Berlin Kontrolleure nehmen Facebooks Löschteam ins Visier

In Berlin löscht Dienstleister Arvato für Facebook Nutzerinhalte, laut Mitarbeitern unter unwürdigen Bedingungen. SPIEGEL-Informationen zufolge überprüfen jetzt Behörden den Betrieb - bereits mit ersten Folgen.

Facebook (Symbolbild)
DPA

Facebook (Symbolbild)


Facebooks deutschem Dienstleister für das Löschen von Nutzerbeiträgen droht Ärger mit den Behörden. Die Bertelsmann-Tochter Arvato war nach SPIEGEL-Informationen Ziel einer unangekündigten Betriebsprüfung (Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.)

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Heft 13/2017
Dramatische Zeiten in einer wundervollen Stadt

Zwei Mitarbeiter des Berliner Landesamts für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (LaGetSi) haben Ende Februar Mitarbeiter befragt und Unterlagen mitgenommen. Die Behörde prüft, ob Arvato sich ausreichend um die psychische Gesundheit seiner Mitarbeiter kümmert, die ständig belastenden Inhalten ausgesetzt sind, und ob die Firma sich an das Arbeitszeitrecht hält.

In Medienberichten hatten Mitarbeiter anonym geklagt, dass sie verstörende, von Nutzern gemeldete Facebook-Inhalte im Akkord abarbeiten müssten, ohne die nötige psychologische Betreuung zu erhalten. Was die Arbeitsabläufe angeht, hüllt Facebook sich in Schweigen. Dass es das Löschzentrum mit Hunderten Mitarbeitern gibt, wurde erst im Januar 2016 durch einen Bericht des SPIEGEL bekannt.

Politikern und Journalisten wurde der Besuch des Betriebs trotz zahlreicher Anfragen bislang verwehrt.

Psychologische Betreuung ausgebaut

Ausgelöst durch Berichte über die Arbeitsbedingungen (hier und hier) war die Arbeitsschutzbehörde LaGetSi zu einem ersten vereinbarten Termin bei Arvato gekommen. Zum zweiten erschienen die Prüfer nun unangemeldet. Ein Behördensprecher bestätigte die Kontrollbesuche und spricht von "offenen Punkten, die geklärt werden müssen."

Arvato und Facebook hatten die anonym erhobenen Vorwürfe zurückgewiesen. Mittlerweile haben sie allerdings reagiert und nach SPIEGEL-Informationen die psychologische Betreuung ausgebaut. Auf Anfrage heißt es von Arvato dazu lediglich, dass es "umfassende Gesundheitsfürsorge sowie Betreuungsangebote" für das Personal gebe, die "kontinuierlich weiterentwickelt" würden. So könne man etwa auch "außerhalb der Arbeitszeiten" psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Am Freitagabend erklärte der Leiter des LaGetSi, Robert Rath: "Bislang gibt es keinen Anlass für ordnungsbehördliches Handeln" gegen Arvato.

Mitarbeiter berichten, dass sie bei ihrer Arbeit regelmäßig mit Inhalten konfrontiert würden, die Gewaltszenen, Kinderpornografie oder Tierquälerei beinhalten.

Justizminister droht mit Bußgeldern

Die Abläufe in Facebooks Berliner Löschteam dürften bald unter verstärkter Beobachtung stehen, weil Justizminister Heiko Maas (SPD) sozialen Netzwerken auch Vorschriften für deren Beschwerdestellen machen will.

Laut seinem Gesetzentwurf gegen Hassbotschaften und Falschnachrichten im Internet sollen die Plattformen künftig Informationen über "Organisation, personelle Ausstattung, fachliche und sprachliche Kompetenz der für die Bearbeitung von Beschwerden zuständigen Arbeitseinheiten und Schulung und Betreuung der für die Bearbeitung zuständigen Personen" veröffentlichen. Den "mit der Bearbeitung von Beschwerden beauftragten Personen" müssen demnach mindestens halbjährlich "deutschsprachige Schulungs- und Betreuungsangebote gemacht werden" - andernfalls würden Bußgelder fällig.

Diese Regeln dürften insbesondere von den Berichten über die Arvato-Einheit in Berlin geprägt sein. Maas' Staatssekretär Gerd Billen hatte selbst mehrfach versucht, sich vor Ort ein Bild der Lage in Facebooks Löschbüro zu machen. Er durfte aber nicht rein.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
spigalli 24.03.2017
1. und jetzt nochmal uncodiert: korrekt interpretiert?
"dass es umfassende Gesundheitsfürsorge sowie Betreuungsangebote für das Personal gebe, die kontinuierlich weiter entwickelt würden. So könne man etwa auch außerhalb der Arbeitszeiten psychologische Hilfe in Anspruch nehmen." - umfassend: "Jeder hat die Mail gekriegt" - Gesundheitsfürsorge: "Sieh zu, dass du nicht krank wirst" - Betreuungsangebote: "Dein Manager berät Dich gern über Alternativen außerhalb unseres Unternehmens, wenn Du das Gefühl hast, Deiner Arbeit nicht gewachsen zu sein." - kontinuierlich weiterentwickelt: "der Typ, der das macht hatte anfangs keine Ahnung, mittlerweile weiss er, worum es geht, morgen sagt er Dir Sachen, die Du bei Google detaillierter findest,..." - auch außerhalb: "der Typ der das macht, schiebt Überstunden, um der Flut von Anfragen Herr zu werden" oder "Wenn Sie zum Psychologen müssen, dann bitte erst nach Schichtende!" Ich könnte kotzen, wenn ich betrachte, wie sehr ich hinter jeder positiven Nachricht das verklausulierte Übel vemute. Zu oft leider zurecht.
blurps11 24.03.2017
2.
Das überrascht nicht gerade. Zwischen der Weltbeglückungsrhetorik von facebook, google, apple usw. und der Praxis dieser Unternehmen gibt es keinen erkennbaren Zusammenhang. Genau deswegen müssen sie on- und offline deutlich besser reguliert werden und dürfen nicht selbst die Regeln schreiben.
kleseb9 24.03.2017
3. Falscher Weg
Die Kontrolle der Kontrolle, sehr schön. Egal ob auf der Strasse oder im Internet: Illegale Handlungen sind durch die Polizei zu unterbinden und zu ahnden. Es wäre viel logischer es würde eine funktionierende staatliche Stelle geben, an die Verstöße gemeldet werden könnten, anstatt kompliziert die Betreiber wie facebook, Twitter oder theoretisch auch aller anderen Websites damit zu beauftragen. Nur um das wiederum umständlich zu regeln und auch noch kontrollieren zu müssen. Das "Polizeisystem" wäre gut finanziert, wenn man es noch schafft das Betreiber wie facebook oder Twitter auch Steuern in Deutschland zahlen würden.
pojarkow 24.03.2017
4. Betriebsrat?
Warum gründen die Beschäftigten keinen Betriebsrat? Der hätte viele Möglichkeiten, gegen schlechte Arbeitsbedingungen vorzugehen.
reifenexperte 24.03.2017
5. Das ist jetzt nicht erstaunlich,
dass Facebook, obwohl es faktisch steuerfrei Milliardengewinne macht, für diese Aufgaben Billigunternehmen anheuern muss und dort die Mitarbeiter nicht betreut werden. Es sollte sich auch jeder, der Facebook nutzt mitverantwortlich fühlen und schämen!
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