Datenskandal bei Facebook Der Riese kann sich nicht mehr verstecken

Facebook hat ungeheure Macht aufgebaut - und sich kleingemacht, wenn Probleme auftraten. Bisher ließen Politik und Nutzer den Konzern damit davonkommen. Der jüngste Datenskandal könnte das ändern.

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Auch im jüngsten Skandal um Facebook und die umstrittene Datenfirma Cambridge Analytica war der Tech-Konzern aus dem Silicon Valley mal wieder schneller als die Datenschützer und der Staat. Trotzdem zog Facebook diesmal den Kürzeren.

Der Tech-Konzern hatte nach den jüngsten Enthüllungen rund um die Datensammelei von Cambridge Analytica auf Facebook, womöglich für den Wahlkampf Donald Trumps, flugs eine Truppe von externen Wirtschaftsprüfern angeheuert. In den Londoner Büros von Cambridge Analytica sammelten sie auf eigene Faust Daten und wollten Aufklärung im Dienst des Konzerns betreiben. Dann aber funkte die britische Datenschutzbehörde dazwischen: Der Staat wolle den Fall schon selbst untersuchen. Die Facebook-Ermittler zogen in der Folge wieder ab, heißt es kleinlaut in einer Mitteilung des Konzerns.

Diese Anekdote könnte Vorbote sein für eine grundlegende und dringend nötige Wende im Umgang mit global agierenden Firmen wie Facebook: Nachdem sie jahrelang nahezu unbehelligt Macht anhäufen konnten, sehen die mächtigen Konzerne des Silicon Valley sich im Jahr 2018 mit einem "Techlash" konfrontiert, einer Gegenreaktion auf ihre Machtkonzentration. Das Unbehagen, insbesondere der Politik, wächst - und könnte zu konkreten Einschränkungen für Facebook führen.

Mal ein Riese, mal ein Zwerg

Bislang drückt Facebook sich relativ erfolgreich davor, seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden. Der Konzern konnte in der Vergangenheit auf Nachsicht des Gesetzgebers hoffen - zum Beispiel in den USA, aber auch in Deutschland. Nun fordern US-Politiker offen und lautstark wie selten mehr Regulierung.

Wünschenswert wäre sie. Denn Facebooks bisherige Verantwortungs-Vermeidungsstrategie ist eine Frechheit.

Blickt man auf Facebook, dann sieht man nicht ein, sondern zwei verschiedene, sehr unterschiedliche Unternehmen: Da ist zum einen der Riese Facebook, das Allmachts-Netzwerk, das die ganze Welt verbinden will.

Sein Gründer Mark Zuckerberg formulierte vor ziemlich genau einem Jahr seine Vision einer "globalen Gemeinschaft" in einem 16-seitigen Manifest, eine Nummer kleiner ging es nicht. Seine Plattform und das Internet sollen nach Zuckerbergs Willen für die Nutzer zu einem Synonym verschmelzen. Es war die Zeit, in der gerade wieder Gerüchte hochkochten, Zuckerberg selbst liebäugele mit einer Kandidatur für das Amt des US-Präsidenten, so weit ausgreifend waren seine öffentlichen Äußerungen.

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Das zweite Facebook ist ein globaler Zwerg. Diesen Zwerg beschwört Zuckerberg immer dann, wenn sein Netzwerk in die Kritik gerät und Politiker darüber nachdenken, ob und wie das Netzwerk einzuhegen sei.

Facebooks zweifelhafte Rolle als Ausspielort für Russlands Einflussnahme auf die US-Wahlen 2016, die Donald Trump gewann? Eine "irre Idee", machte Zuckerberg sich zunächst klein, so viel Macht habe das soziale Netzwerk doch gar nicht. Facebook als mächtiges Medium, das zum Beispiel Bilder mit zu viel nackter Haut sperrt? Aber nicht doch, der Konzern geriert sich als neutrale Plattform - obwohl er jeden Tag redaktionelle Entscheidungen trifft.

