Neue Regeln für die Nutzer: Farce in Facebookistan

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Facebook will sich neue Regeln zum Umgang mit Nutzerdaten geben - und tut so, als würden die Änderungen in einem transparenten Prozess in Zusammenarbeit mit den Mitgliedern abgestimmt. Tatsächlich erinnert das Verfahren an Pro-Forma-Mitbestimmung in autoritären Staaten.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg: Der Herrscher präsentiert sein Reich Zur Großansicht
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Facebook-Chef Mark Zuckerberg: Der Herrscher präsentiert sein Reich

Facebook ändert seine Nutzungsbedingungen, und alle Mitglieder sind eingeladen, sich die neuen Regeln - mit denen Facebook noch mehr Daten als bisher weitergeben darf - vorab anzusehen. Alle Mitglieder? Nun ja, zumindest diejenigen, die den verschlungenen Pfad auf eine Unterseite finden und ausreichend Zeit mitbringen, ein langes Dokument durchzuarbeiten.

"Wir können uns eh nicht wehren", kommentiert ein Nutzer. Obwohl Facebook das Gegenteil versichert, drängt sich dieser Eindruck auf. Künftig will sich Facebook erlauben, neue Nutzungsregeln ganz ohne Beratungsprozess einzuführen, ohne seine Nutzer danach zu fragen und darauf hinzuweisen. Wer Facebook weiter nutzt, hat zugestimmt - auch wenn er von den Änderungen nichts mitbekommen hat.

Das ist dreist. So dreist wie die Art, in der Facebook Nutzern derzeit seine neuen Regeln präsentiert. Vorgeblich sollen die Mitglieder des Netzwerks mitreden dürfen. Die neuen Regeln wurden deswegen auf der Facebook-Seite "Facebook Site Governance" veröffentlicht. Wer nicht irgendwann Fan dieser Seite geworden ist, bekommt allerdings kaum mit, was dort passiert.

Außerhalb dieser Fan-Seite mit dem komplexen Namen hat Facebook die eigenen Nutzer nicht auf die anstehenden Änderungen hingewiesen und - "Bitte überprüfe die Vorschläge" - nach ihrer Meinung gefragt.

Facebook ignoriert Nutzerfragen

Seit dem 15. März steht das Dokument - rund 37.000 Zeichen Fließtext - dort zur Diskussion. Schon einen Tag später war einem Mitglied aufgefallen, dass spezielle Regeln für deutsche Nutzer erwähnt werden - an der Stelle in dem Dokument soll später wohl ein Link stehen, der in der Vorabversion vergessen worden war. Das Mitglied fragte also in den Kommentaren nach diesen speziellen Regeln für Deutschland. Wo diese zu finden seien?

Keine Antwort. In den Tagen darauf fragten weitere Mitglieder nach diesen Regeln - auch sie bekamen keine Antwort. Die Auflösung: Es handelt sich um spezielle Zusätze für Deutschland, die schon lange existieren und auf der Website abrufbar sind. Sie sollen unverändert bleiben, erklärte Facebook auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Dieses Detail zeigt, wie ernst Facebook die Diskussion mit den Mitgliedern über die Regeln des Zusammenlebens auf der Plattform nimmt. Nicht nur, dass die neuen Nutzungsregeln regelrecht versteckt werden und künftig sogar stillschweigend geändert werden dürfen sollen - wenn sich ein Nutzer dorthin verirrt, sich durch die Textwüste arbeitet und eine Frage stellt, wird er auch noch alleingelassen. Das ist konsequent: Im Börsenprospekt Facebooks ist keine Rede von einem Mitspracherecht der Mitglieder.

Der Herrscher von Facebookistan erlässt Gesetze, wie es ihm passt. Und Mark Zuckerberg ist tatsächlich der Herrscher von Facebook - er besitzt die Mehrheit der stimmberechtigten Firmenanteile.

Allein in Facebookistan. Facebookistan - so nennt die Autorin Rebecca MacKinnon das Riesennetzwerk, bei dem bald eine Milliarde Menschen Mitglied sein werden. Facebook ist für viele zur Kommunikationszentrale geworden, es ist ein Treffpunkt für Familie, Freunde, Kollegen, ein wichtiges Werkzeug für politische Aktivisten - und eine gewaltige Marketingmaschine.

Den Firmenchef Mark Zuckerberg bezeichnet MacKinnon als Herrscher, der sich selbst für wohlwollend halte. Er beschließt, dass Transparenz der Welt guttue, dass auf Facebook jeder mit seinem richtigen Namen angemeldet sein muss, auch wenn das in Ländern wie China oder Iran für Menschen, die für Grundrechte einstehen, drastische Folgen haben kann. Facebookistans Herrscher kommt nicht in den Sinn, dass es an der Art und Weise, wie er sein virtuelles Riesenreich führt, etwas auszusetzen gäbe.

