Facebook und die Falschmeldungen Medienmaschine auf Abwegen

Hat Facebook durch das Verbreiten von Lügengeschichten Donald Trump geholfen? Diese Frage bringt Konzernchef Mark Zuckerberg immer stärker in Bedrängnis. Das Netzwerk muss seine Erfolgsformel überdenken.

Mark Zuckerberg
Getty Images

Mark Zuckerberg

Von


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Donald Trump wird der nächste Präsident der USA und Facebook-Messias Mark Zuckerberg hat ein Problem. Auch eine Woche nach der Wahl verfolgt den Gründer von Facebook eine unangenehme Frage: Hat sein Netzwerk durch das Verbreiten von Lügengeschichten den Erfolg des chronischen Lügners Donald Trump möglich gemacht oder zumindest begünstigt?

Der Vorwurf: Facebook gelingt es nicht, seinen Newsfeed halbwegs frei von Falschmeldungen zu halten. Der Facebook-Algorithmus bescherte so in einem von Lügen und Halbwahrheiten dominierten US-Wahlkampf erfundenen Nachrichten Millionen von Interaktionen.

Während man bei Facebook mit viel Verve jeder sichtbaren Brustwarze hinterherjagt, gibt sich Zuckerberg in Sachen Fake-Nachrichten nun bemerkenswert unbeteiligt. Doch die Kritik an Facebooks Umgang mit Lügengeschichten reißt nicht ab. Auch innerhalb des Unternehmens rumort es jetzt offenbar gewaltig.

Auch Mitarbeiter zweifeln an Zuckerberg

Zuckerberg versucht sich seit dem Trump-Erfolg aus der Affäre zu ziehen, indem er die Macht seines Netzwerks kleinredet. Dass Falschmeldungen auf Facebook "die Wahl in irgendeiner Weise beeinflusst haben, ist eine ziemlich verrückte Idee", sagte er auf einer Konferenz in Kalifornien vor einigen Tagen.

In einem längeren Facebook-Eintrag wandte Zuckerberg sich zudem gegen die Behauptung, seine Firma sei ein Medienunternehmen, das für die Inhalte verantwortlich gemacht werden könne, die es über seine Seite ausspielt.

Unbeeindruckt von ihrem Chef, der wieder einmal das Bild von der neutralen Plattform Facebook heraufbeschwor, haben laut dem Portal "Buzzfeed" "Dutzende" Facebook-Mitarbeiter nun eine inoffizielle Task-Force gegründet. Die Gruppe wehre sich gegen Zuckerbergs Schönfärberei nach den Wahlen. Laut dem Bericht hat sie es sich zum Ziel gesetzt, die Rolle des eigenen Dienstes beim Verteilen von Fake-Nachrichten zu untersuchen.

Man müsse prüfen, ob Facebook genügend Mitarbeiter für den Kampf gegen Fake-Nachrichten abgestellt habe, heißt es, und ob es technische Funktionen gebe, die man besser einsetzen könne. "Facebook wird von Leuten benutzt, um ihren Bullshit zu verbreiten", zitiert "Buzzfeed" einen Facebook-Mitarbeiter.

Zuvor hatte Facebook eine Meldung zurückgewiesen, in der es hieß, Facebook habe ein Newsfeed-Update zum Kampf gegen Lügenberichte nicht zum Einsatz gebracht, weil es angeblich konservative oder rechtsgerichtete Seiten überproportional stark benachteilige.

Zuckerberg will keine publizistische Verantwortung

Anscheinend sehen immer mehr Facebook-Mitarbeiter Zuckerbergs Weigerung kritisch, Verantwortung für die Inhalte zu übernehmen, die Nutzer in dem Netzwerk vorgeschlagen bekommen. Der Konzern scheut sich seit jeher, publizistische Entscheidungen zu thematisieren oder gar im Detail zu erklären. Warum etwa können sich offenkundige Falschmeldungen problemlos verbreiten, während die Nutzer manch andere Inhalte nicht einmal zu Gesicht bekommen?

