Schnüffel-Plan der Schufa: Was Facebook über Sie verrät
Hängt die eigene Kreditwürdigkeit künftig vom Facebook-Freundeskreis ab? Werden Mobilfunkverträge teurer, wenn man die falschen Bekannten hat? Die Schufa will Social Networks als Datenquelle nutzbar machen, Datenschützer und Politiker sind empört. Was verrät Facebook tatsächlich über uns?
Datenschützer sind alarmiert, Bundesminister empört: Die Kreditwürdigkeits-Auskunftei Schufa hat das Hasso-Plattner-Institut (HPI) mit einem Projekt beauftragt, das soziale Medien zur Bonitätsprüfung nutzbar machen soll. Im Grunde ist der Schritt nur folgerichtig: Auskunfteien nutzen seit jeher öffentlich verfügbare Daten und viel Statistik, um möglichst präzise vorhersagen zu können, ob jemand einen Kredit wird abzahlen können oder ob eine hohe Rechnung womöglich platzen wird. Durch das Internet sind mehr Informationen über einzelne Menschen und ihr soziales Umfeld verfügbar als jemals zuvor.
Entscheidet also die Zusammensetzung des eigenen Freundeskreis künftig mit darüber, wie teuer ein Mobilfunkvertrag wird oder ob es einen Kredit gibt?
Das größte Risiko ist der Nutzer selbst: Je mehr er auf einem sozialen Netzwerk von sich preisgibt, desto mehr hilft er Außenstehenden, sich ein Bild von seiner Person zu machen. Ganz so freizügig wie in den Anfangsjahren der sozialen Netzwerke geben sich auf Facebook mittlerweile weniger Menschen: Für die Öffentlichkeit sind viele Profile nicht oder nur zum Teil einsehbar. In der Fotostrecke erklären wir, wie Sie Ihr Facebook-Profil möglichst blickdicht machen. Nicht-öffentliche Informationen sollen nach Schufa-Angaben nicht ausgewertet werden.
Ein Schufa-Sprecher versicherte auf Nachfrage: "Es geht nur um Daten, auf die jedermann jederzeit öffentlich zugreifen kann." Man habe sich mit dem Hasso-Plattner-Institut gezielt einen deutschen Partner gesucht und werde "nur im deutschen Rechtsrahmen agieren".
Abgleich mit dem Schufa-Durchschnittswert des Freundeskreises?
Doch wie viel man anfangen kann mit Daten, die bei Facebook, Twitter und anderswo zur Prüfung der Kreditwürdigkeit einer Person gewonnen wurden, da ist sich Alexander Graubner-Müller nicht so sicher.
Er ist Cheftechniker eines Start-ups namens Kredito, das Kleinkredite übers Internet vergibt und sich von seinen Kunden Zugriff auf deren Facebook-Daten geben lässt - allerdings nicht zur Bonitätsprüfung, sondern nur, um die Identität des potentiellen Kreditgebers zu prüfen. "Wenn ich sehe, dass ein Account schon seit einigen Jahren existiert, eine dreistellige Freundeszahl hat und diese Freundes-Accounts ebenfalls schon seit einiger Zeit existieren, kann ich mir relativ sicher sein, dass es die Person wirklich gibt", sagt Graubner-Müller, "das lässt sich nicht so leicht fälschen".
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"Brisanz der Pläne dem HPI nicht so ganz bewusst"
Zwar sei es theoretisch "denkbar, dass ich jeden Freund einzeln klassifiziere, sei es über deren Profilinformation oder den Abgleich mit der eigenen Datenbank", sagt Graubner-Müller. Aus dem Schufa-Durchschnittswert der Freunde ließen sich dann, bei einem genügend großen Datensatz, womöglich statistische Rückschlüsse über die Kreditwürdigkeit eines bestimmten Nutzers ziehen. Praktisch aber würde ein solches Vorhaben am Zuordnungsproblem scheitern, glaubt Graubner-Müller: Welcher Hans Mustermann gehört zu welchem Schufa-Eintrag?
Kredito nutzt zur Bonitätsprüfung andere, öffentlich zugängliche Informationen - etwa Einträge im Schuldnerregister, veröffentlichte Informationen über Privatinsolvenzen oder Offenbarungseide, Datenbanken über die durchschnittliche Kreditwürdigkeit der Bewohner bestimmter Wohngebiete. Solche Informationsquellen nutzen auch andere Auskunfteien. Informationen aus sozialen Netzwerken könnten da kaum mehr als ein "Puzzleteilchen" sein, glaubt Graubner-Müller.
