Sheryl Sandberg in Berlin Facebook kündigt Initiative für "Gegenrede" an

Facebook will sein Image in Deutschland polieren. Nach der Gründung eines Löschteams in Berlin reiste nun Top-Managerin Sheryl Sandberg an: Sie kündigt eine "Initiative für Zivilcourage Online" an.

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Sheryl Sandberg (Archivbild): Facebook reagiert auf die öffentliche Kritik
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Sheryl Sandberg (Archivbild): Facebook reagiert auf die öffentliche Kritik


Zum Auftakt erzählt Sheryl Sandberg eine Anekdote nur für das deutsche Publikum: Einer Nutzerin sei es gelungen, berichtet die Facebook-Topmanagerin, Zehntausende Mitstreiter zu mobilisieren und den NPD-Facebookauftritt mit einer Art Online-Liebesattacke ("like attack") zu überfluten. Das Ziel: den Hassbotschaften der Rechten mehr Herzlichkeit entgegenzuhalten. Ein gutes Beispiel, findet Sandberg, wie statt Löschung von Inhalten die "Counter Speech" als Mittel gegen Radikalismus genutzt werden könne.

Auf solche Erfolge hofft Facebook auch mit seiner neuen "Initiative für Zivilcourage Online", in die der Internetriese eine Million Euro steckt.

"Das Internet gibt jedermann eine Stimme", sagte die Facebook-Managerin, aber das bedeute eben auch die Verbreitung von Hassbotschaften. "Das beste Mittel gegen Hass ist Liebe, das beste Mittel gegen Intoleranz ist Toleranz". Counter Speech sei "ein mächtiges Instrument".

Bislang hatte sich Facebook in der Debatte um Hass und Hetze nur in Trippelschritten bewegt. Fahrt nahm die Debatte Ende August 2015 auf, als Bundesjustizminister Heiko Maas das soziale Netzwerk per offenem Brief dazu aufforderte, fremdenfeindliche und hetzerische Postings "wirksam zu bekämpfen". Der Minister lud Vertreter des Netzwerks zum Gespräch in sein Ministerium vor, und berief im September eine "Task Force" ein, in die neben Facebook, YouTube und Twitter auch Jugendschutzorganisationen Vertreter entsandten.

Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe wirkten eher dünn, aber am Ende konnte Maas einen kleinen Erfolg vorweisen: Facebook verpflichtete sich, Hasskommentare innerhalb von 24 Stunden zu prüfen und eventuell zu löschen, und zwar am Maßstab des deutschen Rechts, nicht nach Facebooks selbst gesetzten "Community Standards" - eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Nun will Sandberg wohl deutlicher zeigen, dass den Worten Taten folgen. Offenbar nimmt Facebook das Störfeuer aus Deutschland inzwischen ernster als in der Vergangenheit, als Bundesminister wie Ilse Aigner (CSU) noch meinten, mit ihrem Austritt aus Facebook eine Drohkulisse gegen die weltumspannende Plattform aufbauen zu können.

Merkel traf Zuckerberg

Dabei könnte aber auch eine Begegnung zwischen Angela Merkel und Mark Zuckerberg eine Rolle gespielt haben: Im September wurde Merkel bei einer Uno-Veranstaltung Zuckerberg als Tischnachbar zugewiesen, und sie sprach ihn auf die Hassparolen an. "Ich denke, wir müssen daran arbeiten", sagte Zuckerberg. Auf Merkels Nachhaken, ob Facebook die Situation wirklich verbessern werde, antwortete er "Ja" - der Austausch wurde unfreiwillig öffentlich durch ein irrtümlich eingeschaltetes Tischmikrofon.

Ob die Intervention der Kanzlerin bei der Planung der aktuellen Initiative eine Rolle spielte, beantwortete Sandberg in Berlin nicht. Aber Richard Allan, der europäische Policy-Chef von Facebook stellte später klar: "Wenn eine deutsche Kanzlerin mit unserem CEO vertraulich spricht und die Antwort Schlagzeilen macht in der ganzen Welt, dann löst das schon einen Diskussionsprozess in unserem Unternehmen aus." Tatsächlich steht nach SPIEGEL-Informationen noch ein Besuch von Sheryl Sandberg im Kanzleramt auf ihrem Programm - ob nur mit Kanzleramtschef Altmaier oder auch mit Merkel, stand offenbar noch nicht fest.

Anders als Google scherte sich Facebook bislang wenig um die Gunst der deutschen Politik, eher um die der Medien: Der Internetriese hielt Hintergrundrunden mit ausgewählten Journalisten ab, für die hochrangige Facebook-Manager eingeflogen wurden, und im Herbst wurden erstmals Medienvertreter zu einem straff organisierten Ortstermin am europäischen Firmensitz in Dublin eingeladen.

Argumente statt Sanktionen

Doch stets verweigerten die Konzernvertreter detaillierte Auskünfte - sogar in zentralen Fragen wie der Zahl der deutschen Muttersprachler, die von Nutzern gemeldete Einträge prüfen. Facebook ließ nur durchblicken, dass man nicht auf Sanktionen setzen wolle, sondern lieber auf die selbstreinigende Kraft der Community mit ihren 1,5 Milliarden Nutzern. Dieses Konzept der "Gegenrede" setzt auf die Idee, dass sachliche und überzeugende Argumente aus der Facebook-Gemeinschaft viel effektiver sein können, als harte Sanktionen wie das Löschen von Inhalten oder gar die Sperrung ganzer Accounts.

