Umstrittene neue Funktion Was Facebooks Gesichtserkennung in der Praxis bedeutet

In den kommenden Wochen bietet Facebook seine Gesichtserkennung auch in Deutschland an. Die umstrittene Funktion soll Nutzern mehr Sicherheit bieten. Wir erklären, was es damit auf sich hat.

Gesichtserkennung (Symbolbild)
Corbis

Gesichtserkennung (Symbolbild)


Facebook will Nutzern ein wenig mehr Kontrolle darüber geben, welche Werbung sie angezeigt bekommen - und Nutzer zwischen 13 und 15 brauchen für manche Funktionen bald eine Erlaubnis ihrer Eltern oder Erziehungsberechtigten.

Doch das ist nicht die einzige Neuerung, die Facebook am Mittwoch angekündigt hat. Das Unternehmen will in Europa auch eine Funktion zur Gesichtserkennung einsetzen. Hier beantworten wir die wichtigsten Fragen zum Thema.

Welchen Zweck erfüllt Facebooks Gesichtserkennungs-Funktion?

Die Funktion soll es ermöglichen, dass Nutzer auf Fotos und in Videos auf Facebook automatisch erkannt werden, ohne dass sie vorher jemand markieren muss.

Wie will Facebook die Nutzer automatisch erkennen?

Durch eine Analyse vorhandener Bilder. Aus dem Profilfoto eines Nutzers sowie Bildern, auf denen er markiert wurde, wird ein sogenanntes Template - eine Art digitale Identifikationsmarke - erstellt. Werden anschließend Bilder bei Facebook hochgeladen, können diese auf Gemeinsamkeiten mit bekannten Bildern hin untersucht und erkannte Personen automatisch markiert werden.

Warum sollten Nutzer solch eine Funktion gut finden?

Neben dem leichteren Markieren von Freunden in Bildern nennt Facebook einen weiteren Nutzen: Sicherheit. Dem Unternehmen zufolge können Nutzer mithilfe der automatischen Gesichtserkennung einfacher kontrollieren, welche Bilder, auf denen sie zu sehen sind, veröffentlicht werden. So soll es immer einen Hinweis geben, wenn Facebook ein Bild der eigenen Person erkennt und man zur festgelegten Zielgruppe des Fotos gehört. Auch Profilkopien durch Betrüger sollen so verhindert werden.

Ist es Pflicht, die Gesichtserkennung zu nutzen?

Nein, Facebook erklärt, dass die Nutzung der Gesichtserkennung freiwillig ist. Wenn Nutzer sie nicht aktivieren, soll es von ihnen auch kein Template geben. Entsprechend sollen diese Personen dann nicht auf Fotos erkannt werden. Ob man die Gesichtserkennung aktivieren will oder nicht, fragt Facebook in den kommenden Tagen und Wochen ab.

Auch eine nachträgliche Deaktivierung ist möglich. Dann würden auch bereits angelegte Gesichts-Templates gelöscht, heißt es. Das soll in den Einstellungen unter Chronik und Markierungen möglich sein. Für Nutzer unter 18 Jahren soll die Gesichtserkennung standardmäßig ausgeschaltet bleiben.

Wie ist die Standardeinstellung?

Zunächst ist die Gesichtserkennung nicht aktiviert. Das entsprechende Menü, das Facebook seinen EU-Nutzer demnächst zeigen wird, ermutigt jedoch dazu, sie zuzulassen: Die Einwilligung zur Gesichtserkennung lautet "Accept and Continue" - akzeptieren und weitermachen - und ist durch einen blauen Hintergrund prominent markiert. Wer aber nicht zustimmen will, hat nicht etwa die naheliegende Option "I do not accept", sondern muss "Manage Data Settings" anklicken. Das ist erstens nicht eindeutig und klingt zweitens nach Arbeit für den Nutzer. Drittens ist das Feld nicht farblich hinterlegt. Wer dennoch diese Option auswählt, bekommt erst zwei Argumente von Facebook angezeigt, warum es vorteilhaft sei, die Gesichtserkennung doch zu aktivieren. Anschließend werden noch einmal zwei Optionen angeboten. Die obere besagt, dass man Facebook erlaubt, "mich in Fotos und Videos zu erkennen". Die untere besagt, dass man Facebook das nicht erlaube. Um die Gesichtserkennung deaktiviert zu lassen, muss man diese Option auswählen. Zur Aktivierung ist also nur ein Klick nötig, zur dauerhaften Deaktivierung sind es drei Klicks.

Gibt es Kritik an der Einführung der Gesichtserkennung?

