Facebook Sperr-Attacken von rechts

Rechte bombardieren Facebooks Lösch-Teams für untersagte Inhalte mit Meldungen, damit linke Seiten gesperrt werden. Oft verschwinden harmlose Angebote. Jetzt will Facebook helfen.

Screenshot: Aufruf zum Melden der Seite "AfD Watch"
AfD Watch

Screenshot: Aufruf zum Melden der Seite "AfD Watch"

Von Silvio Duwe


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Frederik Greve ist Administrator der Facebook-Seite "Kein Mensch ist illegal". Mit über 120.000 Likes gehört sie zu den erfolgreicheren unter den Seiten, die im Angesicht des alltäglichen Hasses im sozialen Netz für ein friedlicheres Miteinander eintreten.

Am 16. Mai jedoch postet er ein Bild, das Facebook offenbar gar nicht gefällt:

Diese Umfrageergebnisse existieren tatsächlich, doch bei Facebook entscheidet jemand, dass das Posting gegen die Gemeinschaftsstandards verstößt. Es wird gelöscht, Greve soll für 30 Tage als Administrator seiner eigenen Facebook-Seite ausgesperrt werden.

Greve legt Beschwerde ein. Einen Tag später wird der Beitrag wieder freigeschaltet, die Sperre aufgehoben. Doch ein ungutes Gefühl bleibt. Schließlich drohte der Konzern kurz darauf erneut damit, Greves Facebook-Seite komplett offline zu nehmen - wieder wegen angeblicher Verletzung der Gemeinschaftsstandards.

Greves Erfahrung ist kein Einzelfall. Immer wieder geraten Facebook-Seiten, die sich kritisch mit rechtem Gedankengut auseinandersetzen, gemeinsam mit ihren Administratoren ins Visier des Facebook-Löschteams. Die Inhalte, die angeblich die Gemeinschaftsstandards von Facebook verletzen, sind in der Regel Satire oder sogar Screenshots, die rechte Hetzbeiträge dokumentieren sollen. Was die Administratoren dabei besonders verärgert ist, dass die Originalbeiträge von Facebook oftmals geduldet werden. Hetze bleibt online, die Dokumentation der Hetzbeiträge und die kritische Auseinandersetzung damit werden verhindert.

"Gegen die Alternative für Deutschland" dokumentiert einen NS-verherrlichenden Post - Facebook entfernt den Beitrag
AfD Watch

"Gegen die Alternative für Deutschland" dokumentiert einen NS-verherrlichenden Post - Facebook entfernt den Beitrag

Aber warum geht Facebook überhaupt gegen diese Beiträge vor? Administratoren betroffener Seiten vermuten, dass sich Rechte auf Facebook verabreden, um Beiträge und ganze Seiten zu melden, die ihnen nicht passen. Gingen innerhalb kurzer Zeit genug Beitragsmeldungen ein, scheine Facebook weitestgehend ohne Überprüfung des Inhalts zu sperren, vermuten die Seitenbetreiber. Die Rechten scheinen das ähnlich zu sehen. "Die Masse machts.... wir sind das Volk!!" kommentiert einer die Sperrung einer linken Facebook-Seite.

Sperrbenachrichtigung: "Vorübergehend für dich blockiert"
Frederik Greve

Sperrbenachrichtigung: "Vorübergehend für dich blockiert"

Facebook widerspricht auf Anfrage. Ein Beitrag werde nicht deshalb gesperrt, weil er oft gemeldet werde. Entschieden werde allein anhand des Inhalts. Jeder gemeldete Beitrag werde von Muttersprachlern überprüft.

Tatsächlich wird von rechten Seiten und sogar eigens zu diesem Zweck eingerichteten Facebookgruppen immer wieder dazu aufgerufen, linke Beiträge auf Facebook zu melden: "Besonders die Nazi-Satire!" Wenn in der Folge ein Beitrag oder eine ganze Facebookseite offline geht, wird gejubelt: "Jetzt haben wir ein paar linke Politstörer weniger", oder "hex hex weggeflext".

Als im März "AfD Watch", mit damals rund 30.000 Likes eine der reichweitenstärksten AfD-Beobachtungsseiten vom Netz geht, jubiliert Mirko Welsch, der Sprecher der Homosexuellen in der AfD, auf Facebook: "AfDwatch ist Geschichte!!!"