Facebook-Nutzer müssen sich empören

Da passt es ins Bild, dass Zuckerberg sich zum aktuellen Skandal bislang überhaupt nicht geäußert hat. Auch die mächtige Facebook-Managerin Sheryl Sandberg schweigt. Dass es intern aber gewaltig rumort, zeigt etwa der angekündigte Abgang des Sicherheitschefs Alex Stamos. Der sorgt gerade weltweit für Schlagzeilen.

Facebook ist eben kein Zwerg, sondern ein Riese. Ein Riese kann sich nicht verstecken. Das Unternehmen muss endlich zu mehr Verantwortung und Transparenz gezwungen werden. Statt - wie offenbar geschehen - durch Androhung einer Klage die jüngsten Enthüllungen zu verhindern, müsste Facebook von sich aus über Verdachtsfälle informieren. Im aktuellen Fall wäre das schon 2015 möglich gewesen. Außerdem braucht das Netzwerk härtere Mechanismen, um zu überprüfen, ob sich zum Beispiel Drittanbieter, die an Facebook andocken, an die Regeln des Konzerns halten.

Allerdings fehlt für die nötige Wende noch ein entscheidender Faktor: der Facebook-Nutzer selbst. Der Druck auf den Konzern kann langfristig nur dann entstehen, wenn nicht nur ein paar wütende Politiker Facebook auf die Füße treten. Es braucht auch eine kritische Masse von Nutzern, die sich über Datenskandale empören und von Facebook ein verantwortliches Geschäftsgebaren und Reformen einfordern. Die Nutzer sind die Einzigen, die Facebook wirklich dazu bringen könnten, sich zu ändern. Bisher ist von ihnen leider wenig zu hören.

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Blankoscheck 20.03.2018
1. Jüngster Datenskandal?
Bereits im Mai 2017 hat der Guardian einen Artikel dazu veröffentlicht ... wie immer an den deutschen Medien vorbeigerauscht .... https://www.theguardian.com/technology/2017/may/07/the-great-british-brexit-robbery-hijacked-democracy ... und der die 'jetzigen' Enthüllungen mehr oder weniger 1:1 beschreibt.
hörtauf 20.03.2018
2. Wer beschwert sich denn..
..jeder ist für sein eigenes Tun verantwortlich - und wenn jemand Facebook nutzen will, dann weiß er auch genau, dass weder Daten sicher sind noch sonst irgendwelche Regeln (außer den Facebook-eigenen) gelten. Jeder kann seinen Facebook Account löschen, die App auf seinen Apple-Gerät oder Android-Gerät (sammeln auch alle Daten und verwerten diese) löschen - und seine wahren Freund einfach mal wieder persönlich treffen. Das Datenschutzgerede ist doch eine Farce.
joe_ 20.03.2018
3.
Zuerst die Geschäftsbedingungen lesen und wer dann trotzdem zu Facebook und Co. geht, sollte sich nicht beschweren.
Trollpatsch 20.03.2018
4. Klar, denn Nutzer stimmen gemeinhin mit den Füßen ab.
Und SO systemrelevant ist Facebook selbst für eingefleischt Nerds nicht. Die Gratwanderung, die "the Circle" da veranstaltet, ist am Ende tödlich, denn irgendwo erwischt es jeden mal, egal ob es nun der Klarnamenzwang ist, der Zwang zur Nutzung des verhassten Messengers oder einer der vielen Daten- oder Drittfirmen-Skandale.
rabkauhala 20.03.2018
5. Ist das jetzt überraschend
das Facebook als Gewinnorientiertes Unternehmen alles versilbert, was es verkaufen kann. Seine Skrupellosigkeit und Arroganz gegenüber den Mitgliedern, Behörden und (Steuer-) Gesetzen hat Herr Zuckerberg doch schon x-Fach bewiesen. Viel spannender ist, das sich bei uns über den chinesischen Überwachungsstaat aufgeregt wird, während hier dank Facebook, Amazon, Google und Co. die Wirtschaft schon viel weiter, der Mensch wohl ebenso erpresss- und kontrollierbar ist.
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