Facebook hatte eine solche Funktion bereits 2011 eingeführt. Nach massiven Protesten wurde diese in Europa aber seit 2012 ausgesetzt und die bis dahin gesammelten Daten gelöscht. Auch jetzt gibt es Kritik, zum Beispiel von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Es sei einerseits unklar, was über die geschilderte Nutzung hinaus mit den biometrischen Daten geschehe, kritisieren die Verbraucherschützer. Aktuell erkläre Facebook zwar, sie würden nicht mit anderen Unternehmen geteilt, das könne sich künftig aber ändern. Anderseits sei der angebliche Sicherheitsaspekt der Gesichtserkennung in der Praxis fraglich: So wird man laut Facebook ja lediglich informiert, wenn man auf öffentlich geposteten Fotos erkannt wird.

Verteilt jemand Bilder innerhalb geschlossener Nutzerkreise, bekommt man davon nach bisherigen Erkenntnissen nichts mit. Unklar ist bislang auch, wie die Gesichtserkennung mit Fehlerkennungen umgeht - etwa im Fall von Personen mit ähnlichem Aussehen.

Was für Erfahrungen gibt es schon mit der Gesichtserkennung?

In vielen anderen Teilen der Welt ist die Gesichtserkennung bereits im Einsatz. Die Resonanz ist aber auch dort nicht nur positiv: Mitte April gab ein Richter im US-Bundesstaat Kalifornien grünes Licht für eine Sammelklage von Facebook-Nutzern gegen die Gesichtserkennung. Sie klagen, dass durch die Funktion ihre Rechte eingeschränkt würden.

Wann geht es in Deutschland los?

Facebook will europäische Nutzer in den kommenden Tagen und Wochen sowohl über die neuen Datenschutz-Optionen als auch über die Einführung der Gesichtserkennung informieren. So sollen laut den Plänen des Netzwerks alle Nutzer bis zum 25. Mai eine Entscheidung über die Funktion getroffen haben.

mak/dpa



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
grumpy53 19.04.2018
1. oh ja!!!!!
Zitat aus der Überschrift: Die umstrittene Funktion soll Nutzern mehr Sicherheit bieten. Und das, nachdem gerade raus kam, wie sensible Daten mißbraucht wurden und Mr. Facebook himself dem Kongress das erklären musste - und sehr vage blieb, wie Datenschutz in Zukunft in seinem Unternehmen ernst genommen wird. Wer jetzt noch (ich war es von Anfang an nicht) naiv denkt, man hätte eigenen Einfluß darauf, dass "big brother is watching you" zu verhindern wäre, oder dass man die eigenen Daten im Griff hätte, sollte alle digitale Technik lieber abgeben. Derjenige lebt in einem Paralleluniversum.
fredadrett 19.04.2018
2. Sauber recherchiert
Facebook will nicht, sondern Facebook muss mit der neuen DSGVO Richtlinie die Datenschutzrechte von Minderjährigen (hier unter 16) schützen bzw. beachten.
ptb29 19.04.2018
3. Warum sollten Nutzer solch eine Funktion gut finden?
Weil Facebook mit den Daten noch mehr Geld verdienen kann. Wer kennt wen, wer trifft zufällig wen, wer geht im selben Geschäft einkaufen oder ins gleiche Restaurant. Alles was Google mit seiner Cloud bereits anbietet bzw. mit den Daten seiner Nutzer ermittelt. Der Minority Report lässt grüßen. "Ihr Lieblingsessen hat auch Jack the Ripper gerne gegessen"...
Actionscript 19.04.2018
4. Der Sicherheitsaspekt ergibt sich mir nicht.
Ich habe die Gesichtserkennung, die in den USA schon eingeführt ist, abgelehnt. Beim Einloggen kann man von je her das 2 Punkte System, Passwort und Code über Handy, benutzen. Doch wenn FB erst einmal Gesichtsdaten hat, so können die für Erkennung in Videos und Bildern von Events eingesetzt werden. Auch ist klar, dass die Gesichtserkennung dann Teil des Paketes ist, was als Datenpaket für Werbung benutzt wird. Aus ähnlichen Gründen lehne ich auch Gesichtserkennung beim Handy Einloggen ab.
santoku03 19.04.2018
5.
Wie die Facebook-Nutzer damit umgehen, ist mir relativ egal - die sind eh meist unbelehrbar. Mich stört daran, dass ich als Unbeteiligter und Facebook-Verächter wahrscheinlich auf etlichen Fotos mit drauf bin, die vom Bekanntenkreis gepostet werden und mich daher nicht dagegen wehren kann, ebenfalls der Gesichtserkennung zum Opfer zu fallen, wenn Leute, die mich kennen, mich auf den Fotos markieren.
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