Internetkonzerne im Wahlkampf "Es gibt riesige ethische Fragen"

Kann Facebook verhindern, dass Donald Trump US-Präsident wird? Internetforscherin Kate Crawford warnt vor der Macht der Netzwerke und Suchmaschinen im Wahlkampf - und vor Manipulationen der Nutzer.

Kate Crawford
CC BY-SA 2.0 re:publica/Gregor Fischer

Kate Crawford

Ein Interview von


Die Wahlkampfberichterstattung ist um ein Thema reicher geworden: die Macht von Facebook. Immer wieder gab es zuletzt Berichte, die mit der Rolle des Konzerns in der politischen Debatte zu tun haben. Die Frage lautet: Könnte das größte und mächtigste Netzwerk beeinflussen, wer US-Präsident wird?

Vergangene Woche wurden Vorwürfe geäußert, wonach Facebook-Mitarbeiter konservative Artikel und Meinungen unterdrückt haben sollen. Nun ist es wie so oft mit Facebook: Es gibt Kritik, der Konzern dementiert und man weiß nicht genau, woran man ist. Zuletzt sollen Mitarbeiter - laut Berichten, die Facebook nicht bestätigt hat - Firmenchef Mark Zuckerberg gar gefragt haben, welche Verantwortung das Netzwerk habe, einen US-Präsidenten namens Trump zu verhindern.

Kate Crawford forscht seit Jahren zu Manipulationen bei Suchmaschinen und Netzwerken. Im Interview warnt sie vor der Macht, die Facebook und andere im Wahlkampf haben. Crawford spricht über die Horrorszenarien bei "House of Cards" und fordert engere Regeln für Internetgiganten - sie selbst forscht derzeit beim Thinktank von Microsoft.

SPIEGEL ONLINE: Frau Crawford, wie oft setzt uns Facebook etwas Manipuliertes vor?

Crawford: Jedes Mal, wenn wir uns bei einem sozialen Netzwerk oder bei einer Suchmaschine einloggen, kann es passieren, dass wir ohne unser Wissen Teilnehmer von bis zu hundert Experimenten sind. Viele davon sind kleine A/B-Tests, bei denen einer Gruppe etwa unterschiedliche Logos gezeigt werden. Aber es gibt auch größere, problematische Manipulationen.

SPIEGEL ONLINE: Besonders berüchtigt war Facebooks großes Psychoexperiment, in dem die Newsfeeds Hunderttausender Nutzer ohne deren Wissen manipuliert wurden.

Crawford: Bei diesem Experiment zur emotionalen Übertragung wurde aktiv versucht, die Gefühle der Nutzer zu manipulieren. Ich denke, die öffentlichen Reaktionen darauf haben auch bei Facebook dazu geführt, dass man das heute anders handhaben würde. Die Studie ist aber ein gutes Beispiel dafür, wie es nicht laufen sollte, dass wir Regeln benötigen, wie mit Daten für experimentelle Zwecke umgegangen wird.

SPIEGEL ONLINE: Welche Regeln denn?

Crawford: Wir müssen uns als Technologieunternehmen gemeinsam auf ethische Rahmenbedingungen einigen, die sicherstellen, dass etwa Nutzer ganz klar gefragt werden: Seid ihr einverstanden, dass eure Daten für soziale Experimente benutzt werden? Da könnte es einen eigenen Reiter in den Einstellungen geben, neben den Privatsphäre-Einstellungen meinetwegen die Experimente-Einstellungen. Eine junge Firma wie Facebook mag da noch nicht weit genug sein. Ihr Motto lautet "Move fast and break things" - wie gut passt das zu Ethikregeln? Gerade Facebook bräuchte aber strenge Regeln.

SPIEGEL ONLINE: Darüber, was Facebook mit seiner Macht anfängt, wird gerade viel diskutiert. Mitarbeiter haben bei Firmenchef Mark Zuckerberg offenbar schon nachgefragt, welche Verantwortung man habe, einen Präsidenten Trump zu verhindern. Was sagen Sie?

Crawford: Das müssen Sie Mark Zuckerberg fragen.

SPIEGEL ONLINE: Dann generell: Können wir in unseren Demokratien in eine Situation geraten, wo die mächtigen Tech-Firmen moralisch verpflichtet sind zu verhindern, dass ein erklärter Feind der Demokratie an die Macht kommt?