Jürgen Webermann von NRD Info, dem die Projektvorschläge des HPI vorliegen, sagt allerdings: "Das geht weit über das Auslesen von Facebook-Profilen hinaus, im Projektvorschlag ist beispielsweise auch von 'nicht öffentlichen Quellen (dark web)' die Rede." Mit dark web sind in der Regel Bereiche des Internets gemeint, die von Suchmaschinen nicht erfasst werden oder die gar nicht frei zugänglich sind. Man habe bei NDR Info den Eindruck, "dass den Projektmitarbeitern am HPI die Brisanz ihrer Pläne nicht so ganz bewusst war", sagt Webermann.
Vorsicht ist im Umgang mit sozialen Netzwerken in jedem Fall geboten, ganz unabhängig von den Plänen der Schufa. Die Daten, die beispielsweise bei Facebook öffentlich zugänglich sind, werden schon von einer ganzen Reihe von interessierten Parteien begeistert genutzt. Etwa ...
- ... von Scheidungsanwälten, die dort nach Belegen für Ehebruch oder Falschangaben suchen;
- ...von italienischen Steuerfahndern;
- ..von Cyberstalkern und anderen Kriminellen, die mit Informationen aus Facebook-Profilen beispielsweise die Antworten auf die Sicherheitsfragen in E-Mail-Accounts erraten können ("Wie heißt dein liebstes Haustier?");
- ...von Krankenversicherungen (in Kanada), die sich für allzu fröhliche Urlaubsbilder von vermeintlich wegen Depression krankgeschriebenen Versicherten interessieren;
- ...von Fahndern der Strafverfolgungsbehörden in diversen Ländern, die mit Facebooks Hilfe schon mal Killer aus dem Milieu der organisierten Kriminalität oder gesuchte Betrüger aufspüren;
All das funktioniert umso besser, je offener die Nutzer mit ihren Daten umgehen. Doch selbst Nutzer, die ihr Profil abdichten, öffnen dann häufig doch eine Hintertür: Sie legen sich eine für sie interessante Zusatzfunktion zu, eine App für ein Spiel, ein Quiz oder eine andere praktische Anwendung.
Das "Wall Street Journal" hat hundert der beliebtesten Facebook-Apps untersucht. Dabei kam heraus, dass manche von ihnen zum Beispiel die E-Mail-Adresse des Nutzers und seiner Freunde auslesen. Einige interessieren sich auch für den momentanen Standort oder die sexuellen Präferenzen desjenigen, der sich die App zulegt - und damit Zugriff auf sein Konto gewährt.
Facebook ist mit seinen mittlerweile mehr als 900 Millionen Nutzern so groß, dass es nicht einmal mehr hilft, sich einfach herauszuhalten aus dem Netzwerk. Denn der Onlineriese weiß oft auch über diejenigen etwas, die gar kein Konto bei Facebook haben - sondern nur jemanden kennen, der eines hat. Das hat zum Beispiel ein Forscherteam am Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg herausgefunden. Dazu müssen Adressbücher in das Netzwerk hochgeladen werden, Mitglied sein muss der Betroffene bei Facebook aber nicht. Der Verbraucherzentrale Bundesverband hat gegen Facebooks "Freundefinder"-Funktion, die für das Auslesen der Adressbücher verantwortlich ist, bereits geklagt und war in erster Instanz erfolgreich. Facebook hat seit Einreichung der Klage zwar bereits abgeändert, den Verbraucherschützern gehen die Änderungen aber nicht weit genug. Der Rechtsstreit dürfte noch eine Zeitlang weitergehen. Klar ist in jedem Fall: Das digitale Sozialumfeld lässt eine ganze Reihe aufschlussreicher Folgerungen zu. US-Forscher konnten anhand des sogenannten Social Graph sogar die sexuelle Orientierung von Facebook-Nutzern erraten.
Längst gibt es Dienste, die ganz unverhohlen das digital nachvollziehbare soziale Netzwerk eines Einzelnen analysieren, etwa PeerIndex und Klout. Diesen Diensten gewährt man Zugriff auf Netzwerke, in denen man Mitglied ist - Facebook, Twitter, Google+ und so weiter. Ein Algorithmus errechnet dann aus den vorhandenen Informationen - mit wie vielen Nutzern man verbunden ist, wie oft diese geteilte Links oder Fotos weiterreichen - einen Punktwert. Je höher die Zahl, desto wichtiger und einflussreicher schätzen Klout oder PeerIndex den Nutzer ein.
Ähnliche Einschätzungen sollen auch das Projekt von HPI und Schufa abwerfen: Erwünscht ist etwa die "automatisierte Identifikation von Personen öffentlichen Interesses, Verbraucherschützern und Journalisten". Bleibt die Frage, ob und wie eine solche Einstufung sich auf die von der Schufa ermittelte Kreditwürdigkeit auswirken soll.
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