Nun ändert sich die Strategie. Dass eine Top-Managerin wie Sandberg eigens nach Berlin reist, zeigt: Dem Internetriesen ist es ernst mit dem Thema "Hate Speech". Trotzdem sind die Organisationsstrukturen der neuen Initiative noch denkbar diffus: Ob dafür ein guter alter Verein nach deutschem Recht gegründet wird oder eine internationale Organisation, ob es überhaupt einen festen juristischen Rahmen gibt, ist noch unklar.

Das gilt auch für die konkreten Inhalte der Initiative, was man konkret tun will gegen "Hate Speech": Bekannt sind vorerst nur die drei Kooperationspartner, allen voran Peter Neumann, Kopf des "International Center for the study of Radicalisation and Political Violence", dessen Institut sich seit acht Jahren mit dem Thema Hassbotschaften befasst. Dazu kommen das Institute for Strategic Dialogue und die Amadeu Antonio Stiftung, beides Organisationen, die seit längerer Zeit gegen radikale Hetze in sozialen Medien arbeiten.

Neumann nannte als Beispiel für ein Projekt die Forschung darüber, wie man das Umschlagen von Online-Hetze in Gewalt im wahren Leben verhindern kann. "Wir wissen noch nicht, wie man in diesem Raum Internet gesellschaftspolitisch agieren muss", sagte Anetta Kahane von der Amadeu Antonio Stiftung.

Justizstaatssekretär Gerd Billen, ebenfalls auf dem Podium dabei, erinnerte Facebook deshalb auch an das Versprechen, künftig alle rechtswidrigen Kommentare in 24 Stunden zu löschen.

Dafür wird künftig eine große Mannschaft eingesetzt: Nach SPIEGEL-Informationen stellt die Bertelsmann-Tochter Arvato neue "Customer Care Agents" ein, die von Berlin aus problematische Inhalte prüfen und löschen sollen. Es ist das erste Mal, dass Facebook in Deutschland einen externen Partner mit derlei Aufgaben betraut. Sandberg ließ aber offen, inwiefern die neue Initiative mit den neuen Mitarbeitern zusammenarbeiten wird, die Facebook soeben eingestellt hat.

Die Mitarbeiter am Standort Berlin sind dabei nicht nur für deutsche Inhalte zuständig. Arvato suchte in seinen Stellenausschreibung für ein "führendes soziales Netzwerk" auch Muttersprachler in Französisch, Arabisch und Türkisch. "Mit dieser Investition möchte Facebook dafür sorgen, dass Meldungen von Inhalten, die gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstoßen, noch effektiver bearbeitet werden können", sagt Sprecherin Tina Kulow.

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insgesamt 17 Beiträge
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RedEric 18.01.2016
1. Gegenrede...
Gegenrede funktioniert nur, wenn das Gegenüber auch Interesse an Fakten hat. Viele Pegidisten & andere Hater interessiert das aber nicht, sie unterstellen ja sogar der Presse, dass diese nur Lügen.
altmannn 18.01.2016
2. Zusammen
Zitat von RedEricGegenrede funktioniert nur, wenn das Gegenüber auch Interesse an Fakten hat. Viele Pegidisten & andere Hater interessiert das aber nicht, sie unterstellen ja sogar der Presse, dass diese nur Lügen.
wird es aber funktionieren: Gute Gegenrede UND Zensur der Hasskommentare. Dann bleibt nur noch die Gegenrede übrig. Mit Bertelsmann ist auch ein kompetenter Partner gefunden, der sicher entscheiden kann, was Hasskommentare im Sinne der Regierung sind. Der Erfolg ist greifbar.
Bueckstueck 18.01.2016
3. Ich übersetze das mal:
Aber Richard Allan, der europäische Policy-Chef von Facebook stellte später klar: "Wenn eine deutsche Kanzlerin mit unserem CEO vertraulich spricht und die Antwort Schlagzeilen macht in der ganzen Welt, dann löst das schon einen Diskussionsprozess in unserem Unternehmen aus." Sinngemäss heisst das: Wenn man unseren Herr und Meister nicht mit heruntergelassenen Hosen erwischt hätte, wäre es uns doch furzegal was Merkel zu ihm gesagt hat - wir würden einfach weiter machen wie bisher.
berndbuttke 18.01.2016
4. Klatsch
Als Facebook-Manager wäre ich auf die gleiche Idee gekommen: Gegen Hate-Storms helfen nur Love-Storms. Dann klingelts in der Facebook-Kasse noch schöner. Die Geschichte von Merkel und Zuckerberg hat nebenbei was Rührendes. Zufällig sitzen die beiden Kuschelbärchen beim Gala-Dinner nebeneinander und die ganze Welt kann sich freuen. Motto: Endlich geschieht was. Könnte SPON nicht ein wenig kritischer berichten? Der Artikel hat doch nur Klatsch-Niveau!
shran 18.01.2016
5.
Man muss diesen Zensur-Spacken ganz klar zeigen dass es so nicht geht. Nutzt dezentrale, unzensierte, nicht-politsierte Plattformen wie früher im Internet, die sich politischer Einflussnahme auf Dauer vollständig entziehen können ! "Zensur ist, einem Menschen ein Steak zu verbieten, nur weil ein Baby es nicht kauen kann." (Mark Twain)
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