Im September sperrte Facebook zum Beispiel das berühmte Vietnam-Kriegsfoto der unbekleideten Kim Phuc nach einem Napalm-Angriff. Nach viel Kritik lenkte das Unternehmen ein. Doch schon kurze Zeit später stand Facebook wieder in der Kritik, als das Netzwerk ein Comic-Video zum Thema Brustkrebs sperrte.

Im Mai erregten politische Manipulationsvorwürfe gegen das Netzwerk Aufsehen. Der Vorwurf damals: Facebook habe in seiner US-Rubrik der sogenannten "Trending Topics" systematisch konservative Themen unterdrückt. Die Funktion wird US-Nutzern auf der Startseite angezeigt und soll aktuelle Themen sichtbarer machen. Facebook fand damals laut eigener Aussage keine Belege für eine systematische Manipulation. Es veränderte seine Abläufe aber trotzdem, wohl um Kritik vorzubeugen.

Facebook ist eine wichtige Nachrichtenquelle geworden

Bezeichnenderweise führte der Vorfall nicht dazu, dass mehr der Editors angestellt wurden. Ihre Aufgaben wurden nun einer Software übertragen. Wenn es darum geht, den Nachrichtenfluss auf der Seite zu lenken, scheint Facebook die Lösung eher in mehr Technik zu sehen - und nicht in einem größeren redaktionellen Engagement.

Den Nachrichtenkonsum im Netz hat Facebook derweil in einer nie dagewesenen Weise zentralisiert. Im August 2016 besuchten rund 160 Millionen Amerikaner Facebook, etwa die Hälfte der 320 Millionen Einwohner des Landes. Knapp die Hälfte der Amerikaner sieht oder liest in dem Netzwerk Nachrichten, heißt es in einer Pew-Studie für 2016.

Aber wären die Wahlen wirklich anders ausgegangen, wenn die Wählerschaft weniger Fake-Nachrichten präsentiert bekommen hätte? Wenn die Amerikaner weniger Falschmeldungen über eine mörderische Hillary Clinton gelesen hätten, die angeblich illegalen Immigranten als Dank für ihre Stimme die Staatsbürgerschaft verleihen will? Man weiß es nicht.

Wichtig ist es auch, zu bedenken, dass es nicht nur gefälschte, diffamierende Nachrichten über Clinton gab, sondern auch solche, die Demokraten in die Arme spielten - wohl aber in geringerem Ausmaß. Viele der Fake-News stammen offenbar nicht einmal von Republikanern oder Demokraten, sondern wurden von findigen Betreibern in Mazedonien in die Welt gesetzt.

Fakt oder Fiktion? Dem Algorithmus ist das erst einmal egal!

Diese Randnotiz mag kurios klingen, verweist aber auf ein grundlegendes Problem von Facebooks Geschäftsmodell. Der Wahrheitsgehalt eines Posts scheint erst einmal nahezu egal für den Facebook-Algorithmus. Gemessen wird, wie stark mit dem Beitrag interagiert wird. Wie viele Likes? Wie viele Shares? Je mehr Leute sich bei Facebook für eine Meldung interessieren, desto mehr Leute landen potenziell auf den Seiten der Nachrichten-Erfinder - und bescheren ihnen so Werbegelder. Lügen kann sich lohnen.

Auch abseits von Facebook treibt das Problem der gefälschten Nachrichten in diesen Tagen die großen Tech-Konzerne um. Neben Facebook versucht auch Google aktuell, den Betreibern von Seiten mit Falschmeldungen die Werbeeinnahmen abzugraben. Beide Konzerne wollen entsprechende Angebote künftig aus ihren Werbenetzwerken ausschließen.