Für die Seitenbetreiber war das hingegen ein schwerer Schlag: die Nachfolgeseite erreicht mit gut 5.000 Fans nur noch einen Bruchteil der Personen. Zudem ist ein ziemlich umfangreiches Archiv über extremistische Äußerungen von AfD-Politikern und deren Umfeld mit einem Schlag aus dem Netz verschwunden.

"Extra3"-Satire geteilt - gesperrt

Hinzu kommt, dass bei den Betreibern mittlerweile eine Art Selbstzensur eingesetzt hat. So veröffentlicht "AfD Watch" keine Fundstücke mehr, die auf den Zweiten Weltkrieg Bezug nehmen. Wenn auf den Seiten der AfD also ein geschichtsrevisionistisches Posting über den Zweiten Weltkrieg gepostet wird, dann wird das von den AfD-Watch-Machern vorerst nicht mehr auf Facebook abgebildet.

Auch satirische Beiträge mit Bezug zum "Dritten Reich" werde es aus Sicherheitsgründen nicht mehr geben, erklären mehrere Seitenbetreiber auf Nachfrage. Kein Wunder: Immerhin stand die Seite "We're watching you" schon einmal vor der Sperrung, nachdem Sie eine "Extra3"-Satire geteilt hatte. In dieser wird Adolf Hitler der Satz "Ich bin ja kein Nazi, aber..." in den Mund gelegt - während Joseph Goebbels ergänzt "…das wird man ja wohl noch sagen dürfen!"

Die Satireseite "Butz Lachmann", die auf den Pegida-Anführer Bachmann anspielt, musste im April ebenfalls neu starten, nachdem sie von Facebook gesperrt worden war. Und das ist nur eine kleine Auswahl der Beispiele.

Facebook hat einen kurzen Draht eingeführt

Dass sich Facebook des Problems bewusst ist, zeigte sich vor einer Woche in Berlin: das Unternehmen hatte betroffene Netzaktivisten wie Frederik Greve zu einem zweitägigen Workshop nach Berlin eingeladen. Diskutiert wurde, wie in dem sozialen Netzwerk auf Hassbotschaften reagiert werden kann - und warum die Netzaktivisten immer wieder damit rechnen müssen, auf Facebook gesperrt zu werden.

Facebook habe dabei eingeräumt, in der Vergangenheit Fehler gemacht zu haben, so Greve. Und das Treffen genutzt, um eine Lösung zu präsentieren. Die anwesenden Seitenbetreiber haben nun einen direkten Draht zu Facebook. Werden ihre Beiträge zu Unrecht gelöscht oder Profile gesperrt, können sie das Problem ab sofort mit einer kurzen Mail klären lassen. Die Unsicherheit, welche Posts erlaubt sind und welche nicht, sei endlich vorbei, freut er sich.

Sogar Satire und Beiträge über den Zweiten Weltkrieg dürfen veröffentlicht werden, haben die Seitenbetreiber erfahren. Selbstzensur ist künftig also nicht mehr nötig.

Organisationen wie die Amadeu Antonio Stiftung, die Expertise im Umgang mit rechter Propaganda haben, stehen bereits seit Längerem mit Facebook in direktem Kontakt. Feste Kriterien, wer einen direkten Draht zu Facebook erhält gibt es hingegen nicht - das Unternehmen hält selbst Ausschau nach Partnern, mit denen es vertrauensvoll zusammenarbeiten möchte.

Der Vorstoß dürfte auch für neue Unruhe unter Netzaktivisten sorgen. Immerhin ist nicht klar, wie die Seitenbetreiber ausgewählt werden, die mit Facebook direkt in Kontakt treten können. Seiten, die keinen Ansprechpartner bei Facebook haben, dürften sich im Nachteil sehen.


Zusammengefasst : Bei Facebook verabreden sich Nutzer mit rechter Gesinnung, um linke Beobachterseiten wie "AfD Watch" durch gezielte Meldungen wegen angeblicher Verstöße gegen Gemeinschaftsstandards sperren zu lassen. Oft wird dann die Dokumentation von Entgleisungen gesperrt, die Original-Entgleisungen dagegen bleiben online. Facebook will nun mit manchen Seitenbetreibern enger zusammenarbeiten, um das künftig zu verhindern.



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