Solidarität bei Facebook Zeig mir dein Regenbogen-Foto - und ich sage dir, wer du bist

Millionen feiern bei Facebook mit einem Regenbogen-Fotofilter das Supreme-Court-Urteil zur Ehe für alle, aber es gibt auch Kritik. Facebook bestreitet, dass es sich um ein heimliches Experiment handelt - doch es gäbe dafür einen Präzedenzfall.

Schwarzenegger-Profilbild mit Regenbogen: Bekenntnis oder Experiment?
Arnold Schwarzenegger/ Facebook

Schwarzenegger-Profilbild mit Regenbogen: Bekenntnis oder Experiment?

Von Philipp Hummel


Facebook ist seit dem Wochenende bunter als je zuvor. Etliche Nutzer haben einen neuen Fotofilter verwendet, um ihre Profilbilder in Regenbogenfarben zu tauchen, zur Feier der Entscheidung des US-amerikanischen Supreme Court zur Öffnung für die sogenannte Homo-Ehe in allen Bundesstaaten. Laut "Washington Post" und anderen US-Medien verwendeten in den ersten paar Tagen mehr als 26 Millionen Menschen die Anwendung. Über 500 Millionen Likes und Kommentare sammelten sich unter den Regenbogen-Bildern. Sogar Prominente wie Arnold Schwarzenegger machten mit.

Nach einer ersten Welle der Euphorie rollt jedoch bereits eine Gegenwelle der Kritik heran. Mit einem eigenen Fotofilter und den Hashtags #pridetobestraight und #pridetoberussian färben etwa Russen ihr Profil in ihren Landesfarben ein. Auch in den USA gibt es einen Filter mit Stars and Stripes als Protest gegen den Regenbogen.

Von anderer Seite gibt es vermeintlich differenziertere Kritik. Sich durch zwei Klicks als politischer Aktivist für eine gerechte Sache zu fühlen, sei scheinheiliger Selbstbetrug, finden manche, sein Regenbogen-Fähnchen in den Wind zu hängen, wohlfeil, weil es weder Aufwand noch Risiko bedeute. Manch einer wirft den Heterosexuellen unter den Regenbogengefärbten vor, das Symbol zur billigen Imagepflege zu vereinnahmen.

Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Einstellungen erfasst

Aktuelle Untersuchungen aber zeigen, dass diese Kritiker mit ihren Pauschalvorwürfen falsch liegen könnten. Im März veröffentlichten zwei Facebook-Forscher die Analyse einer Kampagne für sexuelle Gleichstellung aus dem März 2013. Damals änderten Millionen Nutzer ihr Profilbild in ein rosafarbenes Gleichheitszeichen auf rotem Grund, eine virale Aktion der Human Rights Campaign.

Die Aktion war nicht die erste, aber die bis dato größte Massenbewegung, in der Profilbilder als Zeichen der Solidarität dienten. Die Unterstützer nutzten alle dasselbe Bild oder leichte Variationen davon. Das ermöglichte es den Forschern, einen Algorithmus darauf zu trainieren, die Profilbilder mit den Gleichheitszeichen aus dem Wust aller neu hochgeladenen Bilder herauszufischen. Sie kamen so zu einer Datenbank mit mehr als drei Millionen Nutzern, die ihr Profilbild durch das Gleichheitszeichen ersetzt hatten.

Die Nutzerdaten, die zu 90 Prozent aus den USA stammten, waren zwar anonymisiert, enthielten aber Angaben über Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, politische und religiöse Einstellungen. Außerdem konnten die Forscher den Zeitpunkt des Bildertauschs nachvollziehen und sehen, wie viele Freunde eines Neu-Unterstützers bereits aufs Gleichheitszeichen umgestiegen waren.

Erst wenn genügend Freunde mitmachen, wird gewechselt

Es ist wenig überraschend, dass sich Menschen im mittleren Alter beziehungsweise gebildete und politisch und religiös offene Menschen eher bereit zeigten, ihr Profilbild zu ändern. Zudem fanden die Forscher jedoch heraus, dass sich das Gleichheitszeichen mit einer anderen Dynamik im Netz verbreitete als andere Memes, süße Katzenfotos oder lustige Videos. Während Nutzer solche Beiträge beim ersten Kontakt ohne Hemmungen weiterverbreiten, bedurfte es beim Gleichheitszeichen einer Bestätigung aus dem Umfeld. Es erforderte im Schnitt 14 Facebook-Freunde, die sich zur Gleichheit bekannten, bis sich jemand selbst zum Wechsel entschied.