Solcher Bemühungen zum Trotz: Wer in den USA noch Montagnachmittag nach den finalen Wahlergebnissen googelte, dem wurde in der Google-News-Rubrik als erstes Ergebnis eine Seite vorgeschlagen, die behauptete, Trump habe den sogenannten "Popular Vote" gewonnen.

Das stimmt aber nicht. Die meisten Stimmen insgesamt - auch wenn das nicht wahlentscheidend war - konnte Hillary Clinton sammeln. Es ist eine weitere Verdrehung der Wahrheit. Aber zumindest in diesem Fall ist auch sicher: Diese Lüge kann Clinton nicht die Präsidentschaft gekostet haben.


Zusammengefasst: Auf Facebook kursierten vor den Wahlen in den USA viele falsche Nachrichtengeschichten. Sie könnten Donald Trumps Sieg begünstigt haben, sagen Kritiker. Konzernchef Mark Zuckerberg schlägt nun sogar aus den eigenen Reihen Unmut über sein Krisenmanagement entgegen.

Mehr zum Thema


insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
monolithos 15.11.2016
1. Hat Herrn Zuckerberg sein Algorithmus Falschmeldungen geschrieben?
Ich bin ja nun nicht gerade ein Freund des Fratzenbuches. Aber wahlhelfende Falschnachrichten haben doch nicht der Herr Zuckerberg oder sein Algorithmus geschrieben, sondern Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, diese Plattform nutzen. Johannes Gutenberg und Ernst Litfaß wurden ja auch nicht (posthum) für den Wahlsieg der NSDAP verantwortlich gemacht.
dashaarindersuppe 15.11.2016
2. wenn er dem Inhalt sämtlicher Postings wüsste
dann wäre er Gott, und selbst Gott käme bei dieser Datenflut in Stress !
bild-leser 15.11.2016
3.
Facebook hat nicht nur in der großen Politik entscheidenden Einfluss; Facebook beeinflusst die Wahlen bis in die kleinste Kommune. Der Profiteur in Deutschland ist die AfD. Es ist irre, welche Falschmeldungen über Facebook durch die Kommunen laufen, und zwar stets die Hysterie steigernd. Glaubt man Facebook, so lauert hinter jeder Ecke in jeder x-beliebigen Kommune irgendein Syrer oder schlimmer noch ein Afghane, der "unsere" Frauen bedroht". Und dieser Schwachsinn wird den Facebook-Gläubigen in Echtzeit übermittelt. Facebook ist wegen seiner Falschmeldungen eine tatsächliche und schlimme Gefahr für die Demokratie, weil Falschmeldungen völlig ungefiltert und nicht revidierbar multipliziert werden.
bigjim68 15.11.2016
4. Die Menschen wollen Antworten und nicht noch mehr Fragen!
Letztens hatte ich mich in größer Runde über diese Thema unterhalten und allgemein konnte man ein "Was sollen wir denn machen" heraus hören. Die Menschen da draußen werden mit immer neuen Fragen im Regen stehen gelassen. Ein Grund dafür, das die rechte so erstarkt ist. Weil niemand Antworten gibt. Genau wie in diesem Artikel der sonst gut gemacht ist. Wo sind Antworten, wie Alternativen zu Facebook, Sicherheits-Software um sauber zu browsen. Ohne Hinweise zu Auswegen werden die Menschen mürbe und die Welt wird undurchdringlich. Ein Gefühl des ausgeliefert sein, stellt sich ein. Der Verstand stellt auf Durchzug. Es ist an der Zeit, Stellung zu beziehen statt immer nur neutral zu berichten egal wie doll der Haufen stinkt. Ich empfehle mal einen Blick zu Diaspora. Das einzige Soziale Netzwerk, was seinen Namen verdient. Wenn ich hier den Link dazu schreibe, wird der Artikel wahrscheinlich nicht veröffentlicht.
roughneckgermany 15.11.2016
5.
In den postfaktischen Zeiten ist redaktionelle Aufarbeitung umso wichtiger.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.