Crawford: Es gab ja einmal ein Experiment, das Facebook im Rahmen einer Wahl durchgeführt hat. Bei der US-Kongresswahl 2010 gab es ein kleines Symbol, das Nutzern angezeigt hat, welche ihrer Freunde schon wählen waren. Und dabei gab es am Ende einen signifikanten statistischen Unterschied: Diejenigen, die das Symbol mit Bildern der Freunde angezeigt bekamen, gingen auch selbst eher wählen. Was wäre, wenn man diese Macht in einem der swing states einsetzen würde…...

SPIEGEL ONLINE: …...also in einem jener umkämpften Bundesstaaten, die oft über das Gesamtergebnis der Präsidentschaftswahlen entscheiden.

Crawford: Man hätte eine außergewöhnliche Macht, man kann eine Wahl drehen. Denken Sie an Bush gegen Gore im Jahr 2000, da hing die gesamte Wahl an ein paar Tausend Stimmen in Florida.

SPIEGEL ONLINE: Und abhängig davon, was er unentschiedenen Wählern im Netz anzeigt, könnte ein Tech-Konzern den Ausgang zumindest mitbestimmen.

Crawford: Es gibt zumindest riesige ethische Fragen, die sich in Wahlkämpfen zeigen, schließlich hat Facebook dabei diese enorme Macht. Gibt es einfache Antworten für eine Firma wie Facebook? Nein. Wird dort über solche Fragen nachgedacht? Ja. Brauchen wir darüber eine öffentliche Debatte? Ganz sicher. Ich erwarte eine heftige Diskussion darüber, wie Wahlen mithilfe von Daten beeinflusst werden können.

SPIEGEL ONLINE: Hoffentlich noch rechtzeitig - eine Richtungswahl in den USA steht ja vor der Tür.

Crawford: Es tut sich bereits etwas. Die Reaktion auf die Empörung über Facebooks Gefühlsansteckungsexperiment war im Silicon Valley in etwa diese: Was bitte schön ist denn das Problem? Facebook hat der massiven Kritik aber zugehört, und nun gibt es auch dort so etwas wie eine Ethikkommission.

SPIEGEL ONLINE: Frau Crawford, haben Sie "House of Cards" gesehen?

Crawford: Na klar.

SPIEGEL ONLINE: In der letzten Staffel - Achtung, Spoiler - geht es auch um die Macht von Daten. Ein Präsidentschaftskandidat scheint eine Suchmaschine unter Kontrolle zu haben, es ist seine stärkste Waffe im Wahlkampf. Wie wahrscheinlich ist so etwas?

Crawford: Das ist nun wirklich sehr unwahrscheinlich. Über solche Horrorgeschichten wie bei "House of Cards" oder in Hollywood vergessen wir manchmal wichtigere Fragen. Es ist doch entscheidender, auf jene Systeme zu schauen, die wir Tag für Tag nutzen, und sicherzustellen, dass diese nicht absichtlich missbraucht werden.

SPIEGEL ONLINE: Das Benutzen einer Suchmaschine ist doch Alltag. Und im Wahlkampf tippt man dort auch regelmäßig die Namen von Politikern ein - und die Treffer prägen das Bild. Forscher haben kürzlich nachgewiesen, dass man mit der Veränderung von Suchergebnissen nicht festgelegte Wähler stark beeinflussen könne. Woher weiß ich, dass Google oder Bing (das wie Ihr Forschungszentrum Microsoft gehört) genau das nicht tut - einen Kandidaten in den Ergebnissen bevorzugen?

Crawford: Es ist entscheidend, dass es mehr als eine Option gibt. Momentan können Sie das Ergebnis bei Google mit jenem bei Bing oder bei DuckDuckGo vergleichen. Zugegeben: Das beantwortet nicht ganz Ihre Frage - aber es ist entscheidend, dass es eine Pluralität gibt.

SPIEGEL ONLINE: Doch die mächtigen Daten-Firmen, über die wir hier reden, haben oft Quasi-Monopole.

Crawford: Richtig, wir reden auch deshalb so viel über Facebook. Das Netzwerk hat so viele Nutzer und ist so tief in unserer Kommunikation verankert, dass es praktisch keine Alternative gibt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es für die Öffentlichkeit einen Weg zu erfahren, dass diese mächtigen Firmen ihren Algorithmus nicht manipulieren?

Crawford: Technisch ist das nicht möglich, fürchte ich. Es gibt nicht den einen Schalthebel, mit dem sie den Algorithmus kontrollieren können.