Diese Beobachtung widerspricht der Kritik, der Wechsel des Profilbildes sei mit keinerlei Mühe oder Risiko verbunden. Manche Nutzer befürchten vielleicht doch, mit einer klaren Stellungnahme Familie, Freunde oder Vorgesetzte vor den Kopf zu stoßen - und zögern deshalb. Sich in seinem selbsterwählten Facebook-Umfeld als Unterstützer sexueller Vielfalt zu zeigen, bringt dagegen bei engen Freunden keinen Imagegewinn, weil sie die Einstellung vermutlich ohnehin teilen. Die Forscher gestehen zwar zu, dass im Fall des Gleichheitszeichens der Aufwand, ein Bild zu speichern und als Profilbild hochzuladen, höher war als beim Teilen eines Katzenfotos per Share-Button. Das allein erkläre aber nicht die beobachtete Schwelle, die es offensichtlich zu überwinden galt.

Es wird interessant sein zu sehen, was Facebook mithilfe der neuen Daten aus der Regenbogen-Kampagne herausfindet. Dieses Mal war es mit wenigen Klicks möglich, sich der Bewegung anzuschließen. Es ist auch kein Algorithmus nötig, um die Regenbogenbilder auszusortieren, denn Facebook hat dank der selbstentwickelten Anwendung einen genauen Überblick über die Teilnehmer.

"Das war kein Experiment oder Test"

Manche halten die Aktion deshalb für ein weiteres gezieltes Experiment. Zuletzt war Kritik an heimlich durchgeführten Studien zum Wahlverhalten und zur Manipulation der Stimmung von Nutzern im sozialen Netzwerk laut geworden.

Facebook weist solche Vorwürfe entschieden zurück. Dort erzählt man lieber eine Geschichte, der die eigenartige Romantik des Silicon Valley anhaftet. Demnach haben zwei Praktikanten den Regenbogen-Hack entwickelt. Ursprünglich nur für Facebook-Mitarbeiter zugänglich, erfreute sich der Filter so großer Beliebtheit, dass man ihn für alle Nutzer freischaltete. "Das war kein Experiment oder Test, sondern ein Mittel zur Unterstützung der LGBT-Community auf Facebook", sagte ein Sprecher der Firma. "Es ist nicht das Ziel der Anwendung, Informationen über Menschen zu sammeln. Wir werden die Daten nicht für personalisierte Werbung verwenden."



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pratter 01.07.2015
1. Wie bekloppt ist das denn wieder?
Die Webaktivisten vom heimischen Sofa zeigen Flagge..... Naja, dann sollen sie sich aml lächerlich machen, die "Freunde" aus den sozialen Medien. Manchmal wünscht man sich in solchen Dingen einen Putin, der diesen Schwachsinn in die schranken weist (hat nichts mit Schwulen zu tun, allgemein gemeint). Einen Eimer Eiswasser über die Birne gießen und schon wird die welt besser. Ein Regenbogenfoto von Selbstdarstellern - schon wird die Welt besser. In Deutschland heißt das "ein Zeichen setzen". Alles inhaltsleere Hülsen von Scheinaktivisten. Danke - die brauchen wir nicht.
seduro34 01.07.2015
2.
" Es ist nicht das Ziel der Anwendung, Informationen über Menschen zu sammeln. Wir werden die Daten nicht für personalisierte Werbung verwenden." Genau! und das sollen die ewig skeptischen, pöhsen Kritiker und User endlich mal einsehen. Wir, Facebook, widmen uns dem Wohl und der freien Kommunikation aller Menschen untereinander. Ganz selbstlos. Wirklich!
titeroy 01.07.2015
3. Selbst machen
Wenn man das Bild selbst einfaerbt und Farbverlauf umdreht oder senkrecht macht, da scheitert dann dre erwaehnte Algorithmus - erst mal...
kantundco 01.07.2015
4. Na, dann warten wir mal ab...
... wie viele Leute sich das Hakenkreuz über ihre Bilder machen, nur weil andere das auch machen. Der Mensch ist doch ein Herdentier. Oder mit Hader gesprochen: "Mehrheitsfähige Meinungen sind mir grundsätzlich suspekt."
mowlwrf 01.07.2015
5.
Letztendlich ist es egal ob Facebook die Daten verwendet oder nicht. Die Möglichkeit das sie es könnten reicht mir persönlich aus, dem Verein fern zu bleiben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.