Der Herrscher von Facebookistan erlässt Gesetze, wie es ihm passt. Zyniker mögen einwenden, niemand sei zur Nutzung von Facebook verpflichtet, es handele sich um eine freiwillige Veranstaltung, niemand halte Mitglieder vom Austritt auf. Doch das ist zu kurzgedacht. Zum einen ist fraglich, wie freiwillig die Nutzung eines Dienstes ist, wenn große Bevölkerungsgruppen einen Teil ihres Soziallebens dort führen. Zum anderen ist Facebook so wertvoll, weil Hunderte Millionen Menschen es wertvoll machen.

Diesen Mitgliedern gebührt mehr Respekt, als die Herrscher von Facebookistan ihnen entgegenbringen.

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1. Was der EU
felisconcolor 22.03.2012
Zitat von sysopdapdFacebook will sich neue Regeln zum Umgang mit Nutzerdaten geben - und tut so, als würden die Änderungen in einem transparenten Prozess in Zusammenarbeit mit den Mitglieder abgestimmt. Tatsächlich ist das Verfahren eine Farce, die an Pro-Forma-Mitbestimmung in autoritären Staaten erinnert. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,823015,00.html
Recht ist kann Facebook doch nur billig sein. Nein da gibt es keine Unterschiede mehr. Daten sind Daten. Und wer sie weswegen auch sammelt ist vollkommen unterheblich.
2. Informationsvieh
Abbuzze 22.03.2012
Das größtenteils gedankenlos wiederkäuende Informationsvieh wird über die grüne Marketingwiese getrieben und jeder Haufen wird weiterverkauft. Ein schöner Tag in Facebookistan.
3. Ich bin ein Zyniker
otto_61161 22.03.2012
"Zyniker mögen einwenden, niemand sei zur Nutzung von Facebook verpflichtet, es handele sich um eine freiwillige Veranstaltung, niemand halte Mitglieder vom Austritt auf." Dem ist nichts hinzuzufügen "Doch das ist zu kurz gedacht. Zum einen ist fraglich, wie freiwillig die Nutzung eines Dienstes ist, wenn große Bevölkerungsgruppen einen Teil ihres Soziallebens dort führen." Da gibt es den bekannten Vergleich mit der Ernährung von Milliarden Fliegen. "Zum anderen ist Facebook so wertvoll, weil Hunderte Millionen Menschen es wertvoll machen." Und ich Ignorant habe den Wert immer noch nicht erkannt, es ist zum Heulen
4. Insbesondere zum letzten Absatz...
sappelkopp 22.03.2012
Zitat von sysopdapdFacebook will sich neue Regeln zum Umgang mit Nutzerdaten geben - und tut so, als würden die Änderungen in einem transparenten Prozess in Zusammenarbeit mit den Mitglieder abgestimmt. Tatsächlich ist das Verfahren eine Farce, die an Pro-Forma-Mitbestimmung in autoritären Staaten erinnert. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,823015,00.html
... "Zyniker mögen einwenden, niemand sei zur Nutzung von Facebook verpflichtet, es handele sich um eine freiwillige Veranstaltung, niemand halte Mitglieder vom Austritt auf. Doch das ist zu kurz gedacht. Zum einen ist fraglich, wie freiwillig die Nutzung eines Dienstes ist, wenn große Bevölkerungsgruppen einen Teil ihres Soziallebens dort führen." ...meine ich, dass Menschen, die von einem Freundeskreis ausgeschlossen werden, weil sie Facebook nicht nutzen, sich lieber mal neue Freunde suchen sollten. Ich habe Facebook ausprobiert. Keine der Funktionen dort helfen mir wirklich bei der Pflege meiner sozialen Kontakte weiter. Es sei denn ich will jedem jederzeit mitteilen, welche wichtigen Meinung ich vertrete oder wo ich gerade meine Pizza esse. Doch für mich gibt es wirkliches Wichtigeres mit wirklichen Freunden zu besprechen. In meiner Jugend war es wichtig, Individualität zu zeigen. Heute scheint es wichtig, dass zu machen, was alle machen. Verarmen wir?
5. Das ist alles nur geklaut...:)
sagmalwasdazu 22.03.2012
Willkommen in Facebookistan.. Ich hatte grade in einem anderen thread das Land " Steuerspardistan " gegründet. :)) Und nun das. Danke SPON ! :)
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Soziale Netzwerke
Facebook
DPA
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
Google+
Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
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Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
Spin.de
Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
MySpace
MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...

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