Zur Person
    Kate Crawford ist Internet-Forscherin und Publizistin. Derzeit arbeitet sie bei Microsoft Research, dem Thinktank des IT-Konzerns in New York. Sie ist Vizepräsidentin des Council for Big Data, Ethics and Society, der sich mit den gesellschaftlichen Folgen von datenbasierten Vorhersagen beschäftigt.

SPIEGEL ONLINE: Algorithmen ist so ein Schlagwort wie Big Data, ohne das kaum noch eine Politikerrede auskommt. Ganz konkret: Wer hat eigentlich die meiste Macht durch Big Data gewonnen?

Crawford: Das sind diejenigen, über die wir uns unterhalten: die großen Tech-Firmen, die die sozialen Netzwerke und die Dateninfrastruktur kontrollieren. Und natürlich die Geheimdienste.

SPIEGEL ONLINE: Die Tech-Firmen und die Geheimdienste sammeln, was gesammelt werden kann - und leiten daraus Vorhersagen ab.

Crawford: Genau deshalb brauchen wir Ethikregeln, wie wir Daten benutzen, wie wir sie speichern, welchen dritten Parteien wir Zugang dazu gewähren. Natürlich gibt es Gesetze, aber es passiert gerade viel in Bereichen, die gar nicht geregelt sind. Mit dem Datenschutz aus dem 20. Jahrhundert kommen wir da nicht weiter.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Crawford: Weil die abgeleiteten Vorhersagen neue Gefahren für Bürger darstellen. In den USA hat eine Personalvermittlung mit großen Datensätzen erhoben, dass neue Mitarbeiter umso länger in der Firma bleiben, je näher sie am Arbeitsort wohnen. In den USA wohnen aber vor allem Wohlhabende nah an den Zentren - die Firma merkte, dass sie durch diesen Marker sehr gute Vorhersagen treffen kann, aber dabei weniger Wohlhabende Bewerber diskriminiert. Sie hat den Marker aus der Gleichung wieder entfernt.

SPIEGEL ONLINE: Und sie glauben wirklich, die mächtigen Unternehmen werden sich selbst durch neue Ethikregeln beschränken?

Crawford: Ja, das müssen diejenigen tun, die damit Tag für Tag arbeiten. Wir kennen das doch aus der Vergangenheit: Wenn eine Profession große Macht erlangt, gibt sie sich nach einer Anfangsphase ohne viele Regeln einen Ethikcode. So war es doch im Journalismus, und so wird es auch bei den Datenwissenschaftlern kommen.

Zum Autor
Julia Kneuse
Fabian Reinbold ist Netzwelt-Redakteur im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Fabian_Reinbold@spiegel.de

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Seite 1
M.P.F.C. 19.05.2016
1. Ethisch? Soziale Networks? Mögliche Antworten:
ZERO – Sie wissen, was du tust von Marc Elsberg
ra-live 19.05.2016
2. Alles beeinflusst Wahlen
Ob ich nun meinem Nachbarn erzähle, wen ich wählen werde oder nicht, beeinflusst Wahlen bestimmt auch. Die sog. Macht der Internetkonzerne ist m.E. nur so groß, wie wir bereit sind, ihnen unser Hirn zu schenken.
Bätschellor 19.05.2016
3. Propagandamaschinen
Nur Murmeltiere können ernsthaft glauben, dass diese Unternehmen nur dazu da sind, dass man im Internet etwas "findet", sich über Nichtigkeiten "austauscht" oder neutral "informiert". Der einzige Zweck und Gründungsgedanke von diesem Schrott ist es die Leute zu manipulieren. Entweder für Werbung also ökonomische oder für politische Zwecke. In beiden Fällen wird den Leuten das Geld aus der Tasche gezogen. Direkt für Produkte. Indirekt durch eine weitere Verteilung des Geldes von unten nach oben und Industriespionage. Mit Hilfe dieser Globalen digital-Stasi geht das jetzt rund um den Globus und 24h. Niemand der Bestimmer wird sich einer Selbstbeschränkung unterziehen. Im Gegenteil, die Gesetze werden sogar noch weiter aufgeweicht.
Spiegelleserin57 19.05.2016
4. die Warnung kommt zu spät!
wir sind heute im Zeitalter des offenen Netzes angekommen und da wird jede Möglichkiet genutzt auch Wahlkämpfe zu betreiben. Das wissen alle, auch die Internetforscherin und besonders die Amerikaner von denen ja das Internet stammt. Also müssen alle mit den Folgen leben.
MultilinearMap 19.05.2016
5. Lächerlich
Wenn man sich mal anschaut wie die US Medien den Wahlkampf manipulieren, is das was Facebook&co machen ja harmlos.
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