Facebook und die US-Wahl Zuckerberg will nicht schuld an Trump sein

Facebook steht unter Beschuss, weil das Netzwerk im US-Wahlkampf Lügen verbreitet und so wohl indirekt Trump geholfen hat. Gründer Zuckerberg nennt die Kritik "ziemlich verrückt" - dabei weiß er es selbst besser.

Mark Zuckerberg
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Bei der großen Ursachensuche, die nach dem Wahlsieg Donald Trumps eingesetzt hat, landen viele Beobachter bei der Rolle Facebooks. Das Netzwerk, für fast jeden zweiten Amerikaner eine wichtige Nachrichtenquelle, hat durch seinen Algorithmus, der den Nutzern die Welt ordnet, zur Radikalisierung zumindest beigetragen.

Unter anderem, weil die Logik Facebooks offensichtliche Falschmeldungen in die Timelines gespült hat - und damit auch den Wahlsieg jenes Kandidaten, der hemmungsloser auf Unwahrheiten setzte, begünstigt haben könnte.

Doch Mark Zuckerberg will nicht schuld sein an Trump. Der Facebook-Chef hat die Vorwürfe, die in Amerika ebenso wie in Europa diskutiert werden, jetzt deutlich zurückgewiesen. Er persönlich denke, sagte er, die Vorstellung sei "ziemlich verrückt", dass Falschmeldungen auf Facebook "die Wahl in irgendeiner Weise beeinflusst" hätten.

Zuckerberg macht sich klein

Fake-Geschichten seien nur ein kleiner Teil der Inhalte auf Facebook und Wähler würden zudem ihre Entscheidungen auf der Basis von Erlebnissen in ihrem Leben treffen, sagte der 32-jährige Facebook-Gründer.

Ziemlich verrückt ist aber eher, wie klein sich Zuckerberg hier macht. Das wichtigste Netzwerk der Welt als ein unbedeutendes Rädchen bei der politischen Meinungsbildung? Zwar ist Zuckerberg nicht bekannt dafür, sich in der Öffentlichkeit allzu kritische Gedanken zur Rolle seines Imperiums zu machen. Doch sein kategorisches Verneinen eines Einflusses auf die Wahl liegt so quer zur Debatte in der Öffentlichkeit, zu den Fragen seiner Mitarbeiter, zu den Eindrücken dieses Wahlkampfes, dass er es dabei kaum belassen kann.

Zuckerberg ist in denial, Zuckerberg blendet die Realität aus, lautet dementsprechend das Echo in amerikanischen Medien.

Mehr Dreck von rechts

In einem Gespräch mit einem Journalisten auf einer Tech-Konferenz in Kalifornien wehrte sich Zuckerberg heftig gegen den Vorwurf, die Falschmeldungen wären ein Vorteil für Trump gewesen. "Warum sollte es Falschmeldungen nur auf der einen und nicht auf der anderen Seite geben?", fragte er.

Schmutzige Halb- und Unwahrheiten wurden tatsächlich von beiden Seiten verbreitet. Aber: Häufig waren es Pro-Trump und Anti-Clinton-Falschmeldungen, die besonders viral gingen, sich besonders weit verbreiteten, darauf deuten mehrere Analysen hin. So kam etwa eine Recherche des US-Portals "Buzzfeed" zu dem Schluss, dass knapp doppelt so viele Lügen aus dem Netzwerk rechtspopulistischer Seiten kamen wie von linker Seite. Außerdem wies "Buzzfeed" nach, dass viele Fake-Nachrichten zum US-Wahlkampf, die von Facebooks Funktionsweise profitierten, von Geschäftemachern aus Mazedonien stammten.

Mehr Lüge als Wahrheit

Diese Falschmeldungen verbreiteten sich so rasant, weil Menschen gern teilen, ohne zu lesen, und weil Facebooks Algorithmus vom Prinzip her Inhalte bevorzugt, die viel geteilt werden, so hanebüchen sie manchmal auch sind. Richtigstellungen, die es in diesem Wahlkampf auch gab, erreichten weniger Aufmerksamkeit.

So wurde etwa die vermeintliche Nachricht, der Papst habe zur Wahl Trumps aufgerufen, mehr als 960.000 mal geteilt. Eine kurz darauf veröffentliche Meldung einer Anti-Fake-Seite erreichte nur 34.000 Shares. Wenn Zuckerberg nun darauf verweist, Nutzer könnten Fake-Artikel melden, trifft das nicht den Kern des Problems - zumal Facebooks Melde- und Löschentscheidungsprozesse nicht gut funktionieren.

Echokammern? Welche Echokammern?

Noch nicht einmal die Existenz von Echokammern auf Facebook wollte Zuckerberg eingestehen. Sein Netzwerk biete Nutzern diversere Informationen als traditionelle Medien, sagte er, und verwies auf eine von Facebook selbst unterstützte Studie zum Thema.

Für Facebook erfüllt der Algorithmus seine Mission dann, wenn er den vom Einzelnen nicht zu bewältigenden Inhaltsschwall so sortiert, dass jeder Nutzer das sieht, was ihn vermeintlich am meisten interessiert. Das "Wall Street Journal" hat eindrucksvoll visualisiert, wie sehr sich die Timeline von einem konservativen Nutzer von der eines Linken unterscheiden könnte: rote Welt hier, blaue Welt dort.

