

Ich behaupte nicht, dass ich für diese neue Problematik - Gewaltvideos im Zeitalter sozialer Medien - eine Lösung kenne. Aber ich sehe hier ein Problem, das völlig anders gelagert ist als die derzeitige Debatte. Die fehlgeht, weil wir der schmerzhaften Erkenntnis ausweichen wollen, dass wir mit Informationen über die Welt einen ziemlich bigotten Umgang pflegen.

Eine Bigotterie noch dazu mit intensivsten politischen Verstrickungen: Der US-Raketenschlag in Syrien soll laut Trumps Sohn zustande gekommen sein, weil "er tief bewegt war von diesen Bildern der [mit Giftgas ermordeten] Kinder". Dass Narzissten wie Trump letztlich leicht zu manipulieren sind, ist keine Neuigkeit, aber darin - nicht das Leiden, sondern die Abbildung des Leidens führen zur Aktion - spiegelt sich unsere eigene, bigotte Manipulierbarkeit. Das bedeutet nicht, dass es okay ist, bigott zu sein, sondern dass man sich dieser Limitierung bewusst sein und dagegen ständig ankämpfen muss.

Die amerikanische Intellektuelle Susan Sontag hat in ihrem Buch "Das Leiden anderer betrachten" (2003) den vorläufigen Stand der Debatte über Gräuelfotos in den Medien abgebildet und sich gleichzeitig einigermaßen deutlich positioniert: "Man kann es für eine Pflicht halten, Fotos zu betrachten, auf denen Grausamkeiten und Verbrechen festgehalten sind."

Jetzt ist es an der Zeit für eine neue Debatte anhand des neuen Instrumentariums der sozialen Medien: Livevideos, Sofort-Fotos, mediale Unmittelbarkeit inklusive Verbreitung. Nicht Facebook, sondern wir, die Zivilgesellschaft, müssen abwägen, ob und bei welchen Gräueln der Welt die Nichtveröffentlichung schädlicher ist als die Veröffentlichung.

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
flexier 19.04.2017
1. Hmmm!?
"Nicht Facebook, sondern wir, die Zivilgesellschaft, müssen abwägen, ob und bei welchen Gräueln der Welt die Nichtveröffentlichung schädlicher ist als die Veröffentlichung." Und wie genau soll dieser Entscheidungsprozess stattfinden? Und wer setzt die Entscheidung um?
TLB 19.04.2017
2.
Sozial – die Art und Weise betreffend, wie Menschen in einer Gesellschaft zusammenleben. Also sind soziale Medien nichts anderes als Spiegelbilder. Die Frage, welche Gräuel möchte ich mir ansehen, hätte Herr Lobo auch schon im Mittelalter stellen können. Taugt eine Hexenverbrennung als Hintergrundevent zum Met trinken? Passt zu einer Guillotonierung eher Wein oder Bier? Oder erzählen wir uns doch lieber Geschichten von Liebe und Sehnsucht? Und es gibt eine Vielzahl von Menschen, die die Abwesenheit von Nachrichten und Reizüberflutung als positiv empfinden. Insofern muss also weder eine Software, noch WIR etwas entscheiden, das darf jeder selbst.
wasistlosnix 19.04.2017
3. Freie Informationen
In Zeiten des Internet entscheidet die Person welche den Inhalt hochlädt ob dieser veröffentlicht wird oder nicht. Oldstyle waren es die Medienvertreter die bestimmten was veröffentlicht wird. Heute Veröffentlichung und dann Entscheidung ob gelöscht wird. Früher Entscheidung was veröffentlicht wird. Letztendlich entscheidet jeder einzelne was er den sehen möchte.
f-rust 19.04.2017
4. endlich
kann ich Hr. Lobo mal richtig zustimmen: die Problematik erfasst und vielschichtig erwogen und uns selbst zur Meinungsbildung vorgelegt (und dies ohne jegliche parteipolitische Färbung gegen "rechts", wie leider sonst so oft). Zur Grundsatzfrage noch ein Aspekt: da FB ca. 1/7 der Menschheit erreicht, sollen es da wirklich us-amerikanisch programmierte Algorythmen sein (bekanntlich sind blanke Busen quasi vom Teufel, bluttriefende Gewalt aber nicht - hab 12 Jahre dort gelebt), oder müsste es hier nicht einen kulturell-globaleren Ansatz geben? Wo? UN? ... ???
dr.schnabel 19.04.2017
5. Herr
Lobo übersieht etwas. Nämlich die in meinen Augen plausible Idee, dass die zu erwartenden 15 minutes of fame weltweit solche Taten überhaupt erst ermöglichen. Es also eine (wenn auch geringe) Anzahl von Tätern gibt, die ohne Möglichkeit weltweiten "Ruhms" nur ihren Hund verhauen oder noch zwei Flaschen Gin trinken würden. Fame bitches, Narzissten. Die sind ein neues Problem, vielleicht nicht zahlenmäßig gravierend, aber eben eine erkennbar neue Spezies. Und um die geht´s.
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