Facebook will kein Medium sein

Das, was Zuckerberg zum Thema Wahlkampf sagte, war in der bekannten Facebook-Tonart gehalten. Das Netzwerk, das für viele Menschen zur wichtigsten (Des-)Informationsquelle im Netz geworden ist, präsentiert sich in offiziellen Stellungnahmen weiter als neutrale Plattform, und nicht als Medium, das redaktionelle Entscheidungen trifft, nach dem Motto: Der Algorithmus wird's schon richten.

In Wahrheit ernten die redaktionellen Entscheidungen, die das Netzwerk sehr wohl trifft (etwa bei der Frage, welche Beiträge gelöscht werden), immer öfter Kritik - weil ihre Auswirkungen immer greifbarer werden. Eine gesetzliche Verpflichtung hat Facebook nicht, doch eine gesellschaftliche Verantwortung, seine Politik zu erklären, wird dem Konzern immer stärker zugeschrieben.

Im Frühjahr erkundigten sich Mitarbeiter bei Zuckerberg sogar in einer internen Fragestunde, welche Verantwortung Facebook habe, einen extremen Kandidaten wie Trump zu verhindern. Seine Antwort darauf ist nicht überliefert - sie ist aber nach dieser Woche dringlicher denn je.

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Phil2302 11.11.2016
1. Nur nie an die eigene Nase packen
Es ist wirklich keine Idee zu dämlich. Hauptsache man findet irgendeinen Schuldigen, der nicht man selbst ist. Steile Thesen, die man hier jeden Tag aufs Neue liest. Ich erinnere mich noch gerne an die Zeit zurück, als die Flüchtlingskrise losging. Wasser auf die Mühlen der Rechten, so hat es jemand beschrieben, wie die EU mit dieser Situation umging. DAS hat den Stein ins Rollen gebracht, nichts anderes. Facebook gibt es schließlich schon länger. Die Verunglimpfung jedes Menschen, der die aktuelle politische und Wirtschaftssituation nicht gutheißt. DAS hat die Situation verschlimmert. Als Clinton von den Medien als Heilige dargestellt wurde. Das war dann der Sargnagel. Was wurde davor gewarnt, wie die Rechten in Amerika zürnen werden, wenn Clinton gewinnt. Jetzt passiert genau das gleiche, nur andersherum. Viele sind sprachlos, warum Trump Präsident werden konnte. Ich bin sprachlos, wie die Medien es einfach nicht schaffen, die Gründe hierfür zu erkennen. Gleich in der ersten Stunde hieß es ja: Weil Clinton eine Frau ist. Die Russen sind Schuld. Das FBI. Nur nie an die eigene Nase packen.
hassenichtjesehn 11.11.2016
2.
Als ich Ende der 80er behauptete dass ein Krieg in Europa nicht möglich ist war von Facebook natürlich weit und breit keine Spur. Nun bin ich aber anderer Meinung. Die sozialen Netzwerke haben mittlerweile eine solche Macht, dass einem angst und bange werden kann. Viele Menschen lassen sich nun mal leider gerne fremdsteuern. Das "Brexit" Beispiel ist der jüngste lebende Beweis.
vor.morgen 11.11.2016
3. Zwei Fliegen auf einen Schlag?
Fast alle großen Medien haben bei der US-Wahl nicht ausgewogen berichtet. Clinton wurde dort viel besser dargestellt, als sie es in Wirklichkeit ist. Und Trump schlimmer als er es (hoffentlich!) sein wird. Facebook lebt primär von den Kommentaren deren Nutzer. Und wenn man Facebook angreift, greift man den an, der dem einfachen Bürger erlaubt, seine eigene Meinung unter die Leute zu bringen. Man bestraft hier also den Boten und weniger die Nachricht. Da es den Printmedien in den USA immer schlechter geht, sie zusätzlich noch mit ihrer Wahlhilfe für Hillary gescheitert sind, versuchen sie wohl nun, von ihrem eigenen Versagen abzulenken, in dem sie einen anderen Schuldigen suchen. Gleichzeitig hoffen sie so, einen ungeliebten Konkurrenten schaden zu können. Denn viele Werbemillionen, die früher zu ihnen flossen, fließen heute zu Facebook. Schlechte Wahlverlierer, die US-Massenmedien, würde ich meinen. Und auch weiter Freiheit für Portale, die auch den einfachen Leuten ein Sprachrohr sein können, fordere ich. In einer immer globalisierteren Welt dürfen nicht einige wenige (Großindustrie kauft Politik kauft Medien) die alleinigen Stimmungsmacher sein. Das Internet, solange der Einzelne sich dort auf Plattformen vielen anderen mitteilen kann, ist ein Mittel der Demokratie gegen den Herrschaftsversuch der Oligarchie.
swnf 11.11.2016
4. Einfache Lösung
Für das Problem gibt es doch eine simple Lösung! Einfach ein Bild mit folgendem Text in seiner Timeline posten: "Hiermit fordere ich Facebook dazu auf, mir in Zukunft keine Falschmeldungen mehr anzuzeigen. Meine Timeline gehört mir und ich will dort nur Dinge lesen, die auch wahr sind!" Schon klappt das und die nächste Wahl wird wieder so ausgehen, wie man sich das vorstellt. Hirn einschalten ist auch weiterhin nicht nötig! :)
bebreun 11.11.2016
5. die Nutzer sind auch wesentlich beteiligt
Solange Frazebuckel derart viele Nutzer hat, die den Zuckerberg immer reicher machen, braucht sich niemand über die Einflußnahme beschweren. Jeder hat selber in der Hand, dort zu lesen, zu liken oder seinen eigenen Sermon abzusondern. Kollektiver Boykott wäre wesentlich wirkungsvoller als ein paar lapidare Sätze an den Zuckerberg.
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